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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 44/2002)
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Die Innenseite der der Globalisierung |

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Über die Ursachen von Wut und Hass Götz Eisenberg
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V. Soziale und psychische Desintegration |
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Eine gut integrierte Gesellschaft, in der die maßgeblichen Werte von der Mehrheit geteilt werden, in der Psyche, Bewusstsein, Gefühls-, Affekt- und Denkneigungen der Individuen in die Funktionen und Gefüge des Systems einbezogen sind, wird Desintegrationserscheinungen in einzelnen ihrer Subsysteme, also beispielsweise eine konjunkturell bedingte Schrumpfung des Arbeitsmarktes, verkraften können. Das neuartige an den Krisen der Gegenwart ist ihr umfassender Charakter. Sie erfassen die Gesellschaft weit über ihren ökonomischen Sektor hinaus, durchdringen alle Poren und Schichten des Lebens und lassen die traditionellen Formen der Subjektausstattung erodieren. Als Marie Jahoda und ihre Kollegen Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts die psychischen und sozialen Folgen der Arbeitslosigkeit im ehemaligen Fabrikdorf Marienthal untersuchten, stießen sie auf Interesselosigkeit, Apathie, Alkoholismus und Resignation. Die arbeitslos gewordenen Menschen glitten "allmählich ab aus einer geregelten Existenz ins Ungebundene und Leere". Das sind bis heute die dominierenden Reaktionsformen auf Entwurzelungserfahrungen geblieben. Doch es mehren sich die in der Bevölkerung verstreuten "psychopathischen Schläfer". Werden psychisch labile und narzisstisch extrem verwundbare Menschen von gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen erfasst und in eine anomische Position gedrängt, kann es zu völlig unverhältnismäßigen, entgrenzten Reaktionen kommen. Die Gesellschaft liefert ihren pathologisch verzerrten Wahrnehmungen fortwährend Material, das ihre Projektionen und wiederentflammten frühkindlichen Spaltungsneigungen bestätigt. Kränkungen und Zurückweisungserfahrungen sammeln sich an, von denen keine in Vergessenheit gerät. Der Amoklauf von Eching und Freising im Februar 2002 demonstriert, dass Kündigungen von Arbeitsverhältnissen und schulisch zugefügte Demütigungen ein hochexplosives Gemisch aus Hass und Selbsthass freisetzen können, das sich schließlich in einem amokartig erweiterten Suizid entlädt.
Es geht eben, wenn Arbeit verloren geht, viel mehr verloren als Arbeit. Desintegration, Identitäts-, ja Existenzverlust drohen. Wenn das schon leidlich stabile Zeitgenossen in ihrem leib-seelischen Gleichgewicht erschüttert, wieviel mehr muss es jene treffen, die ohnehin Mühe haben, den Kopf über der Oberfläche der Realität zu halten und in ihr leidlich zu funktionieren? Die Funktion von Arbeit und sozialen Rollen, von Alltagsroutine und Gewohnheiten wird umso bedeutsamer, je prekärer das psychische Gleichgewicht eines Menschen ist. Arbeit zählt bei psychisch labilen und von Fragmentierung bedrohten Menschen mit einer großen narzisstischen Verletzbarkeit zu den Ich- und Selbst-Erhaltungsmechanismen. Eingeschliffene "Anpassungsmechanismen" entlasten Paul Parin zufolge von der ständigen Auseinandersetzung mit der Außenwelt, wie die Abwehrmechanismen dies gegenüber verpönten Triebregungen tun. Anpassungsmechanismen funktionieren wie Zahnräder, die das Ich mit der Außenwelt synchronisieren. Sie erweisen sich aber nur solange als Stabilisatoren der Ich-Organisation, solange sich die sozialen Verhältnisse, unter denen eine Person lebt, nicht einschneidend ändern. Passiert genau das, treten Verzahnungsmängel auf, die das Anpassungsgefüge ins Wanken bringen. Neue Ich-Synthesen müssen entwickelt, die Identität muss umgebaut werden, was häufig neurotische oder gar psychotische Symptombildungen zur Folge hat. Das psychische Gleichgewicht gefährdeter Menschen hing an äußeren Strukturen und Stützen, deren gleichbleibendes Fortbestehen ihnen ein relativ unauffälliges Leben ermöglichte. Schwere Persönlichkeitsstörungen, die im geregelten Alltag leidlich eingekapselt waren, brechen nun auf und schieben sich in den Vordergrund. Gelingt der Rückweg in die Normalität nicht, wird der aus der Welt gefallene Mensch mehr und mehr von seiner Tagtraumwelt aufgesogen. Er brütet über seinen inneren Unglücksvorräten, und seine ins Innere zurückgenommenen psychischen Energien drohen in den Bann eines "malignen Narzissmus" (Otto F. Kernberg) zu geraten, der in ihm den Entschluss wachsen lassen kann, seinen Abgang aus der Welt als grandiosen Rachefeldzug und als finales Feuerwerk zu inszenieren. |
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10. Februar 2012
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