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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 44/2002)

Die Innenseite der der Globalisierung


Über die Ursachen von Wut und Hass
Götz Eisenberg
Inhalt

Einleitung

I. "Sind wir nicht alle ein bisschen Robert?"

II. Verinnerlichte soziale Kontrolle

III. Wieviel Flexibilität verträgt der Mensch?

IV. Psychische Deregulierung

V. Soziale und psychische Desintegration

VI. Die "Bösen" sind wir los, das "Böse" ist geblieben

VII. Geräte-Sozialisation

VIII. Ein moralisches Ozonloch

IX. "Entinnerlichung" der sozialen Kontrolle

X. Der Amoklauf des Geldes

VI. Die "Bösen" sind wir los, das "Böse" ist geblieben

Was uns in Aufregung versetzt und ratlos macht, ist das gehäufte Auftreten von Taten, die sinn- und motivlos erscheinen. Der Hass, der hier zu Tage tritt, ist entweder vollkommen grundlos und "rein", oder er steht in keiner nachvollziehbaren Relation zu dem Anlass, der den Affekt auslöste.

"Wenn die Gewalt aus der Unterdrückung aufsteigt, dann der Hass aus der Entleerung", sagt Jean Baudrillard. Man müsse den Begriff des Abfalls und des Mülls verschieben und erweitern: "Das Schlimmste ist nicht, dass wir von Abfällen umgeben und überschwemmt sind, sondern dass wir selbst in Abfall verwandelt wurden." [2] Die auf neuen Technologien basierende enorm gestiegene Produktivität des Kapitals emanzipiert sich von der Arbeit der Menschen und lässt immer mehr von ihnen wie Fische auf dem Trockenen liegen. Sie werden nicht einmal mehr ausgebeutet; schlimmer, als ausgebeutet zu werden, scheint es indessen zu sein, überhaupt nicht mehr gebraucht zu werden. Es zeuge, so Baudrillard, von einem Rest an Vitalität, wenn vor allem junge Leute auf ihre Verwandlung in menschlichen Müll mit Wut und Hass reagierten. Da die globale Herrschaft des Kapitals, die sich den Anschein unausweichlicher Naturprozesse und systemischer Sachzwänge zu geben versucht, dem klar definierten politischen Kampf keinen Anhaltspunkt und Raum mehr bietet, erzeugt sie einen Hass, der ohne Gegenstand ist. Auf ihrem Gipfelpunkt scheint sich die Konzentration ökonomischer Macht in Anonymität zu verwandeln, in einen völlig abstrakten, subjektlosen Prozess. Die aggressiven Impulse stoßen ins Leere. Wem wollten wir heute die Schuld geben? Der Globalisierung?

Globalisierung: Was ist das? Wer steht dahinter, wer steuert sie, hat sie einen Sitz, eine Zentrale? Was verbirgt sich hinter den Kürzeln WTO, NAFTA, MAI, IWF, Weltbank? Wer hat entschieden, dass jetzt Globalisierung ist? Ist Globalisierung gut, schlecht, ein unabweisbares Verhängnis oder von allem ein bisschen? Für die Attentäter des 11. September symbolisierten die Türme des World Trade Center die Globalisierung, aber haben sie diese durch deren Zerstörung getroffen?

"Die Welt...", schrieb Theodor W. Adorno, "...nähert sich dem Bild, das der Verfolgungswahn von ihr entwirft." Die paranoide Regression scheint das psychologische Korrelat einer undurchschaubaren Welt zu sein, die keine sicht- und greifbaren Gegner mehr bereit hält. Die Menschen sind mehr und mehr in weitläufige, anonyme Prozesse eingespannt, die sie nicht durchschauen und beeinflussen können und die dennoch über ihr Schicksal entscheiden. Wenn der Internationale Währungsfond die Vergabe von Krediten an ein Land der Dritten Welt mit der Bedingung verknüpft, Sozialabgaben zu kürzen und Importzölle abzuschaffen, sterben dort in der Folge Tausende von Menschen. Wer aber erkennt den Zusammenhang?

Der "reine", frei flottierende Hass ist auch das Produkt personaler Entleerung und kaum auzumachender Verantwortlichkeit. Die "Bösen" sind wir los, das "Böse" ist geblieben, ließe sich eine Erfahrung betiteln, welche die aus Rumänien nach Deutschland emigrierte Herta Müller in einem ihrer Romane eine Figur formulieren lässt: "In dem anderen Land...", sagte Irene, "... habe ich verstanden, was die Menschen so kaputtmacht. Die Gründe lagen auf der Hand. Es hat sehr weh getan, täglich die Gründe zu sehen. ... Und hier...", sagte sie: "Ich weiß, es gibt Gründe. Ich kann sie nicht sehen. Es tut weh, täglich die Gründe nicht zu sehen." [3]
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10. Februar 2012
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Gewalt in der Gesellschaft
Editorial
Gewalt und Gesellschaft
Gewalt in modernen Gesellschaften - zwischen Ausblendung und Dramatisierung
Jugendgewalt und Gesellschaft
Die Innenseite der der Globalisierung
Gewalttätig durch Medien?
Veränderung der Schulkultur als Ansatz schulischer Gewaltprävention
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