"Wir waren bis zu dieser brutalen Wahnsinnstat eine ganz normale Familie", schreiben die Eltern von Robert Steinhäuser in einem offenen Brief. Dieser von den rat- und fassungslosen Eltern formulierte Satz lässt auch eine ganz andere, erschreckende Interpretation zu: Auch eine "ganz normale" Kindheit in einer nach außen "ganz normal" erscheinenden Familie kann Entbehrungen und Traumatisierungen bereithalten, die irgendwann eine destruktive Entwicklung in Gang setzen.
Immer mehr Familien, die "ganz normal" wirken, sind in Wirklichkeit geprägt von Indifferenz und Kälte: das bloße Nebeneinander von Einsamkeiten. Es mag sein, dass heutigen Kindern manches an körperlicher Rohheit und Misshandlung erspart bleibt. Aber was wie gewachsene Duldsamkeit und Verständnis den Kindern gegenüber aussieht, ist mitunter von Kindesaussetzung, Lieblosigkeit und mangelndem emotionalem Interesse kaum zu unterscheiden und grenzt an eine zeitgenössische Form von Kindesaussetzung. Hinter der gewachsenen Toleranz und Milde stehen oft Schwächen, Desorientierung und Verunsicherung der Eltern, deren eigener Wertehorizont instabil ist und die nicht wissen, woran sie sich in puncto Erziehung halten sollen. Vielfach ziehen sich Eltern deswegen aus dem Feld der Erziehung zurück und überlassen ihre Kinder sich selbst und der expandierenden Welt technischer Geräte. Aber auch Eltern, die sich ihren Erziehungsaufgaben verantwortungsvoll stellen und das Über-Ich ihrer Kinder strukturieren wollen, müssen registrieren, dass sie das Monopol auf Prägung ihres Nachwuchses längst eingebüßt haben und dass sie mit anderen, zum Teil mächtigeren Einflüssen konkurrieren müssen.
Die "psychische Geburt des Menschen" (Margaret S. Mahler) ist in all ihren Stadien einer Fülle von Schädigungsmöglichkeiten ausgesetzt, von denen hier nur einige Erwähnung finden können. Auch im Feld der Erziehung stoßen wir auf Aspekte von Entleerung. Kinder und Jugendliche wollen und müssen ausprobieren, wie weit sie gehen und die Grenzen verschieben können. Für ihren Selbst- und Weltbezug ist es wesentlich, dass sie dabei irgendwann an Grenzen stoßen, die ihnen Widerstand bieten und zu einer halbwegs realistischen Selbsteinschätzung verhelfen. Diese entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern nur in der Auseinandersetzung mit leibhaftig anwesenden Bezugspersonen, die dem Kind Gelegenheit geben, sich mit seinen Möglichkeiten und Grenzen vertraut zu machen. Nur so lernt das Kind, mit unerlässlichen Versagungen und Frustrationen umzugehen und ein realistisches Bild von den eigenen Möglichkeiten zu entwickeln. Gehen die kindlichen Suchbewegungen ins Leere, bleiben frühkindliche Phantasien von Allmacht und Grandiosität erhalten, die dann angesichts zwangsläufig erfahrener Enttäuschungen eine endlose Kette von Frustrationen und Kränkungen nach sich ziehen, die sich im Inneren ansammeln und irgendwann einen primitiven Racheimpuls auslösen und zum Ausbruch lang gestauter "narzisstischer Wut" führen können. Selbst kleine Enttäuschungen und Zurückweisungen, die anderen läppisch erscheinen mögen, werden als Signal einer drohenden narzisstischen Katastrophe bedeutet, gegen die Kampf mit allen Mitteln geboten ist. Nur wer Bedingungen "optimaler Versagung" und konturierte und konturierende Bezugspersonen vorfindet, wird psychische Strukturen ausbilden können, die zwischen Außen- und Innenwelt vermitteln, Orientierung ermöglichen und das Subjekt instand setzen, mit Enttäuschungen, Frustration und Kritik einigermaßen gelassen umzugehen.
"Ist denn da keiner und niemand und nichts? Was muss ich tun, damit jemand kommt und sich meiner Angst und Wut annimmt, die mich zu zerreißen drohen?", könnten viele heutige Kinder, die an ihre technischen "Spielzeuge" angekettet sind wie Platons Höhlenbewohner an ihre Bänke, fragen. Sie leben in einer "Echowelt" (Dorothea Dieckmann), die ihnen immer nur die eigene Stimme zurückwirft. Selbst wenn das pädagogische Engagement der Erwachsenen die Form von Strafe oder gar Schlägen annähme, wäre das immer noch leichter zu ertragen als vollkommene Indifferenz und eine berührungslose Leere, die sich im Innern der Kinder breit macht. Gewalt kann unter diesen Bedingungen zum verzweifelten Versuch werden, "zum Anderen vorzudringen" (Jessica Benjamin). Wenn alle noch tastenden kindlichen oder jugendlichen Hilferufe ins Leere gehen, stellt sich ein Gefühl des Existierens irgendwann nur noch ein, wenn "es kracht" oder gar Blut fließt.
Christoph Türcke hat gezeigt, dass auch der modische Trend, sich tätowieren oder piercen zu lassen, dieser Dynamik entspricht.
Tattoo, Piercing, Branding erschließen sich vor diesem Hintergrund als ein Aufbegehren gegen einen Mangel an leiblicher Anwesenheit und sinnlicher Dichte in einer mikroelektronisch verflüchtigten, ungreifbaren Welt. Die Grenzen zwischen Körperschmuck und der neuen Massenkrankheit, sich selbst zu verletzen, sind fließend. Immer mehr Menschen greifen, wenn innere Spannungen und Gefühle der Leere überhand nehmen, zu Messer oder Rasierklinge und ritzen sich die Haut auf. Ein unerträglicher seelischer Schmerz wird durch einen lokalisierbaren körperlichen Schmerz ersetzt. Die Wunde wird zum Ventil, durch das quälende innere Spannungen entweichen. Nur der Schmerz ermöglicht ein Gefühl der Identität, der Grenzziehung zwischen innen und außen, Ich und Welt.
"Heute entscheidet in der Erziehung weniger die väterliche Brutalität ..., sondern eine bestimmte Art von Kälte und Beziehungslosigkeit, die die Kinder in ihrer frühen Kindheit erfahren", schrieb Theodor W. Adorno bereits 1962.
Von nichts und niemandem manifest unterdrückt und doch um das Wesentliche betrogen, wachsen psychisch frigide Menschen heran, die nicht wissen, wer an ihnen und ihrem namenlosen Unglück schuld ist und wohin sie sich mit ihrer gestauten Wut wenden sollen. Hass und diffuses narzisstisches Unbehagen stammen heute überwiegend nicht aus missglückten Objektbeziehungen und Wunden, die von strengen Eltern zugefügt wurden, sondern aus Bindungslosigkeit und Erziehungsverweigerung, die auch und vielleicht gerade in den Mittelschichten verbreitet sind. Nichts und niemand gibt den Trieben der Kinder und Jugendlichen Dauer und Form, ihr Selbstgefühl kann sich an der Waren- und Geldsubjektivität ihrer Ungebung nicht erwärmen. Ihr Inneres verwandelt sich in eine Gletscherlandschaft eingefrorener Gefühle und psychischer Prozesse. Das Resultat der erzieherischen Verwahrlosung kann ein subjekt- und objektloser Hass sein, der vollkommen "rein" ist und vermehrt frei flottierende, blinde Gewalt hervorruft, die Polizei, Justiz und forensischen Gutachtern Rätsel aufgibt. Ihre Suche nach erkennbaren Motiven fördert nichts Greifbares zutage. Was aber, wenn genau dies Fehlen greifbarer Motive das Motiv wäre? |
 |