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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 45/2001)

Politische Orientierungen Jugendlicher


Ergebnisse und Interpretationen der Sachsen-Anhalt-Studie "Jugend und Demokratie"
Sibylle Reinhardt / Frank Tillmann
Inhalt

I. Der Anlass: Die Landtagswahl 1998

II. Demokratie-Lernen als Erwerb von Konfliktkompetenz

III. Geschlecht und Politik: Das Private ist nicht politisch

IV. Prosozialität und Politik: Prosoziale Werte und/oder Konfliktkompetenz?

V. Vertrauen in Institutionen und Politik - was bedeutet das Vertrauen?

VI. Partizipation in der Schule - und in der Politik?

VII. Fazit

V. Vertrauen in Institutionen und Politik - was bedeutet das Vertrauen?
Das Vertrauen in Institutionen, das Sachsen-Anhalts Schülerinnen und Schüler im Sommer 2000 äußern, zeigt Strukturen, wie sie auch in anderen Jugendstudien festgestellt wurden. [22] Bundesregierung, Bundestag und politische Parteien schneiden am schlechtesten ab; diese Kerninstitutionen des parlamentarisch-demokratischen Systems liegen im zugesprochenen Vertrauen weit hinter Institutionen der Aufgabenerfüllung durch die Exekutive bzw. der Streitentscheidung durch die Judikative. Fast genau so hoch wie diese zweite Gruppe von Institutionen liegen Bürgerinitiativen und Greenpeace als Institutionen bürgerschaftlicher Einmischung in die Politik (vgl. Schaubild 5).

Die Erklärung dieser Daten (und ähnlicher in anderen Studien) kann auf die Glaubwürdigkeit der Institutionen hinweisen und wird dann auf Spendenskandale (im Frühjahr 2000, also kurz vor der Befragung, wurden Spendenskandale der CDU in Bund und im Land Hessen in der Öffentlichkeit mit Nachdruck diskutiert und kritisiert) und auf das Erscheinungsbild von Politikern im Parlament und außerhalb verweisen. Diese Erklärung des geringen Vertrauens als Konsequenz der Erscheinung dieser Institutionen kann sich in unseren Daten dadurch gestützt sehen, dass - auf eine Frage politischen Wissens - die Jugendlichen zu über einem Drittel angaben, in einer Demokratie sei die wichtigste Funktion von Wahlen, "das Interesse der Bürger/innen an der Regierung zu steigern". Demgegenüber sahen nur ca. 30 Prozent die Funktion von Wahlen darin, "einen gewaltfreien Wechsel der Regierung zu ermöglichen" (und jeweils etwa 15 Prozent kreuzten an, "im Land bestehende Gesetze beizubehalten" bzw. "den Armen mehr Macht zu geben"). Wahlen sind im Blick unserer Befragten eher gigantische Public-Relations-Veranstaltungen als demokratische Wege zur Politikbestimmung und Politikänderung!

Dieser Erklärung durch die Glaubwürdigkeit des politischen Personals und ihre Wahrnehmung durch die Befragten muss aber unseres Erachtens eine zweite oder auch konkurrierende Interpretation hinzugefügt werden, die die Mühsal des Demokratie-Lernens (als im Übrigen lebenslangen Bildungsprozesses) in den Vordergrund stellt. Das politische System der Demokratie setzt bei seinen Bürgerinnen und Bürgern eine Konfliktkompetenz voraus, die privaten Wünschen nach Eindeutigkeit, Harmonie und gemeinschaftlicher Solidarität widerspricht. Diese Wünsche und Sehnsüchte machen es schwer, Funktion und Arbeitsweise sowie Erscheinungsbild jener Institutionen einzuordnen, die im Kern des konflikthaften Prozesses agieren.

Viel Vertrauen erhalten Institutionen der dritten Gewalt, die aus dem Streit herausgehoben und in die Position eines neutralen Dritten gebracht und somit konfliktfern erscheinen, weil sie konfliktschlichtend und -entscheidend arbeiten. Sie werden wohl nicht als Teil des Konfliktsystems in Demokratie und Rechtsstaat gesehen und profitieren - so die These - in ihren Vertrauenswerten von diesem Missverständnis. Vergleichbar erklären sich möglicherweise die hohen Vertrauenswerte für Institutionen, die eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen haben, ohne dass sie in den konflikthaften Prozess der Aufgabenbestimmung eingebunden sind. Bürgerinitiativen schließlich haben den Vorteil, dass sie begrenzte einzelne Konfliktthemen verfolgen, die häufig eine auf den ersten Blick hohe moralische Überzeugungskraft haben. Bürgerinitiativen müssen nicht selbst unterschiedliche Interessen bündeln und irgendwie vermitteln (wie politische Parteien) und sie müssen auch nicht viele unterschiedliche Themen behandeln. Diese Eindeutigkeit ist ihre Stärke und verleiht ihnen häufig Glaubwürdigkeit, die durch die Basishaftung und unvermittelte Bürgernähe verstärkt wird. Das ihnen entgegengebrachte Vertrauen ist also gut zu verstehen. Genau so gut ist das geringere Vertrauen für die Kerninstitutionen des politischen Prozesses zu verstehen.

Es ergibt sich somit eine konkurrierende Interpretation zur Interpretation des geringen Vertrauens als (womöglich gerechte) Quittung für die Glaubwürdigkeit und Effektivität der Institutionen Bundesregierung, Bundestag und politische Parteien: Ein Verständnis dieser Institutionen setzt eine Konfliktkompetenz voraus, die faktisch eher seltener gegeben ist. Den Institutionen kann in ihrer grundsätzlichen Funktion und in ihrer konkreten Erscheinung nur schwer Vertrauen entgegengebracht werden, weil ihr Handeln notwendigerweise nach einer anderen "Logik" erfolgt als das private Leben.

Es ist also zu bedenken, worauf Bettina Westle hingewiesen hat, dass "Vertrauen" erst einmal eine Kategorie der sozialen Welt ist und nicht unhinterfragt auf den politischen Bereich übertragen werden darf. [23] Es wäre sogar höchst unangemessen, wenn ein demokratisches System sich auf das (gewissermaßen "blinde") Vertrauen seiner Bürger und Bürgerinnen stützte und nicht auf deren kritisches Urteil. Die Bedeutung von "Vertrauen" in der Frage nach dem Institutionenvertrauen ist demnach in zwei Dimensionen unklar: Zum einen ist unklar, ob die Befragten ihr Vertrauen als soziale oder politische Kategorie verstehen, zum zweiten ist unklar, ob sie die grundsätzliche Funktion der Institution im Auge haben oder die konkrete Verhaltensweise (des Personals der Institution).

In der Sachsen-Anhalt-Studie haben wir in die Liste der erfragten Institutionen (die im Übrigen weitere Institutionen als die oben genannten enthält) - unseres Wissens zum ersten Mal in einer solchen Studie - die Institution Schule aufgenommen. Wegen des Mangels an Vergleichswerten ist die Tatsache, dass zwei Drittel unserer Befragten der "Schule" einiges oder viel Vertrauen entgegenbringen, schwer einzuordnen. Jedenfalls hatten wir in der Projektgruppe geteilte Erwartungen: Die einen waren sicher, der Wert würde ganz schlecht sein (etwa wie bei den Parteien), die anderen rechneten mit einem eher positiven Ergebnis - wir alle waren jedenfalls von dem u. E. hohen Maß an geäußertem Vertrauen überrascht!

Die Institution Schule ist aus der Liste der oben angegebenen Institutionen die einzige, die den jungen Leuten aus eigener Erfahrung bekannt ist und also nicht (nur) medienvermittelt erscheint. Darüber hinaus ist die Schulpflicht die umfassendste (nach Dauer und Intensität) Bürgerpflicht, die auch über Sanktionen durchgesetzt wird. Das Maß an Beanspruchung - ohne dass wie bei sonstiger Berufstätigkeit eine unmittelbare Gratifikation über Bezahlung erfolgt - ist immens. Das geäußerte Vertrauen ist als erstaunlich hoch zu werten (auch wenn ein Drittel der Befragten wenig oder gar kein Vertrauen zum Ausdruck bringen) - ohne Vergleichswerte lässt sich aber nicht präzise feststellen, ob hierin ein Kompliment der Befragten für das Land Sachsen-Anhalt und seine Schulen zu sehen ist oder ob dies eher normal ist.

Hier sei ein Einzelergebnis hinzugefügt, das die Subgruppe der sich als "rechts" einstufenden Jugendlichen in unserer Befragung betrifft: Diese Gruppe ist nicht nur in der "Werte-Landschaft" von Prosozialität weniger verankert als der Durchschnitt, sie zeigt auch ein geringeres Maß an Vertrauen gegenüber den Institutionen - mit zwei Ausnahmen: Der Bundeswehr wird mehr Vertrauen entgegengebracht als vom Durchschnitt der Befragten und den politischen Parteien! Der Unterschied ist groß: Fast 40 Prozent der Subgruppe "rechts" bringen den Parteien einiges/viel Vertrauen entgegen, in der Gesamtgruppe sind es aber nur 23 Prozent. Natürlich ist auch hier das methodische Problem zu berücksichtigen, dass "Vertrauen" als soziale oder politische Kategorie unscharf bleibt und dass unklar bleibt, ob der systematische Sinn der Institution oder ihre aktuelle Performanz abgefragt wurde. Das beeinträchtigt aber nicht die Interpretation (vgl. oben), dass diese soziale Gruppe das demokratische System instrumentell zu nutzen versteht. Offensichtlich sind solche politischen Parteien vorhanden, die einen Kristallisationspunkt für gemeinsames politisches (nicht: demokratisches) Denken und eventuell auch Handeln abgeben - jedenfalls sprechen die höheren Vertrauenswerte für diese Interpretation.
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10. Februar 2012
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