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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 50/2007)

Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Italien


Guri Schwarz
Inhalt

Einleitung

Echos der Katastrophe

Schwierige Reintegration

Bilanz der Reintegration

Echos der Katastrophe
Die große Mehrheit der italienischen Juden hatte die Ächtung unter dem Faschismus als schweres Trauma erlebt, besonders in den Jahren nach 1938, da jede noch so kleine Entscheidung mit inneren Qualen einherging und oft die Familien spaltete. Wie ernst diese Tragödie war, wird in der Erinnerung von Renato Segre spürbar: "Die Proklamation vom 15. Juli 1938 hat uns zutiefst getroffen. Hier wurden wir, nach einer langen stillschweigenden Kampagne, erstmals offiziell darüber informiert, dass wir nicht länger als gleichwertige italienische Bürger angesehen wurden. Ab November wurden wir von unseren Arbeitsplätzen vertrieben; wir waren erschöpft von unseren Versuchen, in all dem Elend, dem wir ausgeliefert waren, standzuhalten, angesichts eines endlosen, fast täglichen Dahinschwindens, das sechs Jahre andauerte. (...) Wir sind innerlich tot. Die schreckliche Angst und die Schmerzen, die wir erlitten haben und die uns immer noch peinigen, wenn wir an unsere Lieben denken, die wir nie wiedersehen werden, hat uns körperlich und geistig so verändert, dass wir ganz andere Menschen geworden sind."[3]

Für alle Italiener bedeutete die erste Phase der Nachkriegszeit die Heimkehr der Verschleppten, der Armeemitglieder und der Deportierten, die Wiedervereinigung von Familien und die bedrückende Aufgabe, die Toten zu zählen. Mit dem Ziel, vermisste Freunde und Verwandte aufzuspüren, war auch die Leitung der jüdischen Gemeinde in Rom befasst, die bereits im Juli 1944 tätig wurde, indem sie ein Komitee zur Wiederauffindung jüdischer Deportierter, das Comitato Ricerche Deportati Ebrei, gründete. Die Initiatoren des Komitees wagten sich in Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden an die Aufgabe, jene von den Deutschen im Zuge der Razzia im Ghetto von Rom am 16. Oktober 1943 verschleppten Juden aufzuspüren und ihnen Hilfe zu leisten: "ältere Personen, Frauen und Kinder, die ohne ihre nötigste Kleidung fortgebracht wurden, (die) fast ein Jahr, einschließlich des gesamten Winters, in deutschen Konzentrationslagern verbracht hatten und die wohl in einem erschreckenden körperlichen und geistigen Zustand gewesen sein müssen".[4] Es dauerte eine Weile, bis man verstand, welches Schicksal jene ereilt hatte, die in Richtung Osten deportiert worden waren. Nur 831 der über 7000 deportierten italienischen Juden kehrten heim.[5]

Den Überlebenden stand ein langwieriger und schmerzhafter Reintegrationsprozess bevor. Am schärfsten war die Zäsur auf rechtlicher Ebene. Trotz anfänglicher Unsicherheiten während der Regierung Badoglio und ungeachtet des Widerstandes durch den Heiligen Stuhl, der die neue Regierung bereits im Sommer 1943 darüber informiert hatte, dass die antisemitischen Bestimmungen gewisse Elemente enthalten hätten, die "einer Bestätigung bedürfen",[6] hatten die Alliierten in Artikel 31 des in Malta am 29. September 1943 unterzeichneten Waffenstillstandsabkommens die Abschaffung der Rassengesetze angeordnet. Dieser Prozess führte 1947 zur Wiederherstellung der vollen zivilen und politischen Rechte der Opfer.[7]

Mit der Aufhebung der diskriminierenden Gesetze ging jedoch keine Läuterung jener einher, die durch die Propaganda des Regimes korrumpiert worden waren. Der faschistische Antisemitismus hatte eine Neuformulierung des Staatsbürgerbegriffes nach sich gezogen. Eines der seltenen Dokumente, in denen dieser Umstand anklingt, ist ein Artikel, der im September 1944 in "La Nazione del Popolo", dem Organ des Comitato Toscano di Liberazione Nazionale, erschien: "In der Zeit des Faschismus war in den Tageszeitungen, Zeitschriften und auf Plakaten viel von dem so genannten Rassenproblem die Rede. Begleitet wurde dies von Akten von solcher Grausamkeit, die den Bürgersinn der Italiener so verletzten, dass das plötzliche Schweigen zu dem Thema allgemein mit Erleichterung aufgenommen wird. (...) Wären die Rassengesetze und Verfolgungen bloß eine einmalige Episode in der langen Geschichte der faschistischen Missetaten gewesen, könnte dieses Schweigen gerechtfertigt sein. Würden diese Gesetze nur jene ins Verderben gestürzt haben, die direkt von ihm betroffen waren, bliebe für uns nicht mehr zu tun als diese abzuschaffen und so gut es ginge zu versuchen, den Schaden und die für die Opfer so schmerzlichen Verluste in einem Geist brüderlicher Solidarität wieder gut zu machen. (...) Aber die Rassenpolitik war keine einmalige Episode, sie hat Verderben nicht nur über die Verfolgten gebracht, sondern auch über das gesamte Leben in unserem Land. (...) Wir werden uns niemals wirklich frei nennen können, bis wir nicht unseren Geist und unsere Gewohnheiten auch von dem letzten Erbe der rassischen Diskriminierung gesäubert haben."[8]

Doch die allmähliche Heimkehr jener, die den Todeslagern entkommen waren, fand nur wenig Beachtung,[9] und über die reintegrative Gesetzgebung wurde kaum öffentlich diskutiert. Zudem sah sich Italien mit den Problemen von rund 30 000 ausländischen Juden konfrontiert, die aus Osteuropa geflüchtet und zwischen 1945 und 1948 ins Land gekommen waren. Die meisten versuchten, die britische Seeblockade zu umgehen und nach Palästina/Israel zu gelangen; einige blieben für ein paar Monate oder sogar Jahre in Italien, wo sie in für diesen Zweck eingerichteten Lagern Asyl fanden. Diese Entwicklungen wurden kaum öffentlich diskutiert, von dem heiklen Prozess, der schließlich zur Gründung des Staates Israel führte, ganz zu schweigen.[10]

Das Fehlen einer kritischen Reflexion führte dazu, dass die Nachwirkungen der Tragödie, die über Europa hereingebrochen war, nachhaltigen Einfluss nicht nur auf das Empfinden der Verfolgten, sondern auch auf die Gefühle jener hatten, die aktive Verfolger oder auch lediglich Zuschauer gewesen waren. In Osteuropa - insbesondere in Polen, dem Herzen der Katastrophe - wurde der spezifisch rassistische und antisemitische Charakter der Verfolgungen sogar geleugnet und vertuscht, und die ermordeten Juden wurden den zivilen Opfern des Krieges hinzugezählt. Somit wurde, fast bis zum heutigen Tage, ausgeblendet, dass auch die einheimischen Bevölkerungen am Vernichtungsplan der Nazis beteiligt waren. Das Lager Auschwitz wurde zur Gedenkstätte, ein Ort ideologisierter Erinnerung, die den Opfern ihre Identität absprach. Indem die Anonymität der Opfer hervorgehoben wurde, wurden die Polen als Opfer der Unterdrückung durch den Faschismus gefeiert, der als verdorbene Frucht des Kapitalismus angesehen wurde.[11] Im Westen herrschte zwar eine andere Stimmung, und die Tragödie wurde nicht absichtlich verklärt, wie das in Osteuropa der Fall gewesen war, aber sie wurde auch hier nicht mit der ihr gebührenden kritischen Aufmerksamkeit betrachtet.

So kam es, dass das Rassensystem der Nazis den Westen auch noch in der Zeit nach dem Krieg prägte: Überlebende der Todeslager wurden weiterhin nach der diskriminierenden Rasseneinteilung, die ihnen von ihren Verfolgern aufgezwungen worden war, bezeichnet, also als "jüdisch" und nicht etwa als polnisch, italienisch, deutsch, französisch oder ungarisch, selbst in den von den neuen Behörden ausgestellten Dokumenten.[12]Hatte der Gedanke, die menschliche Spezies in "Rassen" zu unterteilen, einmal in den Köpfen der Menschen (und in den verschlungenen Pfaden der Bürokratie) Wurzeln geschlagen, war er offenbar nur schwer zu überwinden.[13] Der "klebrige" Charakter rassistischer Kategorien verlieh ihnen Widerstandskraft gegen antifaschistische Säuberungsoperationen. So teilte ein italienischer Richter noch 1946 die Opfer eines zwei Jahre zuvor begangenen Massakers in "Juden" und "Arier" ein. Im selben Jahr verlangte ein Grenzposten Auskunft über die "Rasse" eines Staatsbürgers, der nach Italien zurückkehrte.[14] Noch im Jahr 1948 wurden aufgrund von Haftbefehlen, die 1944 von Mussolinis Repubblica Sociale Italiana aus rassistischen Motiven ausgestellt worden waren, Verhaftungen vorgenommen.[15] Bis in die frühen 1950er Jahre hinein wurde in den vom Standesamt in Rom ausgestellten Urkunden unter anderem die "Rasse" angeführt.[16] Der Verfasser eines anonymen Berichtes aus dem Jahr 1947 in der Direzione Generale di Pubblica Sicurezza im Innenministerium ist alarmiert darüber, dass Juden als Aktionäre von norditalienischen Konzernen fungieren, und weist darauf hin, dass "man von Juden allgemein annehmen kann, dass sie ganz andere Ziele verfolgen, als einfach nur Kapital zu investieren; es besteht der starke Verdacht, dass sie die Kontrolle über unsere Produktion auszuüben beabsichtigen."[17]
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10. Februar 2012
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Juden in Europa
Editorial
Die Einbürgerung der jüdischen Religion in Europa
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nach 1945
Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Italien
Der Fall Dreyfus und die Folgen
Deutschsprachige Literatur und der Holocaust
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Antisemitismus
Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.
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