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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 50/2007)

Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Italien


Guri Schwarz
Inhalt

Einleitung

Echos der Katastrophe

Schwierige Reintegration

Bilanz der Reintegration

Schwierige Reintegration
Die Rassengesetze und die Gesetze der Republik von Salò waren zwar abgeschafft worden, aber auch in Italien kam es in den Nachkriegsjahren zu Ausbrüchen traditioneller Formen von Antisemitismus oder neuer Formen des Judenhasses, die häufig im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt standen. Diese galten bis in die 1960er Jahre hinein als kaum mehr als "nebensächliche und sekundäre Elemente des Neofaschismus und des katholischen Traditionalismus".[18] Dabei war der Prozess der Reintegration für die Überlebenden zutiefst geprägt vom Widerstand bestimmter gesellschaftlicher Segmente und vom Unverständnis der Masse, von verbreiteter Gleichgültigkeit und mangelndem Interesse, auch wenn diese nur selten die Gestalt von offener Feindseligkeit annahmen.

Erschreckende Belege finden sich in Äußerungen von Cesare Merzagora, einer führenden antifaschistischen Persönlichkeit, zwischen Dezember und Januar 1945/46. Merzagora wusste, welche Konsequenzen die rassistische Verfolgung gehabt hatte, konnte er seine Karriere bei Pirelli doch unmittelbar der Kündigung verdanken, die Generaldirektor Ugo Tagliacozzo aus rassischen Gründen hatte einreichen müssen. Nach dem 8. September 1943, dem Tag des Waffenstillstands der Alliierten mit der Regierung Badoglio, hatte sich Merzagora der Widerstandsbewegung angeschlossen und wurde Mitglied des Comitato di Liberazione Nazionale Alta Italia (Nationales Befreiungskomitee für Norditalien). Das war für ihn der Beginn einer glänzenden Karriere innerhalb der Liberalen Partei. Er wurde schließlich Vorsitzender des Senats der Republik Italien (1963 - 1967).

Unmittelbar nach der Befreiung hatte Merzagora seinen Gedanken zum schwierigen Thema der Reintegration der Juden freien Lauf gelassen. Dabei bediente er sich einer Rhetorik, die antisemitische Töne annahm. Zu Beginn stellte er fest, dass "fast alle" seiner "liebsten Freunde" Juden seien. Dann gab er den Opfern der Verfolgung eine Reihe von Ratschlägen, eine Art zehn Gebote. Zuerst deutete er an, dass die Heimkehrer "nicht zu sehr jammern sollten". Das dritte Gebot führte aus, dass "jene, die ihr Gewerbe wieder aufnehmen, verstehen müssen, dass sie, wenn sie zur erhofften nationalen Verschmelzung beitragen wollen, nicht zu ihrem alten System zurückkehren dürfen, wo der Kunde beim Betreten eines in jüdischem Besitz stehenden Geschäftes oder Büros bis auf die Laufburschen kaum einen Nicht-Juden angetroffen hat". Sein Ton wurde einschüchternd: "Es ist notwendig - so das fünfte Gebot - dass die heimkehrenden Juden Selbstkontrolle üben. Italien hat sich in vielerlei Hinsicht geändert. Sie müssen sich daran gewöhnen, um den Tisch herum zu sitzen anstatt darauf oder darunter, wie es eher ihre Gewohnheit ist." Das zehnte Gebot riet allen Getauften, nicht vom eingeschlagenen Weg abzugehen. Schließlich durfte der Hinweis darauf nicht fehlen, dass die Verfolgten "ererbte Defekte" aufweisen würden, denn "wie könnte man sonst die Verfolgungen erklären, die sie zweitausend Jahre lang erlitten haben?"

Dieser unglückliche Beitrag erschien mit einer distanzierenden Stellungnahme der Herausgeber in der liberalen Zeitschrift "La Libertà" und wurde in ein größeres Pamphlet namens "I Pavidi" übernommen, das sich mit einem viel diskutierten Vorwort des Philosophen Benedetto Croce brüstete.[19] Croce, der während der Jahre der Verfolgung eine einwandfreie und mutige Haltung an den Tag gelegt hatte, lud die Juden ein, "sich mehr mit den anderen Italienern zu vermischen, um die Unterscheidung und die Trennung aufzuheben, die sie über Jahrhunderte aufrechterhalten haben und die in der Vergangenheit als Gelegenheit und Entschuldigung für Verfolgungen herhalten mussten - was man möglicherweise auch für die Zukunft befürchten muss". Die Lösung des "Judenproblems" müsse laut Croce mit Assimilation und dem Verlust der Identität als Minderheit einhergehen.

Diese Position löste heftige, wenngleich wirkungslose Reaktionen der jüdischen Institutionen aus.[20] Arnaldo Momigliano, der Croce schätzte, erklärte dessen Haltung mit "dem Fehlen jeglichen Kontakts mit der jüdischen Kultur" und führte dessen Position auf eine Lücke in der italienischen Kultur zurück, nämlich die "außerordentliche Unfähigkeit nichtjüdischer Intellektueller, die jüdische Tradition anzuerkennen, wo sie doch seit Beginn des Christentums ein Bestandteil der italienischen Kultur war"[21]. In ihrem (Sartre'schen) Unvermögen, zu erkennen, wie moderner Antisemitismus in Relation zu den Forderungen und autonomen kulturellen Prozessen jener, die als "Juden" identifiziert und verfolgt worden waren, interpretiert werden muss, waren die italienischen Intellektuellen, obwohl sie das Phänomen verurteilten, unfähig, ihm etwas entgegenzusetzen. Indem sie Antisemitismus mit vermeintlichen historischen Charakteristika der Juden oder gar ihrem Verhalten erklärten, sprachen sie ihnen das Recht ab, ihre Identität zu wahren. Die neue Republik war offenbar nicht in der Lage, die Juden zu integrieren, ohne sie gleichzeitig zurückzuweisen.[22]

Viele Erwartungen von Integrationswilligen wurden enttäuscht. In den Entschädigungsgesetzen war zwar die Rückkehr zu den sakrosankten Prinzipien der Gleichheit festgeschrieben worden, aber deren Anwendung sollte sich alles andere als einfach erweisen. Jüngste Studien über das universitäre Leben belegen beispielsweise, wie peinlich der Wiedereingliederungsprozess jener ablief, die 1938 ihrer Posten beraubt worden waren.[23] Mit der gebotenen Vorsicht kann diese Prämisse auch auf Bereiche jenseits des akademischen Lebens ausgedehnt werden: Jene, welche die Rassengesetze angewendet oder von ihnen profitiert hatten, setzten ihre Aktivitäten mehr oder weniger ungestört fort.

Das trübe Klima, in dem sich die Reintegration der Juden in die Gesellschaft vollzog, wird am treffendsten in den Ausführungen des Juristen Andrea Tabet beschrieben, wonach viele öffentlichen oder privaten Institutionen, nachdem sie Bürger "jüdischer Rasse" entlassen hatten, prompt Ersatz gefunden hatten, so dass die berufliche Wiedereingliederung "jener Geister, die der Deportation entkommen waren und nun nach sieben Jahren wieder auftauchten und Anspruch auf die ihnen zustehenden Jobs stellten, weder leicht noch angenehm war". Manche drückten es klar aus: Das Gesetz verpflichtet mich, dich wieder einzustellen, aber nicht, dich zu behalten. Daher stelle ich dich ein, entlasse dich danach wieder und schicke dich ex novo in den Ruhestand - ein Vorschlag, der ebenso brutal wie für den Arbeitgeber logisch war. Und der zu reintegrierende Staatsbürger musste bestürzt gehen, mit einer kleinen Abfindung, von der wegen der Geldabwertung so gut wie nichts übrig blieb.[24]

Selbst dort, wo Arbeitgeber keine schlechten Absichten hatten, hatte sich die soziale und wirtschaftliche Situation der Verfolgten verschlechtert, und ihre Reintegration, weit davon entfernt, ihnen eine Chance zu bieten, ihren vormaligen Status wiederzuerlangen, besiegelte nur den Schaden, den sie erlitten hatten, in einem Klima der Gleichgültigkeit. Auf diese Weise wurde ihr Wiedereinstieg in die Jobs, auf die sie so lange hatten verzichten müssen, zu einer nochmaligen Erniedrigung, wie das Zeugnis der Schriftstellerin Lia Levi beweist, die sich an die Reintegration ihres Vaters in seinen Beruf erinnert: "In seiner scheuen, zurückhaltenden Art fürchtete (Vater) nichts mehr als öffentliche Auftritte, vielleicht eine Rede oder einen demonstrativen Händedruck. ,Hoffentlich sagen sie nichts ...`, murmelte er, während er im Raum auf und ab schritt. ,Mögen Sie zumindest den Anstand haben, nichts zu sagen ...` Und die Mutter beruhigte ihn: ,Du wirst sehen, sie werden nichts zu dir sagen ... (...)` Aber sie zwinkerte uns zu, um uns zu zeigen, dass sie ihn damit nur nicht aufregen wollte. Doch sie sagten wirklich nichs zu ihm. Man könnte sagen, sie sahen ihn nicht einmal an. (...) Das erste, was er uns erzählte, war, dass sie ihn nicht grüßten, aber dann sagte er, dass sie ihm denselben Job und Rang gegeben hatten wie vor sechs Jahren, als er gekündigt worden war (...). Seine Altersgenossen waren alle Büroleiter oder Direktoren oder was nicht alles, und natürlich behandelten sie ihn mit Herablassung (...). Vater hatte seinen alten Job wieder, aber er fühlte sich darin nicht mehr zu Hause."[25]

In der öffentlichen Verwaltung und im Heer ging der Anteil der Juden markant zurück, in den freien Berufen wurde ein leichter Rückgang verzeichnet, während die jüdische Präsenz in Handel und Gewerbe stark zunahm. Der Handel hatte als Zuflucht für die Opfer der Rassengesetzgebung gedient, und große Teile der jüdischen Bevölkerung blieben nach dem Krieg in diesem Sektor.[26] Nachdem ihre Eltern von ihren Arbeitsplätzen vertrieben worden waren, fühlten sich ihre Söhne und Töchter der Belastung durch den Wettbewerb um für den Wiedereintritt in den Staatsdienst notwendige Posten, Lehrstellen und Studienplätze kaum mehr gewachsen. Richterroben, Uniformen und akademische Titel und Ehrungen hatten ihre Eltern nicht vor Deportation, Folter und Tod bewahren können.[27]

Zudem war seitens der jüdischen Minderheit zunehmendes Misstrauen gegenüber jenem Teil der Öffentlichkeit zu verzeichnen, der mit dem faschistischen Regime kollaboriert hatte. Auch andere Faktoren spielten eine Rolle, etwa die Schwächung des laizistischen Staatsgefüges und das Erstarken der katholischen Partei, die bald auf gefährliche Art und Weise mit dem Staatsapparat verschmolz.[28] Auch Geschäftsleute und Unternehmer sahen sich ernsthaften Problemen gegenüber. Versuche, wiederzuerlangen, was konfisziert worden war oder zwangsweise übergeben werden musste, zogen ermüdende juristische Auseinandersetzungen nach sich, die sich weit in die Nachkriegszeit fortsetzten.[29]

Mangel an Klarheit herrschte auch unter den Mitgliedern der Regierungskoalition. Der Ministerrat erfuhr am 4. April 1945 durch Premierminister Ivanoe Bonomi vom Ansuchen der Arbeiter der Textilfirma T.e.c.o.e.l. spa, "in Fällen, wo Firmen, deren Eigentümer von den Rassengesetzen betroffen waren, von den Arbeitern weitergeführt werden, diese nicht mehr an die ursprünglichen Eigentümer zurückzuerstatten". Fünf Minister lehnten den Vorschlag ab, Finanzminister Antonio Pesenti von der kommunistischen Partei war dafür. Pesenti behauptete, die "Vorschriften zugunsten der Juden wären übertrieben".[30] Gesetzgebung und Rechtsprechung in der italienischen Republik liefen damit gegen den Trend im restlichen Europa, insofern, als sie den Verkaufs- und Firmenverträgen, die unter der Rassenverfolgung nach 1938 abgeschlossen worden waren, volle Legitimität zuzusprechen bereit waren.[31]
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10. Februar 2012
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Juden in Europa
Editorial
Die Einbürgerung der jüdischen Religion in Europa
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nach 1945
Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Italien
Der Fall Dreyfus und die Folgen
Deutschsprachige Literatur und der Holocaust
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Antisemitismus
Antisemitismus
Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.
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