Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index
Suche

Themen
Publikationen
Arbeitsmaterialien Medien
Aus Politik und Zeitgeschichte
AV-Medienkatalog
CD-ROM/ CD/ DVD
Einzel-
publikationen
Entscheidung im Unterricht
Filmhefte
fluter
HanisauLand
Informationen zur politischen Bildung
Info aktuell
Internet-Angebote
Mobile Angebote
Karten
Pocket
Rechtsreihe
Schriftenreihe
Spicker Politik
Thema im Unterricht
Themenblätter im Unterricht
Themen und Materialien
Zeitbilder
Spiele
Sonstige
Was geht?
Suche
Veranstaltungen
Wissen
Lernen


Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 50/2007)

Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Italien


Guri Schwarz
Inhalt

Einleitung

Echos der Katastrophe

Schwierige Reintegration

Bilanz der Reintegration

Bilanz der Reintegration
Was den allgemeinen Schaden betrifft, der durch die zwei Konfiszierungswellen 1938 und 1943 entstanden war, muss gesagt werden, dass das geplünderte und in der Folge der Ente Gestione e Liquidazione Immobiliare (EGELI) anvertraute Eigentum fast zur Gänze, wenn auch nicht ohne einigen Aufwand und Verzögerungen, restituiert wurde.[32] Doch für manche der Opfer konnte der Schaden, den der Verlust von Freunden und Verwandten, das psychologische Trauma und die wirtschaftlichen Verluste bedeuteten, vielleicht begrenzt werden, für andere war er nicht mehr zu reparieren. Fast zehn Jahre nach der Befreiung war das Urteil der unmittelbar Betroffenen oder vielmehr der Vertreter der italienischen Juden nicht gänzlich positiv. Im Jahr 1954 stellte Giorgio Zevi, der Präsident der Union der jüdischen Gemeinden Italiens, fest: "Seit langem schon gibt es immer wieder Ansuchen auf gesetzliche Bestimmungen bezüglich zumindest teilweiser Reparationsleistungen für den Schaden, den die Juden als Folge der Rassengesetze erlitten haben - solche Bestimmungen wurden jedoch in zu geringer Zahl und ungenügendem Ausmaß erlassen, als dass der Schaden wirklich kompensiert worden wäre."[33]

Die Reintegration war kompliziert, obwohl die Bedingungen in Italien besser waren als in vielen anderen Teilen Europas. Besonders im Osten Europas war es den Juden vielerorts unmöglich, sich zu reintegrieren.[34] Viele italienische Juden verdankten ihre erfolgreiche Reintegration ihrer Fähigkeit, in dem im Nachkriegsitalien vorherrschenden System kultureller Repräsentation ihren Platz zu finden. Ab 1947 übernahm eine zum Teil erneuerte Führungsriege die straffe Leitung der Unione delle Communità Israelitiche (UCII), jenes Gremiums, das einst 1930 vom Faschismus zwecks Verwaltung und Überwachung der jüdischen Minderheit eingesetzt worden war.

Bis mindestens Ende der 1950er Jahre wurde das institutionelle Leben von Personen gelenkt, die schon zuvor in jüdischen Gremien tätig gewesen waren, wo sie zuerst deutsch-jüdischen Flüchtlingen und später den italienischen Juden Hilfe geleistet hatten. Sie waren antifaschistisch eingestellt und offen prozionistisch,[35] bemühten sich aber, Konflikte mit der Politik zu vermeiden. Ihr Anführer war Raffaele Cantoni, der auf die Unterstützung einer kleinen Gruppe italienischer Zionisten zählen konnte, die vor dem Aufkommen des Faschismus ihre Kraft der Erneuerung und Reformierung des italienischen Judentums gewidmet hatten.[36]

Die jüdische Subkultur in Italien wandelte sich unter dem Einfluss von Persönlichkeiten wie Carlo Alberto Viterbo, dem Herausgeber der Wochenzeitung "Israel", eines der historischen Organe des italienischen Zionismus, deren Publikation 1945 wieder aufgenommen wurde, und Dante Lattes, der ab 1946 als Koordinator der kulturellen Aktivitäten der UCII fungierte. Die explizit antizionistischen Strömungen, die auch nach dem Beginn der Verfolgung Einfluss auf die Institutionen der UCII gehabt hatten, waren geschlagen: Der einzige interne Widerstand kam von den Jugendbewegungen, die - unter anderem dank der Brigata Ebraica (Jüdische Brigade) - in der Zeit unmittelbar nach der Befreiung entstanden waren.[37]

Die Interaktionen mit der politischen Sphäre, die sich nach dem Beginn des Kalten Krieges abzeichneten, waren vielschichtig und von starken Spannungen innerhalb der Führung jüdischen Gemeinschaft geprägt. Es herrschte Unzufriedenheit darüber, dass der Staat dem Leid der Verfolgten kaum Beachtung schenkte; aber zugleich fühlte sich eine Institution wie der UCII, die der staatlichen Aufsicht unterworfen war, nicht in der Lage, mit den Behörden die Klingen zu kreuzen. Das sollte in den 1950er Jahren besonders deutlich zu Tage treten, als in Italien und Europa von der Bildung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und von deutscher Wiederbewaffnung die Rede war. Jugendliche, vor allem solche, die mit linksgerichteten politischen Forderungen sympathisierten, versuchten, die UCII zu mobilisieren, letzterer gelang es aber - trotz heftiger interner Auseinandersetzungen, die 1952 zum Rücktritt ihres Präsidenten Renzo Bonfigliolo führten -, sich aus tagespolitischen Fehden herauszuhalten.

Die UCII unterstützte den neu gegründeten Staat Israel, sammelte unter ihren Mitgliedern Geld und ergriff Initiativen, um das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu fördern. In dieser Hinsicht und auch, was die Erinnerung an die Zeit des Rassismus betrifft, spielten die Juden eine echte Rolle kultureller Mediation, indem sie wichtige Anstöße zur gesellschaftlichen Diskussion lieferten.

Doch dessen ungeachtet hatten Italiens Gesellschaft, Kultur und Politik große Mühe, ernsthaft über die "jüdische Frage" und ihre vielfältige Bedeutung hinsichtlich des Holocaust einerseits und der Ereignisse im Nahen Osten andererseits nachzudenken. Insbesondere die Art und Weise, wie man in Italien mit seiner antijüdischen Geschichte umging, ließ zu wünschen übrig, denn sie hinterließ den Eindruck, dass man sich von Schuld freisprechen und diese allein Deutschland überlassen wollte.[38]
Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Datenschutz | Kontakt | Home
10. Februar 2012
Druck-Version
Artikel versenden
PDF-Version
Inhalt
Bild vergrößern
Juden in Europa
Editorial
Die Einbürgerung der jüdischen Religion in Europa
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nach 1945
Der Wiederaufbau jüdischen Lebens in Italien
Der Fall Dreyfus und die Folgen
Deutschsprachige Literatur und der Holocaust
Lexikonsuche
Suchwort:
Lexika:
Dossier
Antisemitismus
Antisemitismus
Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.
Antisemitismus