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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 40-41/2003)

Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik


Ute Frevert
Inhalt

Einleitung

Erinnerungen: Opfer, Täter, Mittäter

Selbstverantwortung als zivilgesellschaftliche Forderung

Die Rückkehr der Opfererinnerung: Flucht, Vertreibung, Bombenkrieg

Wider die Skandalisierung

Aufrechnungen, Analogien, Vergleiche

Historisierung versus Moralisierung: auf der Suche nach europäischen Erinnerungsorten

Wider die Skandalisierung
Diesen Platz gilt es zu füllen - und die neueste Erinnerungsoffensive trägt dem Rechnung. Sie ist im eigentlichen Sinn keine Spätfolge von Verdrängung und Respektlosigkeit, sondern Teil und vorläufiges Endprodukt jenes Gedächtnisbooms, der seit den achtziger Jahren zu beobachten ist. Sie folgt den spezifischen politischen Konjunkturen dieses Gedächtnisses, das sich zunächst mit den jüdischen Opfern beschäftigte, bevor es sich folgerichtig den Tätern und Mittätern zuwandte. Man muss nicht wie Wolf Jobst Siedler von einem "Exzess des Schuldbewusstseins" sprechen, um in den Erinnerungen an Bombentote, Flüchtlinge und Vertriebene einen neuen Pendelschlag zu erkennen.[12]

Dennoch schießt die These von einer "Verschiebung der geschichtspolitischen Fundamente der Bundesrepublik" weit übers Ziel hinaus.[13] Anstatt die Revitalisierung der deutschen Opfererinnerung zu skandalisieren, sollte man sie gleichermaßen kritisch wie unverkrampft betrachten. Dabei wären sieben Punkte zu bedenken.

Erstens: An das Leid zu erinnern, das der Krieg im eigenen Land und seine Folgen über die deutsche Zivilbevölkerung gebracht haben, ist legitim und wichtig. Dass das Thema Vertreibung durch die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien eine in Europa unerwartete und deshalb besonders bedrückende Aktualität gewonnen hat, verleiht den Erfahrungen deutscher Vertriebener und Flüchtlinge zudem eine neue Dignität. Ebenso weckt die Bombardierung irakischer Städte durch amerikanische und britische Flugzeuge fast zwangsläufig Erinnerungen an ähnliche Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg.

Zweitens: Solche Erinnerungen politisch stillstellen oder unterdrücken zu wollen, wäre nicht nur sinnlos, sondern auch kontraproduktiv. Gleichwohl müssen sie kritisch kommentiert werden. Erinnerungen sind vor allem dann, wenn sie öffentlich kommuniziert werden, keine bloß subjektiven Äußerungen mehr. Sie beziehen sich auch nicht nur auf Vergangenes, sondern haben ihren Ort in der Gegenwart und reflektieren auf zukünftige Ordnungen. Gerade das macht sie so bedeutungsvoll und kontrovers. Hinzu kommt, dass die Erinnerungen, um die es in der derzeitigen Debatte geht, in der Regel keine Primärerinnerungen mehr sind. Die meisten Menschen, die Bombenkrieg, Flucht oder Vertreibung bewusst erlebt und überlebt haben, leben heute nicht mehr. Erinnerungsträger wie Medien (Bücher, Film, Fernsehen) oder Institutionen (Vertriebenenverbände) treten an ihre Stelle. Gerade sie aber müssen sich fragen lassen, welche aktuellen und in die Zukunft projizierten Interessen sie verfolgen.
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10. Februar 2012
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Deutsche Geschichte
Editorial
Die schwierige deutsch-polnische Vergangenheitspolitik
Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik
Kollektive Erinnerung im Wandel
Keine gemeinsame Erinnerung
Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953
Jugendliche aus Einwandererfamilien und die Geschichte des Nationalsozialismus
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