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18.6.2003

5.1 Überwachung

Mit der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien sind der Überwachung ungeahnte neue Möglichkeiten geöffnet worden ...

Einleitung

Mit der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien sind der Überwachung ungeahnte neue Möglichkeiten geöffnet worden. Immer weniger Lebensbereiche sind von Überwachung frei: von der Allgegenwart von Überwachungskameras bis zur Satellitenaufklärung steht die Überwachung im Dienste der "Sicherheit". Aber auch Wirtschaftsunternehmen greifen immer häufiger zu Überwachungstechnologien, um zum Beispiel die Tätigkeit von Mitarbeitern oder das Verhalten von Kunden zu kontrollieren. Überwachungspraktiken stehen in direktem Konflikt mit der Wahrung der Privatsphäre. Die Frage der Überwachung ist daher mittlerweile zu einem zentralen Thema aktueller politischer Debatten geworden und von ausschlaggebender Bedeutung im Streben nach informationeller Selbstbestimmung.
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Sticker der Surveillance Camera Players
© Surveillance Camera Players

Geschichte der Überwachungsmethoden
Das Interesse am unbemerkten Beobachten anderer oder am Belauschen von Gesprächen lässt sich bis auf die Antike zurückverfolgen. Zu einer ersten Blüte entsprechender Praktiken und technischer Geräte kam es während der Renaissance in Europa, einer Zeit, in der Geheimschriften, kryptographische Techniken, Gebäude mit verborgenen Tunnels und versteckten Türen und dergleichen große Beliebtheit genossen und das Geheimnis einen ebenso hohen kulturellen Wert hatte wie die Versuche, es zu lüften. Was zunächst als eine Art Gesellschaftsspiel stattfand, wurde bald auch mit handfesten politischen Zielsetzungen betrieben. Dokumentiert sind u. a. die Aktivitäten des Grafen Walsingham (1531–1590), Secretary of State und Spion Elisabeths I. von England.[1] In Frankreich machte sich etwa zur selben Zeit Kardinal Richelieu als überwachungsfreudiger Geheimnisverwalter einen Namen, der sich durch seine ausgeklügelten Überwachungstechniken einen Informationsvorsprung erwarb, der nachhaltige Auswirkungen auf die Geschichte Frankreichs hatte.

Während die Überwachung im Zuge der Herausbildung des modernen Staatensystems in Europa also eine Funktion der internationalen Beziehungen war, wurde sie ab dem 18. Jahrhundert vermehrt auf gesellschaftlicher Ebene eingesetzt, etwa zur Bekämpfung von Schmuggel, aber auch in der Arbeit der Polizei. In den USA kam es im Verlauf der Kolonisierung des Westens zu einer Zunahme des Gangsterwesens und der Kriminalität, vor allem der Geldfälscherei. Allan Pinkerton (1819–1884) erwarb sich im Aufdecken von Fälscherwerkstätten einen Ruf und wurde von Präsident Lincoln 1861 zum ersten offiziellen Geheimdienstagenten gemacht.

Die rasche technische Entwicklung im 19. Jahrhundert führte – auch durch die damit einhergehende erhöhte Effizienz – zu einer Intensivierung der Überwachung und stellte diese auf die Grundlage, die wir heute kennen. Die systematische Zusammenarbeit der Polizei mit der Wissenschaft hat daher ihren Ursprung in dieser Zeit, wobei die Initiative zunächst von der 1863 gegründeten amerikanischen National Academy of Science ausging: Politiker fühlten sich durch den technischen Fortschritt eher bedroht als unterstützt und waren daher schwer davon zu überzeugen, dass sich die moderne Technik im Sinne der Regierungsgewalt einsetzen ließe.

Bis zum Ersten Weltkrieg blieben Überwachungstechnologien daher Nebenprodukte einer von Einzelwissenschaftlern beherrschten Forschung und Entwicklung, wie zum Beispiel das 1904 von Christian Hülsmeyer patentierte Telemobiloskop, ein Vorläufer des Radars. Dies änderte sich grundlegend während des Ersten Weltkrieges, wo praktisch die gesamte Bandbreite in Frage kommender moderner Technologien zu Überwachungszwecken eingesetzt wurde. Von vorrangiger Bedeutung war das Abhören von Telefon- und Telegrafenverbindungen. Der Kriegseintritt der USA 1917 geht auf eine abgefangene Botschaft der deutschen Regierung an ihre Botschaft in Mexiko zurück, in der dem Land in Aussicht gestellt wurde, es im Falle einer Allianz bei der Rückgewinnung von Territorien zu unterstützen, die es an die USA verloren hatte.

In der Zwischenkriegszeit erlebte die staatliche Überwachung erneut im Zusammenhang mit Wirtschaftsverbrechen, besonders Alkoholschmuggel während der Prohibition in den USA, einen Aufschwung. In Großbritannien führten die Kommunikationsanforderungen des über die ganze Welt verstreuten Kolonialreiches zu einem Vorsprung in der Entwicklung von Kommunikationstechnologien, der die Entwicklung des Computers während des Zweiten Weltkrieges erleichterte und sich bis in die Gegenwart in einer britischen Marktführung bei Überwachungstechnologien auswirkt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Überwachung maßgeblich von den Ambitionen der am Kalten Krieg beteiligten Staaten beeinflusst. Dadurch wurde sie grenzüberschreitend und dehnte sich so auf die ganze Welt aus; internationale Politik wurde dementsprechend zur "Geopolitik". Ermöglicht wurde diese durch Satellitentechnologie und neue drahtlose Abhörtechnologien, vor allem aber durch die Informatisierung: die durch Überwachung gewonnene Information wurde speicherbar. Staatliche Souveränität, sowohl im Inneren als auch in den Internationalen Beziehungen, stützt sich immer mehr auf systematisch durch Überwachung gesammelte und ausgewertete Informationen. Droht das von dem französischen Philosophen Michel Foucault thematisierte Modell einer Überwachungsgesellschaft Wirklichkeit zu werden?


Fußnoten

1.
Zur Geschichte der Spionage vgl. Peterson (2001), S. 1–20 ff.