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Interkulturelle Kulturarbeit

April 2002


28.6.2002
Kultur und Kulturarbeit hat auch in kleineren Städten zentrale Bedeutung für Integrationsprozesse. Ein Ergebnis dieser Studie ist, dass der Qualifizierungsbedarf auf diesem Gebiet sehr hoch ist.

Vorbemerkungen



Hintergrund der Befragung/ des Auftrags

Die Thematik interkultureller innergesellschaftlicher Beziehungen hat in den letzten Jahren deutlich an Relevanz gewonnen. Auch in der kulturellen Diskussion von Vereinen und Kommunen schlägt sich dies nieder. Die Bundeszentrale für politische Bildung engagiert sich verstärkt in den Bereichen Kulturarbeit und kulturelle Bildung. In diesen Arbeitsfeldern wird das Thema Interkulturalität von vielen Akteuren zunehmend als eine der zentralen Herausforderungen angesehen. Das zeigt sich auch an der wachsenden Zahl an Tagungen und Kongressen zu diesem Themenfeld.

Fokus auf kleinere und mittlere Städte

In einer Arbeitshypothese, die dieser hier vorgelegten explorativen Studie zugrunde lag, ging man davon aus, dass die Großstädte schon vielfach aus ihren eigenen Ressourcen großer Kulturdezernate die Problematik und die Chancen interkultureller Kulturarbeit bearbeiten. Deshalb sollten vor allem auch kleinere und mittlere Städte befragt werden. Zwar wird der Ausländeranteil in Städten wie Stuttgart und Frankfurt mit über 20% wohl auch in mittlerer Zukunft in kleineren Städten nicht erreicht werden. Dennoch werden die Kontaktstellen fremder mit den dort "einheimischen Kulturen" in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Mit der Befragung soll ein (nicht unbedingt repräsentativer) Eindruck darüber gewonnen werden, wie auch diese Städte in ihren vorhandenen Ansätzen interkultureller Kulturarbeit sinnvoll durch Aktivitäten der Bundeszentrale unterstützt werden können.

Thematischer Hintergrund

Globalisierung und "Multikulturelle Gesellschaft"

Globalisierungsprozesse als weltumspannende Kommunikations- und Austauschbeziehungen von Menschen, Ideen, Gütern, Dienstleistungen und Kapital haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch beschleunigt. Nicht nur in den auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik, sondern im Binnenbereich ergeben sich hieraus einschneidende Konsequenzen, die das Weiter-So vieler Politikbereiche grundsätzlich infrage stellen. Die weltweite Dynamik wirtschaftlicher und kultureller Globalisierung findet ihr Pendant in der multikulturellen Zusammensetzung der Bevölkerung. Moderne Gesellschaften sind zunehmend offen. Dafür sprechen nicht nur ethisch-politische Begründungen, die unser Selbstverständnis seit den Anfängen der Aufklärung geformt haben, sondern vor allem wirtschaftliche Zwänge. Die ansonsten recht selten anzutreffende Gemeinsamkeit von Wirtschaftsverbänden, Kirchen und Vereinigungen ausländischer Mitbürger und systemkritischer NGOs, die sich für eine großzügigere Zuwanderungsgesetzgebung einsetzen, belegt dies.

Kulturelle Dimension der Integration

Die Durchdringung dieser Prozesse ist noch längst nicht zu der Tiefe und Radikalität vorgedrungen, in denen über grundsätzlich neue Politikentwürfe nachgedacht werden kann. Denn nicht nur das Zuwanderungs- und Staatsbürgerschaftsrecht stehen auf dem Prüfstand. Es geht um eine grundsätzlich neue Form des Zusammenlebens und die fundamentale Frage, welche Regeln im Sinne einer friedlichen und gerechten Gesellschaft mit möglichst großen Freiheitsrechten wir dafür finden. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Debatte um Staatsbürgerschaftsrecht und Zuwanderungsgesetzgebung eine umfassendere Problematik der Integrationsnotwendigkeiten und des Rechts auf kulturelle Differenz offengelegt hat. Der Streit um Begriffe wie "Multikulturelle Gesellschaft" und "Leitkultur" betraf insbesondere die kulturelle Dimension der Integration.

Aus der kulturpolitischen Fachdiskussion kommen einige ermutigende Signale: Interessante und reflektierte Dokumente kulturpolitischer Akteure, die nach Repräsentanz und Rolle von Traditionen und lebendigen Ausdrucksformen fremder Kulturen im öffentlichen Kulturbereich fragen. Deutscher Städtetag, KMK, Kulturpolitische Gesellschaft und Deutscher Kulturrat haben in Stellungnahmen, Grundsatzprogrammen und Veröffentlichungen schon vor längerer Zeit Diskussionsangebote unterbreitet, die allerdings wenig öffentlichen Widerhall fanden.

Öffentlich dominiert heute sowohl in der Kultur- als auch vor allem in der Gesellschaftspolitik wieder eine andere Diskussion. Enttäuschend an ihr ist, dass die verschiedenen Standpunkte zwar mit dem Begriff der "Kultur" hantieren, ihn aber gleichsam als Kampfinstrument einsetzen. Der Kulturbegriff wird dort freilich links liegen gelassen, wo mit seiner Hilfe in Verbindung mit Kulturarbeit und Kulturpolitik aktive Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet werden können. So ist im Entwurf des Zuwanderungsgesetzes, den Innenminister Schily vorgelegt hat, eine Reihe von zentralen Aufgaben einer künftigen Integrationspolitik benannt, wie arbeits- oder sozialpolitische Steuerung der Zuwanderung. Kulturpolitik als wesentlicher Gestaltungsfaktor eines friedlichen Zusammenlebens kommt allerdings nicht vor. Auch in dem über 300 Seiten starken Bericht der "Zuwanderungskommission" (der sog. Süssmuth-Kommission) "Zuwanderung gestalten. Integration fördern" gibt es weder einen Abschnitt, der sich mit Kultur und Kunst beschäftigt, noch taucht im Stichwortverzeichnis das Wort "Kultur" geschweige denn "Kulturpolitik" auf.

Dies ist nicht einer ressortspezifischen "Blindheit" eines einzelnen Innen- und Sicherheitspolitikers oder einer einseitig zusammengesetzten Kommission anzulasten. In vielen Landes- und kommunalen Konzeptionen zur Integrationspolitik bleiben kulturpolitische Instrumentarien, ja das gesamte Feld von Kunst und Kultur, unterbelichtet. Ein Beispiel unter vielen: Die Stadt Essen hat ein, auch über 300 Seiten umfassendes "Konzept für die interkulturelle Arbeit in der Stadt Essen" diskutiert und beschlossen. Erarbeitet wurde es unter Federführung vom Amt für Entwicklungsplanung, Statistik etc. zusammen mit Ausländerbeirat, Schulamt, Sozialverwaltung, Jugendamt u.a., aber das Kulturamt war anscheinend nicht einbezogen. Das schlägt sich dann auch in dem Konzept nieder, in dem es um vieles geht, nur nicht um Kultur und Kulturarbeit.

Diese Nichtachtung sowohl der integrativen wie der identitätsstärkenden Funktionen von Kultur und Kunst findet man auch im Bereich der genuinen Kulturpolitik: Auch hier sind Ansätze, die sich auf Migrantenkulturen beziehen, eher selten. Selbst in großen Städten mit über 20% Anteil nicht-deutscher Bevölkerung gibt es kaum Mittel im Kulturetat, die zur Förderung dieser Kulturen zur Verfügung stehen. Als kleines Indiz mag genügen, darauf hinzuweisen, dass von dem immer noch knapp 0,5 Mrd. DM großen Kulturhaushalt der Stadt Frankfurt am Main vielleicht ein Prozent für Kunst- und Kulturförderung ausgegeben werden, die sich auf die Kulturen und Künste der in der Stadt lebenden nichtdeutschen Nationalitäten und Ethnien bezieht. Dieses machen allerdings über 30 Prozent der Frankfurter Bevölkerung aus. Sie leben und arbeiten hier und zahlen Steuern, mit denen u.a. die öffentlichen Kulturausgaben finanziert werden. Solche Aufrechnungen sind vielleicht kleinkrämerisch, doch sie verweisen zumindest auf ein bestehendes Missverhältnis.

Interkulturelle Kulturarbeit

Dabei zeigen viele rührige Vereine und Initiativen vor Ort die besonderen Stärken der Kultur als Medium des Integrationsprozesses. Diese Stärken sind: Kultur unterscheidet und verbindet. Sie betont Vielfalt, Ausdruck und Besonderheit, das heißt: sie setzt an den Stärken der jeweiligen Lebensform positiv an. Sie profiliert die Einzigartigkeit des jeweiligen Lebenszusammenhangs von Menschen. Sie betont über diese Identität hinaus den gestalterischen Auftrag zu Übergang und Brückenschlag. Sie ist das beste Medium, symbolisch das Zusammenwachsen oder Auseinanderdriften von Gesellschaften anzuzeigen. Das haben nicht zuletzt die umfassenden Arbeiten von UNESCO und Europarat zu Vielfalt und Diversität verdeutlicht.

Interkulturelle Kulturarbeit hat über diese Einzelprojekte hinaus freilich kaum eine eigene Lobby aufbauen können. An manchen Orten finden sich regional aktive Zusammenschlüsse wie das junge Eine-Welt-Haus in München, die Brotfabrik in Frankfurt, Exile in Essen oder die Werkstatt der Kulturen in Berlin. Es gibt einzelne Ansätze kommunaler Kulturpolitik wie in Osnabrück, Nürnberg oder Berlin-Neukölln.

Vermehrt werden Tagungen zur interkulturellen Kulturarbeit veranstaltet, die gerade den Erfahrungsaustausch und die Reflexion der Akteure in diesem Arbeitsfeld unterstützen wollen – auch mit dem Ziel, Vernetzungen anzuregen. Bei der Umsetzung des Internationalen Jahres der Vereinten Nationen 2001 "Dialog zwischen den Kulturen" hat die Deutsche UNESCO-Kommission besonderen Wert darauf gelegt, die Vielfalt interkultureller Kulturprojekte in Deutschland – gerade auch außerhalb der Metropolen – mit ausgewählten Beispielen zu präsentieren und damit ideell zu unterstützen. Weitere Aktivitäten der UNESCO-Kommission zielten auf die Förderung des Austausches und der Vernetzung der interkulturellen Projekte und Einrichtungen.

Allerdings führte dies alles bislang noch nicht zu einer systematischen Vernetzung oder "Versäulung" mit entsprechenden Landes- und Bundesverbandsstrukturen, wie sie in den etablierten Kulturbereichen anzutreffen ist. Diese Organisationsmuster, die interkulturelle Kulturarbeit eine bessere Lobby verschaffen könnten, scheint im diffusen und bunten Feld interkultureller Initiativen sind noch lange nicht erreicht.

Fazit:

In der öffentlichen – die Gesellschaft insgesamt betreffenden – Diskussion um Globalisierung, Migration und Integration sind kulturelle Aspekte also ein eher vernachlässigter Gesichtspunkt gewesen, selbst in großen Städten. Die kulturelle Dimension war eher auf die Fachdiskussion in der Kulturpolitik, Kulturarbeit und kulturellen Bildung beschränkt.

Die Fragen, die sich in Zukunft immer schärfer stellen werden und für die kulturellen und kulturpolitischen Akteure handlungsleitend sein werden, lauten:

  • Welche Chancen, aber auch welche Konflikte, können aus dem Neben- und Miteinander verschiedener kultureller Orientierungen erwachsen?
  • Welche kulturellen Integrationsleistungen müssen Migranten und Angehörige der "Aufnahmegesellschaft" erbringen, damit ein konstruktives Miteinander entsteht?
  • Bedeutet die Akzeptanz der Existenz einer "multikulturellen" Gesellschaft auch eine Notwendigkeit, das Zusammenlebens völlig neu zu überdenken?
  • Welche Konsequenzen aus der "multikulturellen Gesellschaft" müssen für das Kompetenzprofil in den Kulturverwaltungen überdacht werden?


Letztendlich stehen hinter diesen Positionen auch unterschiedliche Auffassungen von der Kultur bzw. von den Kulturen einer Gesellschaft: Sind Kulturen homogene Gebilde, für die alles "Fremde" eine Bedrohung (der eigenen Existenz) darstellt, dem gegenüber sie sich abschotten müssen? Oder – Zitat Bernd Wagner:

"Gibt es nicht viele ‘deutsche Kulturen‘ die sich, je nach Region, gesellschaftlicher Gruppe, Generation, kulturellen Interesses, Milieus und was auch immer unterscheiden? Gibt es nicht auch ohne Migranten ‘Parallelgesellschaften‘ und sich überlagernde Identitäten? Zudem ist Kultur nicht Statisches, sondern etwas, das sich ständig wandelt und weiter entwickelt."

(Bernd Wagner: Multikultur als ‘Leitkultur‘. Ein ärgerlicher Anlass und eine notwendige Diskussion. In: Kulturpolitische Mitteilungen, Heft IV/2000)

Hiermit ist eine Sichtweise gekennzeichnet, die wir gerne auch als theoretischen Ausgangpunkt unserer Empfehlungen nutzen werden, die am Schluss dieser explorativen Studie für die Arbeit der Bundeszentrale gegeben werden.



 

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