bpb-Publikationen

10.12.2002

Analyse der Zeitphasen mit höchster Berichterstattung

Die bpb-Studie zur Nahostberichterstattung untersucht das Bild vom Nahen Osten in den Hauptnachrichten der vier größten deutschen Fernsehsender ARD/Das Erste, ZDF, RTL und SAT.1.

Untersuchungsbasis

Die Inhaltsanalyse vom Videotape basiert auf einer ereignisabhängigen Auswahl von insgesamt 31 natürlichen Wochen. Diese verteilen sich auf den gesamten Untersuchungszeitraum von Beginn des Jahres 1999 bis Ende März 2002. Als formales Auswahlkriterium für diese bewusste Auswahl ist eine Mindestanzahl von 15-20 Beiträgen pro Woche maßgeblich. Damit kann unterstellt werden, dass die Wochen mit höchster Medienzuwendung in die Analyse einbezogen werden. Aus der höchsten Medienzuwendung kann geschlossen werden, dass damit auch die von Journalisten als besonders relevant wahrgenommenen Ereignisse berücksichtigt werden.

Übersicht 4: Auswahl der Untersuchungswochen mit höchster Berichterstattung

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Die Grundlage der systematischen Inhaltsanalyse bilden danach insgesamt 603 Nachrichtensendungen, in denen 891 Nahostbeiträge enthalten sind, die sich in 1298 Darbietungseinheiten aufgliedern.

Darbietungsformen
Untersucht man die journalistische Präsentation der Nachrichtenbeiträge, zeigt sich folgendes Bild:

Die Nahostberichterstattung findet überwiegend in filmischen Formen statt. Ein klares Übergewicht haben zusammen genommen der Nachrichtenfilm (20 %) und der Filmbericht (29 %). Während Nachrichtenfilme vorwiegend aus senderexternen Quellen stammen, relativ kurz sind und mit unterlegtem Textkommentar ausgestrahlt werden, sind Filmberichte in der Regel journalistische Eigenbeiträge der Sender, die meist auch länger ausfallen. Bei gut einem Drittel aller Einheiten handelt es sich um Meldungen (34 %), in denen das Wort bzw. der Text die Hauptkomponente der Informationsvermittlung ist. Korrespondentenberichte in Form von Studio-/Schaltgesprächen (13 %) stellen den geringeren Anteil dar. Eigenständige Kommentare (1 %) finden sich in den Hauptnachrichten so gut wie gar nicht, ihre Funktion wird meist in den Schaltgesprächen und Korrespondentenberichten übernommen.

Legt man statt der Anzahl die Dauer der Darbietungseinheiten zugrunde, ändert sich die Verteilung wesentlich. Meldungen (19 %) und Schaltgespräche mit Korrespondenten (17 %) machen zusammen etwas mehr als ein Drittel der Sendedauer aus. Die Hälfte der aufgewendeten Zeit für die Nahostberichterstattung wird allein mit journalistischen Filmberichten (51 %) bestritten. Demgegenüber fällt die Bedeutung der Nachrichtenfilme (12 %) nur gering aus.

Die Vermittlung des Nahostgeschehens findet somit in den Hauptnachrichten wesentlich durch Filmmaterial bzw. durch Bilder statt, denen erläuternder Text von Journalisten und O-Ton-Statements und Interviews mit Akteuren hinzugefügt werden. Bei allen Sendern liegt das Schwergewicht der Nahostberichterstattung auf den Filmberichten. Die allgemein starke Gewichtung der Filmbeiträge unterstreicht die herausragende Bedeutung der Informationsvermittlung über den Nahostkonflikt durch Bilder. Die stärkere Gewichtung der Studio-/Schaltgespräche beim ZDF belegt indes, dass der journalistischen Informationsaufbereitung große Bedeutung beigemessen wird.

Journalistische Wertungen
Unter journalistischen Wertungen werden hier verbale Äußerungen eines Journalisten verstanden, in denen explizit eine zustimmende oder ablehnende Meinungsposition zum berichteten Nahostthema erkennbar wird, die der sachlich neutralen Darstellung nicht mehr völlig entspricht. Damit sind material- und auswahlbedingte visuelle sowie indirekte Wertungen von vornherein ausgeschlossen.

Ermittelt man die verbal geäußerten und klar erkennbaren journalistischen Wertungen, zeigt sich folgender Befund:

Insgesamt ist der Anteil manifester journalistischer Wertungen in der Nahostberichterstattung sehr begrenzt und entspricht damit weitgehend den Forderungen nach Neutralität. In 91 Prozent aller untersuchten Einheiten lässt sich keine Wertung erkennen. Für weitere 4 Prozent trifft neutrale bzw. kontroverse Wertung zu. Nur in 5 Prozent der Fälle findet sich eine Wertung, davon sind 3 Prozent negativ und 2 Prozent positiv.

Akteure
Akteure in der Nahostberichterstattung sind alle relevanten, am berichteten Geschehen beteiligten Handlungsträger. Akteure können als Personen, aber auch als Institutionen oder politische sowie gesellschaftliche Gruppierungen auftreten. Für die Analyse der Akteure sind vor allem drei Fragen wichtig: Wer tritt als Akteur in Erscheinung? In welcher Präsentationsart und in welchen Rollen geschieht dies?

Personen
Unter den namentlich erscheinenden Personen sind Israelis in allen Präsentationsarten häufiger vertreten als Palästinenser. Am stärksten ist der Vorsprung der Israelis in der visuellen Präsentation ausgeprägt.

Die quantitative Überlegenheit israelischer Personen in Nahostbeiträgen zeigt sich nicht nur in der Erscheinungshäufigkeit, sondern auch in der Anzahl verschiedener Personen. Geht man von den explizit genannten bzw. auftretenden Personennamen aus, ergibt sich eine Relation von 66:31 zu Gunsten der Israelis.

Ordnet man die Personen nach Erscheinungshäufigkeit in Rangfolge, ergibt sich für Israelis und Palästinenser auf den ersten 10 Rangplätzen folgendes Bild:

Die Nahostberichterstattung weist einen hohen Grad an Personalisierung auf. Dies zeigt sich dem Zuschauer als Konfrontation zwischen den jeweils amtierenden Spitzenpolitikern: Auf der Seite der Israelis ist dies der jeweils regierende Ministerpräsident, auf der Seite der Palästinenser fast ausschließlich Arafat. Auf die Rangfolge israelischer Akteure wirken sich hier natürlich die unterschiedlich langen Regierungsperioden mit den wechselnden Ministerpräsidenten aus, die im Zeitraum von Beginn 1999 bis März 2002 das politische Geschehen und damit eine entsprechende Medienpräsenz erlangen.

Als dominante Akteure stehen sich die Spitzenpolitiker:

Netanjahu
Arafat
Barak
Arafat
Scharon
Arafat
gegenüber. Fasst man die Auftritte der drei israelischen Spitzenpolitiker zusammen, ergibt sich gegenüber Arafat eine Relation von 560:446. Das Personenspektrum der Palästinenser ist weniger vielfältig und wesentlich schwächer präsentiert. Die starke Personalisierung unterscheidet den Nahostkonflikt auf charakteristische Weise von anderen internationalen Konflikten – z.B. dem Nordirlandkonflikt oder dem ETA-Konflikt.

Gruppierungen
Unter den nicht individuell und namentlich erscheinenden Gruppierungen überwiegen die Israelis gegenüber den Palästinensern weniger stark. Gruppierungen kommen fast nur in Form von Nennungen oder filmischen Darstellungen vor, während O-Ton-Präsentationen die Ausnahme sind.

Der Vorsprung israelischer Präsenz liegt bei den filmischen Darstellungen. Ordnet man auch die organisierten Gruppierungen nach Rangfolge ihrer Präsenz in der Berichterstattung, treten wichtige qualitative Unterschiede zwischen Israelis und Palästinensern noch deutlicher hervor.

Die mit Abstand stärkste Rolle unter den nichtpersonalen Akteuren auf israelischer Seite spielt das israelische Militär in der Berichterstattung.

Auf palästinensischer Seite spielt unter den Gruppenakteuren die Zivilbevölkerung die größte Rolle. An zweiter Stelle folgen mit relativ wenig Abstand Demonstranten und radikale militante Gruppen (Hamas, Hisbollah, Fatah u.a.).

Vermittler im Nahostkonflikt und Sonstige
Unter den Akteuren, die als Vermittler im Nahostkonflikt auf der Ebene der internationalen Diplomatie in Erscheinung treten, nehmen Spitzenpolitiker aus USA, Deutschland, Frankreich und Russland sowie der Papst und die Repräsentanten von UN und EU eine prominente Rolle ein. Ihre Vermittlerrolle nehmen diese Akteure wahr, indem sie den Friedensprozess durch Gespräche, Gipfeltreffen und empfohlene Pläne zu unterstützen versuchen.

Die herausragende Rolle von US-Präsident Bill Clinton als Vermittler im Nahostkonflikt erklärt sich vor allem aus dem starken Gewicht der Friedensverhandlungen von Camp David im Untersuchungszeitraum. Dass der deutsche Außenminister Joschka Fischer und Bundeskanzler Gerhard Schröder unter den nachfolgenden Repräsentanten eine starke Position in der Berichterstattung haben, ergibt sich aus dem hohen Nachrichtenwert, den internationale Ereignisse für die deutsche Berichterstattung haben, wenn deutsche Politiker daran beteiligt sind.

Asymmetrie von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit
Eine zentrale Bedeutung in der medialen Vermittlung des Nahostkonflikts wird der Frage beigemessen, wer und was für den Zuschauer sichtbar und was unsichtbar ist. Von der Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit wertgeladener Konfliktelemente dürfte abhängen, wer durch die Visualisierung des Konflikts Vorteile bzw. Nachteile hat. Da die Visualisierung des Konflikts häufig auf Bildsymbolen mit emotionalem Eigenwert beruht, erhält die Sichtbarkeit der Konfliktakteure und ihrer Handlungen eine Schüsselfunktion, um die Rolle des Fernsehens in diesem Zusammenhang zu verstehen.

Ein erster Schritt zur Klärung dieser Frage bietet sich bereits an dieser Stelle an, indem man die mit Bezug zum Nahostkonflikt auftretenden Akteure anhand des Merkmals Präsentationsart nach Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit unterscheidet. Unsichtbar bleiben die Akteure, wenn sie nur genannt werden. Sichtbar erscheinen sie dem Zuschauer, wenn sie filmisch gezeigt oder O-Ton-Auftritt erhalten.

Das israelische Militär dominiert nicht nur quantitativ insgesamt, sondern es wird dabei auch wesentlich häufiger sichtbar als unsichtbar dargestellt. Im Vergleich zu anderen Gruppierungen erreicht es den höchsten Grad an Sichtbarkeit in der Berichterstattung. Bei den Palästinensern treten die Demonstranten der Straße am häufigsten sichtbar in Erscheinung, während die palästinensischen militanten Gruppen und die palästinensische Zivilbevölkerung häufiger genannt als gezeigt werden. Zwischen Israelis und Palästinensern ergibt sich hieraus eine Asymmetrie in der Sichtbarkeit wichtiger Konfliktrollen.

Konfliktdarstellung
Die Konfliktdarstellung nimmt einen zentralen Platz in der Analyse der Nahostberichterstattung ein. Hier wird sie unter zwei Aspekten betrachtet, 1. Konflikttendenz und 2. Konfliktstruktur. Während die Konflikttendenz Aufschluss über die Gewichtung von Spannung und Entspannung im zeitlichen Verlauf gibt, zeigen die Befunde über die Konfliktstruktur, worin die Asymmetrie der Konfliktbeteiligten besteht und welche Folgen sich aus dieser Asymmetrie für Israelis und Palästinenser ergeben.

Konflikttendenz
Anders als im ersten Teil der Untersuchung, in dem der kontinuierliche Verlauf der Konfliktentwicklung über den Zeitraum von Januar 1999 bis August 2001 grafisch veranschaulicht worden ist, liegen der Darstellung in diesem Teil ausgewählte Untersuchungsphasen zugrunde, die bis in den Zeitraum März 2002 reichen. Durch diese Ausweitung erhalten die Ereignisse in der Phase von September 2001 bis März 2002 ein konfliktprägendes Gewicht, das sich hier auch deutlich in der Gesamtbilanz niederschlägt. Ermittelt man die Konflikttendenz auf der Basis der Wochenauswahl, ergibt sich für die codierten Nachrichtenangebote über alle Jahre gesehen eine Gesamtrelation im Hinblick auf die Sendezeitanteile für Spannung/Krieg und Entspannung/Frieden im Verhältnis von 6:1.
Berichterstattung über Spannung und gewaltsame Auseinandersetzungen machen somit etwa das Sechsfache der Berichterstattung über Entspannung und Frieden aus. Alle Beiträge, die keinen Bezug zum Nahostkonflikt enthalten oder weder über Spannung noch Entspannung berichten, werden hierbei als neutral zusammengefasst.

In den Jahren 1999 bis 2002 zeigt sich deutlich, wie die Entspannung zurückgeht und im Gegenzug die Spannung zunimmt. Dabei sinken auch die Anteile konfliktneutraler Berichterstattung. Die Nahostberichterstattung reduziert sich fast ausschließlich auf den Konflikt, während alles Übrige verdrängt wird. Diese Grundtendenz trifft für alle Sender zu. Berücksichtigt man, dass die Nahostberichterstattung durch den Faktor Konflikt bereits eine Dauerpräsenz in den Nachrichten erlangt hat, aber offenbar noch genügend Spielraum für andere Themen blieb, solange der Konflikt vorwiegend auf der politischen Ebene ausgetragen wurde, erweist sich nun der Faktor Gewalt als so dominant, dass im engen Zeitbudget der Nachrichten für Anderes kaum Platz bleibt.

Im Sendervergleich zeigt sich ferner, dass die Reduktion der Nahostberichterstattung auf den gewaltsamen Konflikt bei RTL und SAT.1 etwas stärker ausfällt als bei ARD und ZDF. Im Ganzen gesehen sind die Unterschiede jedoch nicht so gravierend, vielmehr deuten die Befunde auf eine für alle Sender ähnliche Nachrichtenlage hin, die von der Ereignisentwicklung geprägt wird und sich im Anstieg der Konflikttendenz widerspiegelt.

Konfliktstruktur
Bei der Betrachtung der Konfliktstruktur geht es darum, die beiden Seiten – Israelis und Palästinenser – in konfliktrelevanten Dimensionen gegenüberzustellen. Diese Dimensionen sind: 1. Gewaltakteure, 2. Opfer/Betroffene, 3. Gewaltformen und 4. Gewaltschaden. Gefragt wird, welche der in diesen Dimensionen vorgegebenen Merkmale zum einen bei Israelis und zum anderen bei Palästinensern in der Berichterstattung anzutreffen sind. Die Zuordnung von Merkmalen der Konfliktstruktur hat jeweils aktuellen Handlungsbezug, sie berücksichtigt das unmittelbar beobachtbare Tagesgeschehen, nicht hingegen den zeitlich weiteren Kontext, in dem die Handlungen aus ihrem historischen Zusammenhang verstanden und interpretiert werden könnten. Damit wird die Betrachtung ahistorisch, wie dies auch meistenteils der tagesaktuellen Nachrichtenberichterstattung entspricht.

Um einerseits gewalthaltige und andererseits filmische Konfliktdarstellung möglichst scharf zu konturieren, werden für die Analyse der Konfliktstruktur Darbietungseinheiten ausgewählt, die folgende Kriterien erfüllen:
  1. Es handelt sich um Berichte mit der Konflikttendenz Krieg oder Spannung (Militäreinsatz, Attentate, Straßenkampf, Abbruch von Friedensgesprächen, Freiheitsbeschränkungen u.ä.).
  2. Es handelt sich um die filmischen Darbietungsformen Nachrichtenfilm, Filmbericht oder Trailer (letztere sind quantitativ von geringer Bedeutung).
Die Analyse der Konfliktstruktur bezieht somit nur eine Teilmenge der Nahostbeiträge ein. In dieser Teilmenge kommt die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern am stärksten zur Geltung. Daher kann erwartet werden, dass hierin auch die charakteristischen Merkmale beider Konfliktparteien besonders anschaulich werden. Insgesamt sind folgende Befunde festzustellen:

Israelis
  • Wenn Israelis als Gewaltakteure auftreten, handelt es sich hauptsächlich um das Militär. Gering ist die Anzahl der Fälle, in denen Polizei oder Zivilisten als Gewaltakteure vorkommen.
  • Wenn Israelis als Gewaltbetroffene bzw. Opfer des Konfliktes erscheinen, fällt das Spektrum der betroffenen Gruppierungen breiter aus. Am häufigsten ist die Zivilbevölkerung von der Gewalt betroffen, Erst mit Abstand folgt das Militär. In der Zivilbevölkerung gehören zu den Betroffenen neben Männern und Frauen auch Kinder.
  • Wenn die Israelis Gewaltschäden zu verzeichnen haben, handelt es sich hauptsächlich um Personenschaden in Form von Tod und Verletzung. Daneben fällt Sachschaden in Form von Zerstörung gering aus.
  • Wenn die Israelis Gewalt anwenden, geschieht dies überwiegend in der Form Schiessen, was auf den Einsatz von Militär bzw. Soldaten verweist. Darüber hinaus zeigt sich ein breites Spektrum anderer militärischer Formen, insbesondere sind dies Panzerangriff, Luftangriff, Raketeneinsatz und Besatzung, ferner Bulldozereinsatz und Ausgangssperre bzw. Freiheitsbeschränkung. Bombenanschläge von israelischen Extremisten sind eher eine Seltenheit.
Palästinenser
  • Wenn die Palästinenser als Gewaltakteure auftreten, handelt es sich hauptsächlich um Männer und Jugendliche, die der Zivilbevölkerung zugerechnet werden. Ein beträchtlicher Anteil der Gewaltakteure ist ferner den organisierten radikalen Gruppierungen zuzurechnen. Auch Kinder und Frauen treten hier als Gewaltakteure auf.
  • Wenn die Palästinenser als Gewaltbetroffene bzw. Opfer des Konflikts erscheinen, handelt es sich überwiegend um die Zivilbevölkerung, hauptsächlich Männer und Jugendliche, in geringerer Zahl aber auch um Kinder und Frauen. Zu den Opfern mit nennenswertem Anteil gehören ferner organisierte Aktivisten, betroffen sind ebenso Polizei und Politiker.
  • Wenn die Palästinenser Gewaltschäden zu verzeichnen haben, sind es auch hier vorwiegend Personenschäden in Form von Tod und Verletzung. Hinzu kommt aber ein beträchtlicher Anteil an Sachschaden durch Zerstörung. Auch Freiheitsbeschränkung gehört in das Schadenspektrum.
  • Wenn Palästinenser Gewalt ausüben, handelt es sich überwiegend um die Formen Schiessen und Steine werfen. Eine beachtliche Rolle spielen daneben die Formen Selbstmordanschlag und Bombenanschlag.
Asymmetrie der Konfliktstruktur
Die Asymmetrie der Kontrahenten bestätigt sich in nahezu allen Dimensionen, die zur Beschreibung der Konfliktstruktur verwendet werden. Sie zeigt sich bei den Gewaltakteuren, den Gewaltbetroffenen, den Gewaltformen und prägt das Bild der Gewaltschäden.
Die Asymmetrie der Konfliktstruktur entsteht aus der Ungleichheit der Gewaltakteure, der Gewaltbetroffenen, der Gewaltformen und der Gewaltschäden in Relation zu deren Sichtbarkeit. Auf israelischer Seite reduzieren sich die Gewaltakteure im Wesentlichen auf das sichtbare Militär, auf palästinensischer Seite sind es überwiegend Gruppierungen der Zivilbevölkerung und erst nachrangig organisierte Aktivisten der Hamas, Fatah, Hisbollah und islamischer Dschihad. Unter den Gewaltbetroffenen dominiert auf israelischer Seite ebenfalls das Militär, während bei den Palästinensern die Zivilbevölkerung an erster Stelle rangiert und das Spektrum der betroffenen Gruppen breiter ist. Besonders auffällig ist die Ungleichheit der sichtbaren Gewaltformen: auf israelischer Seite militärische Rüstung, auf palästinensischer Seite Steinewerfer, während die Ausübung von Bombenanschlägen nicht sichtbar ist, sondern nur deren Folgen. In der Bilanz der Gewaltschäden kommen die Palästinenser deutlich schlechter weg als die Israelis.

Damit zeigen die Indikatoren in den Dimensionen Gewaltakteure, Gewaltbetroffene und Gewaltformen an, was bereits mehrfach erwähnt worden ist, nämlich die Konfrontation ungleicher Gegner. Darüber hinaus zeigt sich aber in der Dimension Gewaltschaden, dass die palästinensische Seite mit Ausnahme der Verletzungen in allen übrigen Bereichen, insbesondere Tod, Zerstörung und Freiheitsbeschränkung, mit mehr Schäden in der Berichterstattung erscheinen als die Israelis. Hier weisen die Differenzwerte auf ein Übergewicht zu Lasten der Palästinenser hin.

Zusammenfassung
Die quantitativ-qualitative Analyse der Nahostberichterstattung auf der Basis ausgewählter Untersuchungswochen mit höchster Medienaufmerksamkeit im Zeitraum von 1999 bis März 2002 stützt die These einer Asymmetrie in der Konfliktstruktur:
  • Je weiter sich der Konflikt von der politisch-diplomatischen Ebene der Gespräche und Verhandlungen auf die Ebene einerseits gewalttätiger Ausschreitungen sowie terroristischer Aktionen seitens der Palästinenser und andererseits militärischer Gewaltausübung seitens der Israelis verlagert, desto bedeutsamer wird die Visualisierung der Konfrontation ungleicher Gegner.
  • Das israelische Militär erscheint dabei zunehmend als Täter, die palästinensische Zivilgesellschaft als Opfer.
  • Das Handeln des israelischen Militärs wird überwiegend sichtbar dargestellt, das Handeln der palästinensischen Terroraktivisten bleibt unsichtbar, sichtbar werden nur die israelischen Opfer der Terroranschläge. Als Täter auf palästinensischer Seite agieren in sichtbarer Darstellung hauptsächlich jugendliche Steinewerfer, die eher ein harmloses Bild der Unterlegenheit vermitteln.
Wenn sich aus der Fernsehvermittlung des Nahostkonflikts ein Bild von den Konfliktparteien und eine emotionale Einstellung der Zuschauer gegenüber den Konfliktparteien herausbilden, dann kommt der stereotypen Bildsprache eminente Bedeutung zu, um die Entstehung und Veränderung von Sympathien gegenüber den Konfliktparteien zu verstehen. In dieser Rollenverteilung ergeben sich weniger Chancen für die Israelis, ihre Opferrolle sichtbar zu vermitteln. Stattdessen finden sie sich häufiger in der Aggressorrolle, während die Opferrolle der palästinensischen Zivilbevölkerung umso stärker zur Geltung kommt, je stärker die Vergeltungsschläge des israelischen Militärs das Geschehen bestimmen.


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