Eisberg vor Grönland

Ein Problem, viele Verursacher


2.3.2009
Der Klimawandel ist Realität, seine Auswirkungen sind bereits heute spürbar. Doch wer sind die Verursacher der Klimaveränderungen? In jedem Fall tragen die Industrieländer gegenwärtig den größten Anteil zur Erderwärmung bei. Wer sind die anderen Verantwortlichen? Und was bedeutet das für die Klimapolitik?

Umweltaktivisten veranschaulichen auf der UN-Klimakonferenz in Poznan 2008 die unterschiedliche Verteilung der Pro-Kopf-Emissionen.Umweltaktivisten veranschaulichen auf der UN-Klimakonferenz in Poznan 2008 die unterschiedliche Verteilung der Pro-Kopf-Emissionen. (© Wuppertal Institut)

Die Verursacher des Klimawandels nach Staaten



Der Kohlendioxidausstoß des Menschen ist eine der Hauptursachen des Treibhauseffekts. Die Verweildauer von CO2 in der Atmosphäre beträgt etwa 100 Jahre, es wirkt also etwa 100 Jahre lang. Deshalb ist zur Beantwortung der Frage "Wer ist für den Klimawandel verantwortlich" ein Blick in die Geschichte notwendig: Betrachtet man die Gesamtmenge der Kohlendioxid-Emissionen zwischen 1900 und 1999, wird deutlich, dass die USA mit 30,3 Prozent und die Europäer mit 27,7 Prozent in diesem Zeitraum das meiste CO2 ausgestoßen haben (vgl. Abbildung 1 oben). Die nächst größere Gruppe von Emittenten umfasst das Gebiet der früheren Sowjetunion (13,7 Prozent), dann folgt eine Gruppe von Entwicklungsländern, bestehend aus China, Indien und den weiteren Entwicklungsländern Asiens mit 12,2 Prozent. Süd- und Mittelamerika, der mittlere Osten und Afrika spielen eine sehr untergeordnete Rolle. Insgesamt entfallen auf die Entwicklungsländer 21 Prozent, auf Europa und die USA dagegen mehr als die Hälfte, nämlich 58 Prozent der absoluten CO2-Emissionen.

Abb. 1: Kumulierte energiebedingte CO2-Emissionen für verschiedene Zeiträume. Quelle: Wuppertal Institut nach Germanwatch 2008Abb. 1: Kumulierte energiebedingte CO2-Emissionen für verschiedene Zeiträume. Quelle: Wuppertal Institut nach Germanwatch 2008
Heute hat sich dieses Bild gewandelt: Der Blick auf den Zeitraum 1992-2004 zeigt, dass zwar die USA und Europa zusammen weiterhin fast die Hälfte der energiebedingten CO2-Emissionen ausstoßen, siehe Abbildung 1 unten. Vor allem die Emissionen der so genannten Schwellenländer, allen voran China und Indien, haben deutlich zugenommen. Gerade hier sind in den vergangenen Jahrzehnten die Treibhausgasemissionen vor allem durch den steigenden Energiebedarf drastisch gestiegen. So entfielen allein auf China in im Zeitraum 1992-2004 13,6 Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen. Heute ist China nach Angaben der Internationalen Energieagentur dabei, die USA als weltgrößter Emittent von Treibhausgasen zu überholen. Auch Indien hat zugelegt, während die Emissionen Afrikas gleich bleibend niedrig sind. In ganz Afrika wurde 1997 so viel CO2 ausgestoßen wie in Deutschland oder Indien allein.

Ins Verhältnis gesetzt: Die Betrachtung der Pro-Kopf-Emissionen



Rückblickend auf die absoluten energiebedingten CO2-Emissionen haben also die Industrieländer den größten Anteil an der Klimaveränderung. Die Schwellenländer China und Indien, aber auch Brasilien, Südafrika, Mexiko und Südkorea sind dabei, auf- bzw. zu überholen.

Das Bild der Gesamtemissionen relativiert sich, wenn man den Blick von der Summe der ausgestoßenen Gase auf die Pro-Kopf-Emissionen der jeweiligen Staaten lenkt. Die Pro-Kopf-Emissionen drücken aus, wie viel jede einzelne Bürgerin und jeder Bürger eines Staates zur Erderwärmung beiträgt. Vergleicht man den Pro-Kopf-Ausstoß von Kohlendioxid, zeigen sich große Unterschiede im Vergleich zum Gesamtemissionsniveau der Staaten: Im Jahr 2005 stießen die Bewohner der Industrienationen pro Kopf durchschnittlich etwa elf Tonnen CO2 aus, in den Entwicklungs- und Schwellenländern dagegen durchschnittlich nur zwei.

Stellt man eine Rangfolge der Pro-Kopf-Emissionen auf, relativieren sich vor allem die Gesamtemissionen der bevölkerungsreichen Länder China und Indien deutlich. So findet sich bei dieser Betrachtung China erst auf Platz 88 wieder, Indien auf Platz 120. Und auch innerhalb dieser Länder ist es oft nur eine wohlhabende Minderheit, die durch ihren energieintensiven Lebensstil den Hauptteil der Emissionen verursacht.

Die Hauptemittenten sind die USA, Australien und Kanada, deren pro-Kopf-Verbrauch jeweils mit rund 20 t CO2 fast doppelt so hoch ist wie der der EU-Staaten. In Deutschland verursacht jede Bürgerin und jeder Bürger immerhin noch etwa 10 t CO2 pro Jahr. Hier spiegelt sich der enge Zusammenhang von Pro-Kopf-Emissionen und Einkommen deutlich wider: Höhere Einkommen führen häufig zu intensiveren Konsum und einer energieintensiveren Lebensweise. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von "Luxusemissionen", die die reiche Weltbevölkerung auf Kosten der ärmeren Bevölkerung der Erde verursacht.

Andere Treiber des Klimawandels



Nicht übersehen werden darf jedoch, dass der Klimawandel neben dem Energieverbrauch auch durch andere menschliche Aktivitäten befördert wird. So ist unter anderem die Entwaldung insbesondere in den Entwicklungsländern für 25 Prozent der Erderwärmung verantwortlich. Der Wald ist im globalen Kohlenstoffkreislauf ein wichtiger "Speicher" von Kohlenstoff - die Bäume nehmen bei der Photosynthese das CO2 aus der Luft auf und speichern es. Bei der Rodung von Wäldern wird das gespeicherte CO2 freigesetzt, wodurch wiederum sich der Klimawandel beschleunigt. Brasiliens CO2 Emissionen aus der Rodung von Wäldern des Amazonasgebiets beispielsweise sind etwa viermal so groß wie die energiebedingten Emissionen des Landes. Auch in Indonesien und weiteren südamerikanischen Staaten schreitet die Abholzung der Tropenwälder voran, wenn auch nicht im Ausmaß Brasiliens.

Abb. 2: Energiebedingte CO2-Emissionen pro Kopf für ausgewählte Länder. Quelle: Wuppertal Institut nach WRI 2008.Abb. 2: Energiebedingte CO2-Emissionen pro Kopf für ausgewählte Länder. Quelle: Wuppertal Institut nach WRI 2008.
Auch der Ausstoß von Methan trägt zum Klimawandel bei. Methan (CH4) ist ein sehr potentes Treibhausgas, das etwa 25-mal "treibhauswirksamer" ist als CO2. Es entsteht vor allem bei Rinderhaltung durch die Verdauungsvorgänge der Wiederkäuer. Hierbei kommt es allerdings auch auf den Stand der Technik bzw. der Industrialisierung eines Landes an: Eine intensiv gehaltene "Hochleistungskuh" in den Industrieländern produziert beispielsweise fünfmal so viel Methan wie ein extensiv gehaltenes Rind in Entwicklungsländern. Auch beim Reisanbau wird Methan freigesetzt. Dieser spielt jedoch im Vergleich zu den Methanemissionen aus der Rinderhaltung nur eine Nebenrolle. Insgesamt trägt der Methanausstoß zu etwa 15 Prozent zum anthropogenen Treibhauseffekt bei.

Bei der Landbewirtschaftung ist noch ein weiteres Treibhausgas von Bedeutung: Lachgas (Distickstoffoxid, N20), das vor allem durch Düngemittel freigesetzt wird. Lachgas hat ein sehr hohes Treibhausgaspotenzial von 310. Das bedeutet, eine Tonne Lachgas ist so klimaschädlich wie 310 Tonnen Kohlendioxid. Lachgas ist für etwa 40 Prozent der Treibhausgasemissionen des Agrarsektors weltweit verantwortlich. Hauptemittenten sind hier China, Indien, aber auch die EU sowie die USA, gefolgt von Brasilien und Pakistan. Der Gesamtbeitrag von Lachgas zum Klimawandel beträgt jedoch nur etwa vier Prozent.

Diese Betrachtung verändert die oben angestellten Rangfolgen sowohl bei den absoluten als auch den pro-Kopf-Emissionen. Bei der Berücksichtigung aller Treibhausgase steigt der Anteil der Entwicklungsländer, da dort häufig der Industrialisierungsgrad niedrig und der Anteil der Landwirtschaft größer ist. In absoluten Zahlen sinkt beispielsweise der Anteil der USA an den weltweiten Emissionen von 24 auf 21 Prozent, wenn man neben dem Energieverbrauch auch alle anderen Treibhausgase einbezieht. Er fällt noch einmal auf 16 Prozent, wenn alle Gase sowie Landnutzungsänderungen (Entwaldung) berücksichtigt werden. Übrigens ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Vereinigten Staaten bei allen drei Berechnungsmethoden der größte Emittent weltweit sind. Dagegen schiebt sich Indonesien in der Reihenfolge nach oben, wenn alle Klimagase und die Entwaldung gezählt werden, und zwar vom 21. auf den vierten Platz.

Bei den pro-Kopf-Emissionen bietet sich ein vergleichbares Bild: Die Werte Chinas, Indiens und Brasilien vermindern sich um 31, 47 bzw. 60 Prozent, wenn nur die energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen betrachtet werden. Die Werte der EU, der USA und Japans dagegen verschieben sich lediglich um 19, 17 bzw. 9 Prozent.

Fazit



Daraus ergibt sich eine besondere Verpflichtung für den Klimaschutz: Die Industrieländer sollten bei der Bekämpfung des Klimawandels eine Vorreiterrolle übernehmen. Diese Länder haben es durch ihren Industrialisierungsgrad und ihr technologisches Know-How viel leichter als die Entwicklungsländer, in klimafreundliche Technologien zu investieren.

Die Entwicklungsländer pochen mit einigem Recht auf eine "nachholende Entwicklung", die ihnen historisch zusteht. Aus diesen Überlegungen heraus wurde in der UN-Klimarahmenkonvention das Prinzip der "gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung" verankert, das ebendiese Unterschiede bei der Verursachung des Treibhauseffekts widerspiegelt.

Betrachtet man allerdings, wie rasant die Emissionen in den Schwellenländern ansteigen, wird schnell klar, dass ohne beispielsweise China und Indien kein ernsthafter Klimaschutz im 21. Jahrhundert betrieben werden kann. Eine der großen Herausforderungen für die internationale Klimapolitik ist es deshalb, diesen Ländern Entwicklungsperspektiven zu eröffnen, sie aber gleichzeitig von der Notwendigkeit zu überzeugen, in eine eigene Klimaschutzpolitik einzusteigen.

Literatur



German watch (Hrsg.) 2008: Globaler Klimawandel. Ursachen, Folgen, Handlungsmöglichkeiten. Bonn/Berlin.

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) 2007: Welt im Wandel – Sicherheitsrisiko Klimawandel. »Hauptgutachten 2007.«

Baumert, Kevin; Herzog, Timothy; Pershing, Jonathan – World Resources Institute 2005: Navigating the Numbers. Greenhouse Gas Data and International Climate Policy. »PDF«

Das »Climate Analysis Indicators Tool (CAIT)« des World Resources Institute bietet einen umfassenden Überblick über Treibhausgasemissionen weltweit.

Santarius, Tilman: Klimawandel und globale Gerechtigkeit. »Aus Politik und Zeitgeschichte«

Der »Süd-Nord-Vorschlag.« Ein Modell für die faire Aufteilung von Klimaschutzpflichten, das eine starke Reduzierung der Emissionen im Norden, aber auch Minderungspflichten unterschiedlicher Art für Entwicklungsländer vorsieht.

»Entwicklungsgerechtigkeit im Klimaregime.« Der Greenhouse-Development-Rights-Ansatz (GDR) von EcoEquity und dem Stockholm Environment Institute.


 

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