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Dossier - Frauenfußball-WM 2007
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Mannschaftsporträt Australien |
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"Das letzte Hemd - Frauenfußball in Australien" |
| Andreas Stummer |
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Den Erfolg im Blick - die australische Spielerrinnen, hier Collette McCallum, wollen bei der WM in China punkten (Foto: AP)
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Zu behaupten, dass Australier Sport lieben, ist ein Understatement. Australien ist sportverrückt. Begeisterungsfähig aber nicht fanatisch, patriotisch aber fair. Internationale Erfolge sind Folkore, die SpielerInnen, die ihr Land vertreten, Volkshelden. Sportler sind so populär, dass jedes Nationalteam einen eigenen Beinamen trägt. Die australischen Rugby-Spieler sind die "Wallabies", die Schwimmer die "Dolphins", die Basketballerinnen werden "Opals" und die Hockey-Spielerinnen "Kookaburras" genannt. Schon vor ihrem Erfolg bei der WM in Deutschland wusste jedes Kind, dass mit "Socceroos" die Fußballer gemeint waren. Nur die "Matildas", obwohl benannt nach Australiens heimlicher Nationalhymne "Waltzing Matilda", kannte so gut wie niemand. Frauenfußball stand meilenweit im Abseits. Kein Zuschauer- und noch weniger Medieninteresse.
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Zur Person |
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Andreas Stummer, 1965 in München geboren, lebt in Sydney/Australien und berichtet von dort unter anderem als freier Korrespondent für den ARD-Hörfunk.
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 |  | Im November 1999 sollte sich das ändern. Mit Schlagzeilen wie "Matildas zeigen alles" oder "Fußballerinnen in Top-Form" bekommen die australischen Kickerinnen die besten Kritiken ihrer Karriere. Auf den Titelseiten. Nur nicht für ihre Leistung auf dem Fußballplatz, sondern für ihre Posen in einem freizügigen Nackt-Kalender.
Über Jahre hinweg hatten die Matildas bei Sponsoren und der Vergabe von Fördergeldern den Kürzeren gezogen. Dann kam ihnen die Idee sich auszuziehen. Die Nationalmannschaft als Pin-Ups. Scham-, skrupellos und in Hochglanz. Für einen Dollar pro verkauftem Kalender. "Wir bekommen einfach nicht die Aufmerksamkeit und die finanzielle Unterstützung, die wir verdienen", bemängelt Vorstopperin Amy Taylor bei der Enthüllung der hüllenlosen Matildas, "Dagegen wollten wir etwas unternehmen." Mit Erfolg.
Im Jahr zuvor waren die Matildas zur WM in die USA abgereist. Am Flughafen wurden sie nur von einem einzigen Kamerateam und einer Handvoll Reporter verabschiedet. Zur Vorstellung des Nackt-Kalenders aber kommen 150 australische und internationale Journalisten. CNN, das japanische Fernsehen und der deutsche Hörfunk berichten, das britische Boulevardblatt "Sun" jubelt: "Sex zu null für Matildas".
Die National-Torhüterin als Miss Juni, die Mittelstürmerin ohne Trikot und Schienbeinschoner in Pamela Anderson-Pose: Australiens geschockte Frauenverbände aber schreien foul. Sport-Kommentatoren vergleichen die Matildas mit Playboy-Häschen, Marketing-Experten kritisieren den Schwarz-Weiß-Kalender als "geistigen Flachpass." Der Promoter Max Markson mäkelt: "Heute sind die Matildas vielleicht in aller Munde. Morgen aber werden die Sponsoren reißaus nehmen. Über alle Berge und auf Nimmerwiedersehen". Markson sollte recht behalten.
Doch trotz aller verbaler Bananenflanken: Der Nackedei-Kalender der australischen Fußballerinnen ist ein Volltreffer. Die Erstauflage von 5.000 Stück ist binnen Stunden vergriffen, 100.000 weitere werden gedruckt. Und auch verkauft. Mit dem Erlös finanzieren die Amateur-Spielerinnen die Vorbereitung auf die olympischen Spiele in Sydney. Seitdem gelten die Matildas in Australien als das Team, das für seinen Sport das letzte Hemd gibt.
Der Frauenfußball ist eine der jüngsten Sportarten des Landes, ohne die langjährige Tradition von Rugby, Cricket oder Australian Rules Football. Europäische Auswanderer brachten ihre Begeisterung für Fußball schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit nach Australien. Aber es dauerte bis 1974 bevor ein Frauenfußball-Verband gegründet wurde. Im Jahr darauf bestreiten die Matildas ihr erstes Länderspiel gegen Neuseeland. Feierabend-Fußballerinnen und Sportstudentinnen unter sich.
Fußball-Zwerge wie American Samoa, Fiji oder Papua-Neuguinea sind kaum ernstzunehmende Konkurrenz. Den Australierinnen wird der Ozeanien-Verband bald zu klein. Nach Begegnungen mit asiatischen Teams spielen die Matildas Ende der 80iger Jahre zum ersten Mal auch gegen amerikanische und europäische Mannschaften.
Doch von tatkräftiger Unterstützung durch Sponsoren oder von ähnlich großem Medieninteresse wie etwa in den USA können die australischen Fußballerinnen nur träumen. Als die Matildas 1991 auch noch die Teilnahme an der Weltmeisterschaft verpassen werden sie zur Fußnote im australischen Sport. Kein Erfolg, keine Publicity, keine Förderung. Die Verbandsführung und der Trainerstab arbeiten ehrenamtlich, die Spielerinnen müssen sich Vorbereitung und Anreise zu Länderspielen meist selbst finanzieren.
Obwohl die Matildas sich von 1995 an für jede WM-Endrunde qualifizieren konnten, hat sich daran bis heute nur wenig geändert. "Unsere Einstellung ist professionell aber unser gesamtes Umfeld wird von Amateuren verwaltet", beklagt Mittelfeldspielerin Joanne Peters, mit 28 eine der Veteraninnen der Matildas. "Aber das macht uns nur noch entschlossener es jetzt bei der WM in China allen zu zeigen. So wie die Männer letztes Jahr in Deutschland."
Ganz Australien war im Fußballfieber als die Socceroos bei der WM 2006 als krasse Außenseiter sensationell die Runde der letzten 16 erreichten. Endstation war erst der spätere Weltmeister Italien. Die halbe Mannschaft der Matildas war live in Deutschland mit dabei. Als Fans. Den Socceroos gelang, was die australischen Fußballerinnen bisher nicht geschafft haben: Bei einer WM-Endrunde zu gewinnen. Dreimal waren die Matildas bisher bei einer Weltmeisterschaft mit dabei, dreimal kamen sie über die erste Runde nicht hinaus. Ohne einen einzigen Sieg. "Aller guten Dinge sind vier", hofft Tom Sermanni, der Coach der Matildas. "Wir gehen mit dem stärksten Team an den Start, das wir je hatten. Unsere WM-Truppe für das Turnier in China ist eine gute Mischung aus erfahrenen Spielerinnen und talentiertem Nachwuchs". Die Jüngste im 21 Frauen starken Kader der Matildas ist 19, die Älteste, Spielführerin Cheryl Salisbury, 33 Jahre alt. "Die Socceroos haben es uns vorgemacht", sagt Rekord-Nationalspielerin Salisbury, die in China bereits an ihrer vierten WM teilnimmt, "Nicht die Mannschaft mit den größten Stars kommt weiter, sondern das beste Team. Und deshalb können wir jeden schlagen."
Verteidigerin Cheryl Salisbury spielt seit 15 Jahren Fußball für Australien. Sie hat alle Höhen und Tiefen der Matildas miterlebt. Verpasste Qualifikationen und abgesagte Länderspiele, weil das Geld wieder einmal nicht reichte. Aber auch Erfolge wie Platz zwei im Asien Cup 2006, der das WM-Ticket für China bedeutete. Und dann waren da noch die olympischen Heimspiele von Sydney: Salisbury bekommt heute noch Gänsehaut wenn sie sich an dem Empfang für die Matildas im vollbesetzten Olympiastadion erinnert. "Es waren an die 80.000 Zuschauer da. Nur wegen uns. Ich hatte Tränen in den Augen. Wir fühlten uns wie bei einem Rockkonzert."
Salisbury spielt Fußball seit sie laufen kann. (Sie kann sich nicht mehr erinnern was sie zuerst angefangen hat). Erst mit den Nachbarjungs auf den Straßen der Stahlarbeiterstadt Newcastle, nördlich von Sydney. Später nimmt sie es mit älteren Mitschülern auf. Einer ihrer Sportlehrer erkennt Cheryls Talent und meldet sie im Fußballverein an. Zehn Jahre lang ist sie das einzige Mädchen im Team. Mit 18 spielt Cheryl Salisbury zum ersten mal in einer Frauenmannschaft: Im grün-goldenen Trikot des Nationalteams. Sie ist die jüngste Matilda aller Zeiten. Heute, nach mehr als 120 Länderspielen, ist sie die älteste. "Wir spielen heute um zwei, drei Klassen besser als vor 15 Jahren, als ich in der Nationalmannschaft angefangen habe. Wir sind athletischer, technisch versierter und wir haben ein viel besseres Spielverständnis." Salisbury lacht: "Früher wussten wir gar nicht wie man Taktik schreibt." Die 33jährige studiert an der Australischen Sportakademie in Canberra. Ihr Ziel: Den Trainerschein zu machen und die Matildas zu coachen. Vielleicht schon nach dem WM-Turnier in China.
Die Australierinnen, in der FIFA-Weltrangliste auf Platz 15, sind in Gruppe C gelost. Zusammen mit Norwegen, Kanada und Ghana. Die Australierinnen gelten als Außenseiter: Norwegen, Weltmeister 1995, ist als viertstärkstes Team der Welt eingestuft. Kanada steht auf Rang neun und kam bei der WM 2003 bis ins Halbfinale. Nur die Afrikaner, das international unerfahrenste Team des Turniers, dürften den Matildas keine Probleme bereiten. Coach Tom Sermanni ist optimistisch: "Ich wäre bitter enttäuscht wenn wir es nicht bis ins Viertelfinale schaffen. Was die Männer können, das können meine Mädchen schon lange".
Seit dem Erfolg der Socceroos bei der WM in Deutschland ist Fußball Australiens Boom-Sportart. Auch bei den Frauen. Mehr als 100.000 sind in einem Verein aktiv, allein im letzten Jahr haben sich 20.000 Spielerinnen neu registrieren lassen. Über Nachwuchs brauchen sich die Matildas keine Gedanken zu machen. Aber bei der WM in China geht es um mehr als nur ein gutes Abschneiden: Die Matildas wollen Respekt. Und beweisen, dass die Zeiten, in denen sich Australiens Nationalspielerinnen ausziehen mussten, um Schlagzeilen zu machen, vorbei sind. "Beim Trikottausch sind wir unschlagbar", scherzt Cheryl Salisbury, "aber wir werden bei der Weltmeisterschaft zeigen, dass wir auch angezogen eine gute Figur machen."

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10. September 2007 |
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Die graue Spielzeit
1955 verbietet der Deutsche Fußball-Bund seinen Mitgliedsvereinen den Frauenfußball. In den Augen des Verbands gilt der Fußballsport als "unweiblich" und "nichtfraugemäß". Erst 1970 ändert sich die Einschätzung, am 31. Oktober wird das Verbot aufgehoben. |
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Geschichte des Frauenfußballs
Von der Weimarer Republik bis zum Gewinn der Europameisterschaft 2005: Frauenfußball musste in Deutschland viele Hürden nehmen, um akzeptiert zu werden. |
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Chronologie des Frauenfußballs
Die Chronologie zeigt die Entwicklung des Frauenfußballs in Europa und speziell in Deutschland und der DDR auf. Der Zeitraum reicht von 1894 bis 2005. |
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