Energie-Perspektiven
Auch Sparsamkeit gehört künftig zur Energiepolitik
Energie wird nicht nur zunehmend teurer, sondern auch knapp. Dabei gibt es beim Energieverbrauch selbst noch große Einsparpotenziale, auch durch eine verbesserte Energieeffizienz. Bislang werden diese Möglichkeiten aber bei weitem nicht ausgeschöpft.
Das Fahrradfahren ist sicherlich energiesparend. Doch Klimaanlagen, vor allem ältere Modelle, sind echte Energieschlucker (© AP)Vor diesem Hintergrund erhält das Energiesparen durch verbesserte Energieeffizienz auf der Nachfrageseite – auch als Endenergieeffizienz bezeichnet – neue Aufmerksamkeit auf der Ebene der Vereinten Nationen (UN), der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) über die EU bis hin zur deutschen Politik. Ein Beispiel sind der von der EU Ende 2006 beschlossene Aktionsplan Energieeffizienz und die Beschlüsse des Ministerrats im März 2007, unter anderem die Energieeffizienz in der EU bis 2020 gegenüber dem Trend um 20 Prozent zu verbessern. Hierbei bestehen erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten bei der Nachfrage sowohl für Strom als auch für Wärmeenergieträger.
Bedeutung der Energieeffizienz im Kontext der Energie- und Klimapolitik
Szenarienrechnungen (bspw. für den World Wide Fund for Nature (WWF) 2005) kommen zu dem Schluss, dass bei verstärkten Anstrengungen in der EU und auch in Deutschland insgesamt bis zum Jahr 2020 mehr als 20 Prozent des Verbrauchs an Endenergie – also Strom, Gas, Heizöl, Benzin, Diesel und andere – gegenüber dem Trend eingespart werden könnten. Hinzu kommen Einsparpotenziale auf der Angebotsseite von Energie, zum Beispiel durch Kraft-Wärme-Kopplung. Dabei wird die Abwärme aus der Stromerzeugung zum Heizen oder für die Produktion verwendet.
Energieeffizienz, vor allem auf der Nachfrageseite – Endenergieeffizienz also – ist daher der Schlüssel zu einer nachhaltigen Energieversorgung. In Kombination mit dem Ausbau erneuerbarer Energien kann die entschiedene Nutzung der Energieeffizienz die Umsetzung der Ziele der Energie- und Klimapolitik ermöglichen. Der vom Bundesumweltminister im Mai 2007 vorgestellte Acht-Punkte-Plan zum Klimaschutz kann bei vollständiger Umsetzung das Ziel der Treibhausgasreduktion in Deutschland um 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990 bei gleichzeitigem Auslaufen der Kernenergie gemäß dem geltenden Gesetz erreichen (vgl. Abbildung 1).
Abbildung 1: Der Acht-Punkte-Plan der Bundesregierung zum Klimaschutz. Die Maßnahmen 1, 5 und 7 zielen auf das Energiesparen durch Verbesserung der Energieeffizienz auf der Nachfrageseite (Endenergieeffizienz), die Maßnahmen 2 und 4 auf ein energieeffizienteres Energieangebot. (© Wuppertal Institut 2008 nach Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2007)Zugleich zeigen aktuelle Untersuchungen für das Bundesumweltministerium (ISI/ÖKO/STE 2007), dass hiermit ein wirtschaftlicher Gewinn verbunden wäre. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Energieeffizienz. Durch die Energiekosteneinsparung ist Energieeffizienz in der Regel sehr wirtschaftlich. Energiesparmaßnahmen bringen oft eine Verzinsung des eingesetzten Kapitals von 30 Prozent oder mehr. Im Gesamtsystem können dadurch die zeitweiligen Mehrkosten für den Ausbau der erneuerbaren Energien mehr als wett gemacht werden.
Energieeffizienz und Einsparpotenziale
Doch was genau bedeutet Energieeffizienz, und wie groß sind die Potenziale? Energiesparen durch effiziente Energienutzung heißt, für die gleiche Dienstleistung – z.B. warme und helle Räume, Transport, Produktion – weniger Energie einzusetzen. Dazu kann entweder in effizientere Technik investiert werden, oder es kann effiziente Technik z.B. durch Energiemanagement besser genutzt werden, oder es kann Energieverschwendung z.B. durch Abschalten nicht benötigter Geräte und Anlagen vermieden werden.
Die Potenziale der effizienten Energienutzung sind enorm. Die sparsamsten Kühl- und Gefriergeräte verbrauchen heute zwei Drittel weniger Strom als Geräte im Durchschnitt vor zehn Jahren. Passivhäuser brauchen dank verstärkter Wärmedämmung sowie effizienter Lüftung und Heizung nur 20 Prozent der Heizenergie eines Neubaus nach der Energieeinsparverordnung – bei guter Planung und Ausführung entstehen keine großen Mehrkosten. Bei elektrischen Antrieben sind ähnliche Einsparungen möglich: Bei Heizungsumwälzpumpen sparen z.B. die neue EC-Motor-Pumpe und eine Optimierung des Heizkreislaufs bis zu 90 Prozent. EC-Motoren drosseln mittels eines Permanentmagneten elektrische Verluste. Mehrere Hersteller bieten bereits "3-Liter-Autos" an, und mit Leichtbauweise, Hybridantrieb etc. können auch Mittelklassemodelle in absehbarer Zeit solche niedrigen Verbrauchswerte erreichen.
Insgesamt ist es im Rahmen der normalen Erneuerungszyklen für Geräte, Fahrzeuge, Anlagen und Gebäude gesamtwirtschaftlich und für die Energieverbraucher lohnend sowie technisch möglich, zusätzlich bis zu zwei Prozent pro Jahr gegenüber bisherigen Trends einzusparen. Abbildung 2 zeigt, in welchen Bereichen besonders große und wirtschaftliche Potenziale zur Treibhausgas-Minderung durch Endenergieeffizienz bestehen.
So entsteht eine Win-win-Situation, bei der alle profitieren: Innovation, Arbeitsplätze und Wertschöpfung können wirtschaftlich mit dem Klimaschutz verbunden werden.
Abbildung 2: Potenziale zur Treibhausgas-Minderung durch Endenergieeffizienz innerhalb von 10 Jahren, wenn in jedem Fall die effizienteste Technik zum Einsatz kommt, und Nettokosten aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive: durchschnittliche Energieeinsparkosten (dicke Linie) und CO2-Vermeidungskosten (dünne Linie) im Vergleich zu den Kosten bei ohnehin durchzuführenden Maßnahmen, unter Berücksichtigung der eingesparten Energiesystemkosten (daher Nettokosten). Die Breite der Stufen in der Treppenkurve zeigt das Potenzial einer Technik, die Tiefe auf der Treppe ihre Wirtschaftlichkeit. Wenn die Kosten eingesparter Energie kleiner als Null sind, ist das Potenzial wirtschaftlich. Links unten sind daher die wirtschaftlichsten Potenziale. Den Berechnungen liegen Energiepreise von 2004 zugrunde. (© Wuppertal Institut, 2006)Hemmnisse für Energieeffizienz und Aufgaben der Energiepolitik
Warum gibt es nach wie vor diese Potenziale, wenn sie doch eigentlich wirtschaftlich sind? Der Grund ist eine Vielzahl von Hemmnissen, die die Umsetzung selbst wirtschaftlicher Energieeffizienzmaßnahmen verhindern. Energieeffizienz hat bei Anschaffungen, Planungen und Instandsetzungen meist keine Priorität: Sie ist geknüpft an viele kleine und mittlere technische Verbesserungen bei Gebäuden, Anlagen oder Techniken und ist nicht deren Hauptzweck. Es fehlt daher an Überblick über mögliche Potenziale genauso wie an Detailwissen zu deren Erschließung oder ab wann sich die Mehrkosten amortisiert haben etc. Bei der Auswahl von Maßnahmen sind häufig die Anfangsinvestitionen ausschlaggebend, die gesamten Lebenszykluskosten bleiben allzu oft unberücksichtigt. Für die Analyse dieser Lebenszykluskosten gibt es zu wenige einfach handhabbare Werkzeuge.
Außerdem gibt es in der Regel wenig Anreize, um sparsamste Geräte und Anlagen anzuschaffen, oder die Anreize sind nicht offensichtlich (z. B. Verminderung der Betriebskosten). Zu solchen Hindernissen kann es beispielsweise kommen, wenn Nutzer und Investor nicht identisch sind und darum unterschiedliche Interessen haben. Ein Beispiel dafür ist das Verhältnis von Mieter und Vermieter: Der Vermieter bezahlt nicht die Energierechnung und hat deshalb auch kein Interesse an Investitionen zur Verbesserung der Energieeffizienz wie z. B. Umstellung der Warmwasserversorgung von Strom auf Gas- und Solarwärme. Häufig stehen auch nicht ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung, um in wirtschaftliche Effizienzmaßnahmen zu investieren.
Eine dringende Aufgabe der Energiepolitik in Deutschland ist es daher, die vielfältigen Hemmnisse für Energieeffizienz noch besser zu überwinden als bisher. Nötig sind Informationen, z.B. durch Energieberatung, betriebliche Energieanalysen, Energielabel, einen aussagekräftigen Energieausweis für Gebäude, Datenbanken sparsamer Geräte und Fahrzeuge, aber auch bessere Aus- und Weiterbildung. Ebenso ist die finanzielle Förderung für Beratung und/oder Investition zur Energieeinsparung von Bedeutung. Hier gibt es z.B. Programme der KfW-Förderbank der Bundesregierung sowie Programme der Länder und Kommunen. Auch schärfere Grenzwerte für den Energieverbrauch von Fahrzeugen, Geräten, Gebäuden und Anlagen (u.a. durch die Energieeinsparverordnung und die EcoDesign-Richtlinie sowie die vorgeschlagene Regulierung des CO2-Ausstoßes von Autos) sind entscheidend. Nicht zuletzt ist die Nutzung des öffentlichen Einkaufs wichtig, um sparsame Technik schneller in den Markt zu bringen (vgl. Borg 2003).
Es muss also ein Gesamtpaket von Maßnahmen und Instrumenten umgesetzt werden, um Energieeffizienz insgesamt so einfach und attraktiv wie möglich zu machen – durch individuelle Beratung, praktische Anleitungen und konkrete Handlungsempfehlungen, Sicherstellung der Verfügbarkeit der empfohlenen Maßnahmen, Schulungen, Regulierung, finanzielle Anreize und Finanzierungsangebote. Mit anderen Worten: eine Kombination aus "Zuckerbrot, Peitsche und Werbetrommel".
Dieses Bündel von Maßnahmen und Instrumenten sollte sich an alle Akteure in den jeweiligen Marktketten richten, wie Abbildung 3 veranschaulicht.
Abbildung 3: Der generelle Politikinstrumente-Mix zur Förderung der Verbesserung der Endenergieeffizienz. Die Abbildung zeigt, dass dabei zunächst in einem Technikmarkt bei der Energieanwendung die Hemmnisse für alle Marktakteure analysiert werden müssen. Sodann gilt es, aus dem dargestellten Mix das jeweils geeignete Paket von Instrumenten zu schnüren (© Wuppertal Institut, 2007)Wichtig für die Umsetzung ist es, dass die dezentralen Angebote zur Information, Weiterbildung und Förderung jeweils bundesweit gebündelt und finanziert werden. Mit einem solchen Gesamtrahmen haben es z.B. Großbritannien und Dänemark ermöglicht, jedes Jahr zusätzlich mehr als ein Prozent Energie einzusparen. Sie nutzen dazu eine Kombination aus Verpflichtungen der Energiewirtschaft, eine bestimmte Menge an Energieeinsparungen bei ihren Kunden nachzuweisen, und staatlich finanzierten Energiesparfonds. Auch in Deutschland könnte ein solcher Energiesparfonds ein wirksames Instrument sein: Ein Beitrag von durchschnittlich etwa 0,1 Cent pro kWh, z.B. aus der Energiesteuer auf Strom, Gas und Öl, würde genügen, um die Energierechnungen (Verbrauch mal Preis) von Industrie, Handel, Gewerbe und Haushalten deutlich zu senken (Thomas/Irrek 2006).
Literatur:
Borg&Co AB (2003): Harnessing the Power of the Public Purse, Final report from the European PROST study on energy efficiency in the public sector, Stockholm; »www.eceee.org/european_directives/EEES/public_sector/«.
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung/ Öko-Institut/ Forschungszentrum Jülich, Institut für Energieforschung – Systemforschung und Technologische Entwicklung (IEF-STE) (ISI/ÖKO/STE) (2007): Wirtschaftliche Bewertung von Maßnahmen des Integrierten Energie- und Klimaprogramms (IEKP) (Zusammenfassung des Zwischenberichts), Karlsruhe/Berlin/Jülich.
Irrek, Wolfgang und Stefan Thomas (2006): Der EnergieSparFonds für Deutschland. Edition der Hans-Böckler-Stiftung 169, Düsseldorf; »www.wupperinst.org/de/projekte/proj/uploads/tx_wiprojekt/
EnergieSparFonds.pdf«.
Worldwide Fund for Nature, European Policy Office (WWF) (2005): Freezing Climate Change, How to cut a third of EU greenhouse gas emissions by 2020, Brussels; »www.wupperinst.org/de/projekte/proj/uploads/tx_wiprojekt/
2217-report.pdf«.
Wuppertal Institut (2006): Optionen und Potenziale für Endenergieeffizienz und Energiedienstleistungen, Kurzfassung, Endbericht im Auftrag der E.ON AG, Wuppertal; »www.wupperinst.org/de/projekte/proj/uploads/tx_wiprojekt/
EE_EDL_Final_short_de.pdf«.
weitere Inhalte:
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- Klimawandel und Klimaschutz
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