Offshore-Windpark nahe Shanghai. Die 102 Mega-Watt Offshore-Anlage wurde Mitte 2010 fertiggestellt und ist die größte in ganz Asien. Die 34 Windturbinen mit jeweils 3 Mega-Watt Leistung können 200.000 Haushalte in Shanghai mit Energie versorgen.

Der Nahe und Mittlere Osten – die Tankstelle der Welt

Der Ölreichtum verleiht der Region globalen Einfluss


5.9.2008
Rund 60 Prozent der Erdölreserven weltweit befinden sich in nur fünf Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Wenn zurzeit die Ölpreise Rekordniveau erreichen, bedeutet das viel Geld in den Staatskassen. Ebenso bringen die globalen Ölbegehrlichkeiten aber auch politischen Einfluss.

Zwei irakische Ölarbeiter spazieren durch die Dura Ölraffinerie außerhalb Bagdads Samstag 22 Februar, 2003. Die irakischen Ölreserven sind die zweitgrößten der Welt nach Saudi-Arabien.Die Dura Ölraffinerie bei Bagdad. Der Irak verfügt über die zweitgrößten Ölreserven weltweit nach Saudi-Arabien. Westliche Ölkonzerne wollen jetzt wieder vermehrt im Irak fördern: Während des Krieges war das Ölgeschäft zum Erliegen gekommen. (© AP)

Am 22. Mai 2008 kommentierte eine Karikatur in der International Herald Tribune besonders zynisch die Abhängigkeit der USA vom Öl des Nahen und Mittleren Ostens. Zu sehen war Präsident Bush, wie er auf Knien König Abdallah von Saudi-Arabien entgegenrutscht und um eine Erhöhung der Ölfördermenge bettelt. Der König dreht sich auf dem Thron nach hinten zum Diener und flüstert hinter vorgehaltener Hand: "Gib ihm eine Geschenktüte und schick ihn des Weges!"

Wenige Tage zuvor war Bush zum zweiten Mal in diesem Jahr nach Saudi-Arabien gereist. Fast einen gesamten Tag lang hatte der Texaner diesmal mit dem König verbracht, auf dessen Wochenendsitz außerhalb der Hauptstadt Riad, dem unter anderem ein Pferdegestüt mit 150 Araberhengsten angeschlossen ist.

Das Erdöl erzielt Rekordpreise



Die krisengeschüttelte US-Wirtschaft braucht dringend mehr und vor allem billigeres Öl, aber Bush bettelte vergeblich. Mehr als eine magere Erhöhung der Produktion um vorerst 300.000 Barrel Öl pro Tag (ein Barrel entspricht 159 Liter) werde es nicht geben. Anfang Juni kündigte das Königreich überraschend eine weitere Erhöhung um 200.000 Barrel pro Tag an. Am 22. Juni rief Saudi-Arabien dann sogar einen Öl-Krisengipfel der OPEC ein, der Organisation Erdöl exportierender Länder. Das Königreich sowie Kuwait zeigten Bereitschaft, die Fördermengen noch einmal zu erhöhen. Andere OPEC-Staaten wollen vorerst nicht mehr Öl auf den Markt bringen und warnten vor Spekulanten, die den Preis nach oben trieben. Frühestens im September bei ihrem nächsten regulären Treffen in Wien wird die OPEC erneut über Fördermengen nachdenken. Bis dahin soll es keine weiteren Treffen geben. Doch die Stimmung bleibt angespannt.

Tankstelle in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. 40 Prozent des derzeit auf dem Weltmarkt angebotenen Öls kommen aus dem Königreich.Tankstelle in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. 40 Prozent des derzeit auf dem Weltmarkt angebotenen Öls kommen aus dem Königreich. (© AP)
Dafür steht auch der 6. Juni. An diesem Tag war der Ölpreis auf den internationalen Märkten um nochmal neun Prozent in bisher ungekannte Höhen geschnellt, auf rund 140 US-Dollar pro Barrel. Nie zuvor gab es solch einen Preisanstieg an nur einem einzigen Tag. Anlass waren die Kriegsdrohungen vom israelischen Vizepremier Shaul Mofaz gegen den Iran und die Furcht der Händler, ein Waffengang könnte die strategisch wichtige Meeresstraße von Hormuz blockieren und den Ölexport aus den Golfstaaten stoppen. Die Straße von Hormuz verläuft zwischen Iran und Oman. Sie ist eine wichtige Route für den Ölexport nach Westeuropa, die USA und Japan.

Beide Ereignisse – das amerikanisch-saudische Gerangel um die Förderquoten wie auch die Ölpreisexplosion vom 6. Juni – verdeutlichen auf beklemmende Weise den Stellenwert, den die "Tankstelle der Welt" für die globale Wirtschaft und die internationale Politik besitzt. Rund 60 Prozent der Erdölreserven weltweit befinden sich in nur fünf Staaten des Nahen und Mittleren Ostens: in Saudi-Arabien, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Irak und im Iran. Die genannten Länder mit Ausnahme von Iran und Irak bilden zusammen mit den Scheichtümern Bahrein, Qatar und Oman den Golfkooperationsrat, der rund die Hälfte aller weltweiten Erdölreserven besitzt.[1] Während es vor 20 Jahren 15 so genannte Super Giant Oil Fields auf der Welt gab, also Riesenölfelder mit verfügbaren Reserven von mehr als 5 Milliarden Barrel bei einer gleichzeitigen Förderung von mindestens einer Million Barrel pro Tag, so sind es heute nur noch vier – zwei davon im Nahen Osten. Saudi-Arabien besitzt mit dem Ghawar-Ölfeld das größte der Welt, Kuwait mit dem Burgan-Feld das zweitgrößte.[2]

Seine Kundschaft kann man sich aussuchen



Der rasante Anstieg der Weltmarktpreise für Rohöl spült einen nahezu unermesslichen Reichtum in die Kassen der Golfstaaten. Saudi-Arabien, das rund ein Viertel aller mit herkömmlichen Methoden förderbaren Ölmengen weltweit besitzt, so BP Statistical Review 2008, konnte in den letzten Jahren ein enormes Wachstum seiner Einnahmen verbuchen. Im Jahre 1998 betrug der Erlös aus dem Erdölgeschäft 33 Milliarden US-Dollar. 2005 waren es bereits 143 Milliarden Dollar, 2006 165 Milliarden und im Jahre 2007 stattliche 170 Milliarden. Für 2008 wird erwartet, dass der Ertrag die magische Grenze von 200 Milliarden US-Dollar überschreitet.

40 Prozent des derzeit auf dem Weltmarkt angebotenen Öls kommen aus Saudi-Arabien. Damit erhält das Königreich ein außerordentliches ökonomisches wie politisches Gewicht. Das gilt ähnlich auch für andere Länder der Region. Der Westen muss es hinnehmen, dass sich ein so existenziell wichtiger Energierohstoff in so großem Maße im Besitz von Staaten befindet, die dem Westen oder zumindest seinen Werten eher feindlich gesinnt sind. Es entstehen unangenehme Abhängigkeiten, und so ist es vermutlich kein Zufall, dass Bush bei seiner letzten Nahostreise scharf die Menschenrechtssituation in Ägypten kritisierte, in Saudi-Arabien aber nicht, obwohl dort eines der undemokratischsten Regime der Region herrscht. Hinrichtungen gehören zum Alltag, Regimegegner landen oft genug im Gefängnis, Frauen werden elementare Rechte vorenthalten. Ägypten hingegen ist als Rohstofflieferant zu unbedeutend, um hofiert zu werden.

Immer wieder tauchen in der US-amerikanischen Presse Leitartikel auf, die behaupten, der westliche Ölhunger finanziere den islamistischen Terrorismus. Doch so einfach ist das nicht. Auch Regime wie das von Saudi-Arabien werden von radikalen Islamisten und von Terroristen in ihrer Macht bedroht. Zudem landen die Gewinne aus dem Erdölexport in etlichen modern strukturierten Ländern der Region, wie Dubai oder Bahrein, in Fonds, um sie auf den internationalen Finanzmärkten und im Rahmen der Weltwirtschaft für sich arbeiten zu lassen. Richtig ist allerdings: Der Geldsegen macht es Ländern wie Saudi-Arabien leicht, für eine Verbreitung der dort herrschenden konservativen bis extremen Auslegung des Islam zu sorgen. Und die ist nachweisbar Nährboden für radikale Gesinnungen auch über die Grenzen des Königreiches hinaus.

Zudem konkurriert der Westen im Nahen und Mittleren Osten mit despotischen Regimen aus aller Welt um die knapper werdenden Ressourcen – als Kooperationspartner bei der Erschließung wie auch als Kunde. Die Ölstaaten können es sich aussuchen, wen sie bevorzugen und damit letztendlich stützen wollen. Derzeit bezieht zum Beispiel China 40 Prozent seiner Ölimporte aus Saudi-Arabien, dem Oman sowie aus dem Iran.[3] Peking hat mit diesen Ländern sowie mit Libyen, dem Sudan und Algerien langfristige Lieferverträge und Abkommen über die Beteiligung chinesischer Firmen an Erschließung und Verarbeitung des Öls unterzeichnet. Mit dem Iran vereinbarte China einen 100-Millionen-US-Dollar-Vertrag für Öl- und Gaslieferungen über insgesamt 25 Jahre.

Fluch und Segen zugleich



Der Ölreichtum hat also zweifelsohne eine systemstabilisierende Wirkung in der Region – wie auch darüber hinaus, denn er bringt Schwung in die Kooperation zwischen undemokratischen Regimen. Der systemerhaltende Effekt gilt sogar für Länder im Nahen Osten, die vergleichsweise unbedeutende Ressourcen besitzen. In Syrien haben die mageren Erdölvorkommen das Regime zumindest in den 1990er Jahren etwas abfedern können.[4] Und in Ägypten, das ebenfalls nur über kleinere Erdöl- und Erdgasvorkommen verfügt, spielt der Investitionsboom aus den Golfstaaten eine signifikante Rolle, ebenso wie die Einnahmen aus dem Suez-Kanalbetrieb. Dessen Erträge steigen kontinuierlich, denn nicht zuletzt wächst gleichsam die Zahl der Öltanker, die den Kanal passieren.

So sind Öl und Gas gleichzeitig Fluch und Segen für eine Region, die unter anderem aufgrund des Energiereichtums ein Herd ständiger politischer Spannungen ist. Daran wird sich in naher Zukunft vermutlich wenig ändern, wenn die Welt, wie prognostiziert, bis 2030 nochmal 50 Prozent mehr Energie benötigen wird. [5] Die Zeit arbeitet allerdings eher für den Westen als gegen ihn. Denn die Ressourcen sind endlich. Einer Studie der unabhängigen Energy Watch Group vom Frühjahr 2008 zufolge hat die weltweite Ölförderung bereits 2006 ihren Höhepunkt überschritten und wird sich bis zum Jahr 2030 halbieren. Auch die Berufsoptimisten von der Internationalen Energieagentur kündigten überraschend an, ihre Prognosen in Kürze nach unten zu korrigieren.[6]

Im Nahen und Mittleren Osten gehen die Ressourcen unterschiedlich schnell zur Neige. Im Oman etwa reicht das Öl vielleicht noch 30 bis 35 Jahre [7], in Saudi-Arabien einige Jahrzehnte länger. Zuverlässige Schätzungen existieren nicht, weil vor allem die Erdöl produzierenden Staaten an optimistischen, wenn nicht gar geschönten Voraussagen interessiert sind, um den Handel ungebremst in Schwung zu halten. Dubai hingegen profitiert jetzt schon kaum noch von eigenem Erdöl. In Bahrein geht es innerhalb der nächsten Jahre aus.[8] Für beide Scheichtümer hat dies durchaus positive Folgen. Sie mussten sich wirtschaftlich umorientieren und gehören inzwischen zu den liberalsten Ländern der Region.

In Zukunft: Erneuerbare Energien und Kernkraft



Für die Zeit nach dem Öl ist die Region auf tragfähige Allianzen innerhalb der Weltwirtschaft angewiesen. Die wird es unter anderem im Westen suchen, zum einen wegen seines technischen Knowhows, zum anderen weil viele arabische Staaten, etwa das sunnitische Saudi-Arabien, nicht daran interessiert sind, dem schiitischen Iran bei seinen regionalen Vormachtsbestrebungen zu helfen.

Das Ende des Erdgases wird nur wenig länger auf sich warten lassen. Zwar besitzen die sechs Staaten des Golfkooperationsrates 30 Prozent aller Gasvorkommen weltweit, aber im Oman wird es bereits innerhalb der nächsten Jahre zur Neige gehen. Dort bemüht man sich derzeit um die Kooperation mit dem gasreichen Qatar. Das ägyptische Erdgas wird schätzungsweise 20 Jahre lang reichen. Noch sorgt es allerdings für politische Querelen: Im Juni 2008 musste ein Lieferabkommen mit Israel nach Protesten aus den Reihen der Opposition in die Wiedervorlage.

Rund 85 Prozent seines Stroms gewinnt Ägypten aus Erdgas, das es eigentlich lieber ins Ausland verkaufen möchte.[9] Nicht zuletzt deshalb gewinnen hier langsam die Bemühungen um alternative Energieträger an Fahrt. Angesichts einer ungetrübten Sonneneinstrahlung rund ums Jahr und eines nahezu gleichbleibend starken Windes an der Küste des Roten Meeres besitzt das Land besonders bei Wind- und Sonnenenergie einen enormen Standortvorteil. Bis 2020 will es 20 Prozent seines Bedarfes aus alternativen Energiequellen decken. Zudem wurde jüngst der Bau von Kernkraftwerken angekündigt.

Zwei Wege, die auch andere Staaten der Region beschreiten. Der Golfkooperationsrat beschloss 2006 ein Programm zur friedlichen Nutzung der Kernenergie. Die Vereinigten Arabischen Emirate dagegen investieren derzeit 15 Milliarden US-Dollar in die Gewinnung erneuerbarer Energien, im Rahmen des so genannten Masdar-Projektes. Im Zentrum des Projektes steht die schadstoffneutrale "Grüne Stadt", die zurzeit nahe Abu Dhabi entsteht. Sie wird frei von Autos, Müll und Kohlendioxid sein und komplett mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Überall auf der Welt soll sie Nachahmer finden.[10]


Fußnoten

  1. Reem Nafie "No crash on the radar for GCC economies, say experts", Daily News Egypt, 21. Mai 2008 (http://www.thedailynewsegypt.com/
    article.aspx?ArticleID=13833)
  2. Fredrik Robelius, Universität Uppsala (Schweden) "Giant Oil Fields of the World" http://www.peakoil.net/AIMseminar/
    UU_AIM_Robelius.pdf sowie "Versiegen bald die Quellen? Reserven sind vorhanden – aber leider in Spannungsgebieten", in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Januar 2008 (nicht online)
  3. Jochen Steinhilber "Was sucht China im Mittleren Osten", Le Monde Diplomatique, 10. November 2006 (http://www.monde-diplomatique.de/pm/2006/
    11/10.mondeText.artikel,a0010.idx,7) sowie generell auch: "China's Thirst for Oil", International Crisis Group Brüssel, Asia Report Nr. 153, 9. Juni 2008 (http://www.crisisgroup.org/library/
    documents/asia/153_china_s_
    thirst_for_oil.pdf)
  4. Rainer Herrmann "Länderbericht Syrien. Kleine Blüte nach zaghaften Reformen", in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. März 2008 (nicht online)
  5. laut Aussage von Tony Hayward (Group Chief Executive von BP), zitiert in "Fueling the future: towards sustainable energy", Daily News Egypt, 20. Mai 2008 (http://www.thedailynewsegypt.com/
    article.aspx?ArticleID=13815)
  6. Anselm Waldermann "Eine Welt ohne Öl", in Spiegel Online, 23. Mai 2008 (http://www.spiegel.de/wirtschaft/
    0,1518,554891,00.html), siehe ebenfalls "Energieriese Total warnt vor Ende des Ölzeitalters", Spiegel Online, 3. Juni 2008 (http://www.spiegel.de/wirtschaft/
    0,1518,557435,00.html)
  7. Klaus-Dieter Frankenberger "Omans Wirtschaft will vom Erdöl unabhängig werden", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. April 2005 (nicht online)
  8. Rainer Herrmann "Länderbericht: Bahrein. Standort für islamische Banken", in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Dezember 2006 (nicht online)
  9. Michael A. Lange und Dennis Gremm "Eine neue Energiepolitik für Ägypten – Wenn das eigene Erdöl versiegt", in Kairo News, Konrad-Adenauer-Stiftung, Januar 2007 (http://www.kas.de/wf/doc/
    kas_9945-544-1-30.pdf)
  10. Rainer Herrmann "Abu Dhabi plant die Energiestadt von morgen", in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Juni 2007 (nicht online) sowie "Fueling the future: towards sustainable energy", Daily News Egypt, 20. Mai 2008 (http://www.thedailynewsegypt.com/
    article.aspx?ArticleID=13815)
 

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