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Dossier bpb.de

Gesellschaft: Soziale Aspekte

Unterwegs in Online-Welten

Spieler des Online-Rollenspiels "Ultima Online" über das Leben im Spiel und außerhalb
Shahieda Ibrahim
Inhalt
Einleitung
MMORPG – Was ist das?
Die Interviewpartner: Zur Person der Spieler
Persönliche Situation als Rollenspieler
Die Charaktere im Spiel
Soziale Kontakte im Spiel
Spielmotivation
Auswirkungen auf das soziale Netzwerk und die reale Welt
Transferprozesse
Fazit
Literatur
Die Charaktere im Spiel

Die meisten der Interviewpartner spielen abwechselnd mehrere Charaktere, in die annähernd die selbe Spielzeit investiert wird. Andere spielen vorrangig mit einem Hauptcharakter und eher selten mit einem Nebencharakter. Andy und Florian dagegen widmen ihre gesamte Spielzeit nur einem Charakter.

Die jeweils gewählten Rollen der Interviewpartner könnten unterschiedlicher nicht sein, so werden z.B. ein Barde, ein ehrgeiziger und goldgieriger Schmied, eine Tierzähmerin, Schneiderin, Schatzsucherin, Diebin, ein zurückgezogener Waldläufer, ein zwergischer Krieger, ein intriganter Hochelf, menschliche Krieger und Zauberer verkörpert. Da die Game Master auf Cimmeria in ein Göttersystem integriert sind, spielt Thomas beispielsweise Xeon, Gott des Zorns, der unter anderem darüber wacht, dass die cimmerischen Gesetze eingehalten werden.

Ein Grund für die Auswahl der Charaktere sind spielinterne Aspekte, wie die effektivere Fähigkeiten-Entwicklung oder die erschwerten Bedingungen, z.B. auf einem Freeshard einen Zauberer zugelassen zu bekommen. Aber auch rollenspielerische Hintergründe tragen zur Entscheidung über den Charakter bei.

Andy: "Barde ist eine Klasse, die durch Rollenspiel und Wortwitz besticht, nicht durch "Macht" im Sinne eines Schwertes oder heftigem Mana [= Energie für Zaubersprüche]."

Dennis: "Magier waren schon immer meine Lieblingscharaktere bei P&P-Rollenspielen [Pen&Paper-Rollenspielen], oder auch in Büchern. [...] Sie fangen schwach an, werden aber später sehr mächtig. Außerdem lösen sie Dinge eher mit dem Kopf, indem sie z.B. den richtigen Zauberspruch zur richtigen Zeit wählen. Mir gefällt auch der Hintergrund zum Charakter."

Stella: "Schneiderin habe ich deshalb gewählt, weil ich RL [real life] auch sehr gerne schneidere und mich damit halbwegs auskenne. Deshalb sprach es mich von allen angebotenen Klassen auch am meisten an." Jessica dagegen schreibt eine Fantasy-Geschichte und versucht, diese Charaktere in UO umzusetzen.

Als persönliche Ziele der verschiedenen Charaktere wurde von den meisten Interviewpartnern Macht, hoher sozialer Status und Reichtum genannt. Anderen Usern ist ein gewisser Bekanntheitsgrad und der damit verbundene Respekt der Mitspieler wichtig. Andy, der einen Barden verkörpert, sagt dazu: "Man ist nur jemand, wenn man gekannt wird."

Aber auch eine angemessene Ausübung des gewählten Berufs ist den meisten Interviewpersonen wichtig. So möchte Florians Schmied beispielsweise Grand Master Schmied werden, damit er von ihm gefertigte Rüstungen mit seinen Initialen versehen kann. Thomas sagt zu seiner Gott-Rolle aus:

"Xeon ist Gott des Zorns, demnach ein Gott der bösen Seite. Sein Ziel ist die Verbreitung seiner Macht, gleichzusetzen mit der Verbreitung des Zorns. Er schürt Misstrauen und Zorn unter den Menschen (und in gewissem Rahmen auch unter Angehörigen anderer Rassen). Er tut nichts umsonst, sondern sucht immer seinen eigenen Vorteil."

Die eigene Persönlichkeit fließt bei fast allen Interviewpersonen sehr stark in den Hauptcharakter mit ein. Stella: "Sehr stark. Jeder Char verkörpert einen Teil von mir. Eigentlich spiele ich zum großen Teil mich selbst, nur in einer anderen Person und Zeit."

Nur Florian gibt einen Einfluss von höchstens 20 Prozent an, da es seiner Meinung nach gerade der Reiz des Rollenspiels ist, in eine völlig andere Person zu schlüpfen. Dies wird von den anderen Interviewpartnern meist mit ihren Nebencharakteren kompensiert.

Nun ist es nicht verwunderlich, dass die Charaktere der meisten Interviewpartner auch die selben Ansichten und Denkweisen wie die jeweiligen Spieler vertreten. Stella: "Größtenteils. Ich handle meistens, wie ich selbst handeln würde, da ich sie charaktermäßig an mich selbst angelehnt habe. Bei meinen anderen beiden Chars ist das anders, deshalb sind die auch anstrengender zu spielen. Man kann nicht mehr impulsiv handeln, sondern muss wirklich dieses Charakterbild vor Augen haben, um seine Figur so weiterzuspielen, wie man sie bisher gestaltet hat, auch wenn man selbst im RL anders handeln würde." Dennis erstellt seine Charaktere sogar – soweit dies möglich ist – nach seinem äußeren Ebenbild.

Charaktere des anderen Geschlechts werden nur von drei Interviewpartnern gespielt. Dies hat teils rollenspieltechnische, teils spielinterne Gründe, da beispielsweise nur Frauen im Spiel Einhörner reiten dürfen. Sebastian: "Ich spiele auch weibliche Charakter, weil es in meinen Augen einfach dazu gehört. Man spielt ja auch verschiedene Typen von Charakteren, also warum nicht auch ein anderes Geschlecht. Ist relativ schwer eine Frau überzeugend zu spielen als männlicher Spieler.

Die Spieler vermeiden es jedoch, mit anderen Charakteren zu flirten, Pierre sagt dazu aus: "Nein … Ich würde mir da ein bisschen blöd vorkommen, und außerdem hätte ich dann ein schlechtes Gewissen, wenn doch jemand an mir mehr interessiert sein sollte."

Das Spielen der Ausführung des Geschlechtsverkehrs ist übrigens auf den meisten Shards verboten, da sich auch Spieler unter 18 Jahren im Spiel aufhalten. Das hält einige User jedoch nicht davon ab, es gegen die Regeln zu praktizieren. So sagt Thomas, Game Master auf Cimmeria:

"Die meisten Player scheinen sich, wenn es um Ingame-Sex geht, gerade die Dinge auszusuchen, die ihnen im RL [real life] nicht zur Verfügung stehen. Herausstechen da natürlich die männlichen PO's [Player Off = Spieler am PC]. Der Höhepunkt jeglicher Verrücktheit war die lesbische Beziehung zweier weiblicher Chars [Charaktere], die von männlichen Playern gespielt wurden. [...] Männliche PO's haben aber auch schon versucht, ein Freudenhaus zu eröffnen. [...] Ach ja, lesbische Beziehungen sind verbreitet. Schwule Beziehungen sind nicht vorhanden."


06. Dezember 2005

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Schriftenreihe (Bd. 386)
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