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Gesellschaft: Soziale Aspekte

Unterwegs in Online-Welten

Spieler des Online-Rollenspiels "Ultima Online" über das Leben im Spiel und außerhalb
Shahieda Ibrahim
Inhalt
Einleitung
MMORPG – Was ist das?
Die Interviewpartner: Zur Person der Spieler
Persönliche Situation als Rollenspieler
Die Charaktere im Spiel
Soziale Kontakte im Spiel
Spielmotivation
Auswirkungen auf das soziale Netzwerk und die reale Welt
Transferprozesse
Fazit
Literatur
Transferprozesse

Als erstes soll uns hier die Frage beschäftigen, ob die Interviewpersonen glauben, im Spiel etwas für das reale Leben zu lernen. Dabei sagen drei der Befragten aus, dass dies für sie persönlich nicht zutreffen würde. Paul begründet dies mit dem zu großen Abstand zwischen gespieltem Charakter und User. Ines meint, dass sie aufgrund ihres Alters und ihrer Lebenserfahrung nichts neues mehr im Spiel lernt, weiter führt sie jedoch aus:

"Aber die jungen Spieler können etwas lernen… Zusammen ohne Gewalt viel Spaß zu haben und sich ganz normal austauschen über alles mögliche… Nachgeben können, den anderen zuhören, auf deren Bedürfnisse einzugehen … Und auch einfach mal vom Alltag (Schul- und Lernstress) abschalten können."

Die verbleibenden Interviewpartner meinen, sehr wohl etwas im Spiel für die reale Welt zu lernen. Hier werden eine Verbesserung der Rechtschreibung und ein schnelleres Tempo beim Tippen auf der Tastatur verzeichnet. Weiterhin gibt Sebastian an, dass er vor dem UO-Spielen so gut wie keine technischen Kenntnisse im PC- und Internet-Bereich hatte. Heute ist er als Game Master auf dem Freeshard "Hells Gate" unter anderem für den Weltenbau mit einem speziellen Programm zuständig.

Das Spielen in UO hat ihn weiterhin motiviert, sich mit dem Programmieren in HTML zur Gestaltung einer eigenen Internetseite zu befassen. Thomas und Andy äußern, dass ihre Fähigkeit, mit Menschen umzugehen und Gruppendynamik zu verstehen, durch das Spielen in UO geschult wird. Dazu zählt auch der angemessene Umgang mit Konflikten.

Jessica: "Na ja, ig [ingame = im Spiel] hat man genau wie og [offgame = außerhalb des Spiels] soziale Kontakte, und ich denke, man lernt auch ein wenig mit Konflikten umzugehen und dergleichen, weil die Leute ig ebenso unberechenbar sind wie og."

Da Thomas als Game Master auch über das Recht verfügt, regelbrechende Spieler angemessen zu bestrafen, bleiben Beschimpfungen natürlich nicht aus. Inzwischen hat er jedoch gelernt, gelassen auf diese zu reagieren. Konflikte aus dem Spiel wirken sich bei der Mehrheit der Interviewpartner nicht auf den Alltag aus. Andy: "Es gab Momente, in denen ich mich über ein paar der Pfeifen dort aufgeregt habe. Aber das hat mich nicht wirklich so mitgenommen, dass ich im RL [real life] unausstehlich gewesen wäre."

Dennis, Jessica und Florian konnten jedoch eine Beeinflussung ihres Alltags feststellen, auch wenn diese nur kurz anhielt. Dennis: "Wenn mich etwas sehr stört bei UO, kann ich schon schlecht gelaunt sein. Das hält aber nicht lange an ... Es ist halt nur ein Spiel." Jessica: "Sehr selten, nur wenn man mich quasi als og-Person angegriffen hat."

Wie verhält es sich denn bei dieser Beeinflussung des Alltags in Bezug auf das Rollenspiel, wenn beispielsweise etwas Trauriges erlebt oder ein Quest erfolgreich gelöst wurde? Hier geben vier der Befragten an, keine Auswirkungen zu spüren. Jessica sieht dies jedoch anders:

"Na ja ... schon .... man ist ja auch gut gelaunt, wenn man die Runde Mensch-ärger-dich-nicht gewonnen hat, oder? Natürlich sind Erfolg oder Versagen im Spiel ein wenig übergreifend aufs RL, sonst würd' es einem auch keinen Spaß machen."

Auch Ines erzählt, dass sie sich noch Gedanken über das Spiel hinaus macht, wenn sie im Rollenspiel beispielsweise Konflikte mit Freunden hatte. Dies tritt jedoch sehr selten auf. Die verbleibenden vier Interviewpersonen äußern, dass sich nur positive Erlebnisse im Rollenspiel auf ihren Alltag auswirken. Andy: "Aber ich BIN gut gelaunt, wenn ich Spaß gehabt habe. Und Quests lösen macht Spaß." Dennis: "Ja, ich denke man lässt 'schöne oder gute' Emotionen eher zu, als schlechte."

Ist das Rollenspiel eine Flucht in eine andere Welt – ohne Bezug zur realen Welt? Dies verneinen fast alle Interviewpartner. Dennis: "'Flucht' ist vielleicht das falsche Wort. Sicherlich tauche ich dadurch in eine andere Welt ein, aber ich würde es nicht als Flucht bezeichnen."

Pierre: "Ich bin kein richtiger RPler [Rollenspieler]. Manchmal baue ich Elemente davon ein (die Geschichte von meinem Char z.B.), aber ich bin ich, auch im Spiel ... also keine Flucht." Thomas: "Es hat Bezug zur realen Welt – man merkt ständig, dass es auch nur Menschen sind, die sich dort rumtreiben."

Stella äußert sich jedoch anders: "Ja, ist es. Das ist es aber für jeden. Nur denke ich, dass, wenn dies in gesundem Maße geschieht und man immer noch sein reales Leben vor Augen hat, es tolerierbar und als Hobby gewertet werden kann. Es ist aber eine Falle und kann ganz schnell zur Sucht werden, vor allem bei Problemen im RL [real life]." Und auf die Frage, ob sie in UO völlig abschalten, die reale Welt außen vor lassen könne, antwortete sie kurz: "Ja."

Probleme aus dem Alltag werden nicht von den Interviewpartnern im Spiel verarbeitet. Dennis und Pierre äußern sich dazu wie folgt: Dennis: "Nein. Mein Charakter hat dort ja ein eigenes Leben, und so soll es auch bleiben. [...] UO oder Rollenspiel allgemein ist für mich ein Hobby und keine Therapie." Pierre: "Ob ich könnte ... vielleicht ... aber ich mach's nicht ... Wenn ich spiele, dann um abzuschalten, und da haben dann meine 'Probleme' nichts darin verloren."

Bei der Frage, ob die Interviewpartner schon einmal bestimmte Situationen (Konflikt- oder Flirtsituationen) im Rollenspiel durchgespielt und hinterher auch real gemacht haben, konnten viele der Befragten ein Lachen nicht unterdrücken, da ihnen dieser Gedanke als zu abwegig erschien. So ist es nicht verwunderlich, dass dies von allen Interviewpartnern verneint wird.

Auf die Frage nach Werten, Normen und Moralvorstellungen geben vier Interviewpartner an, dass diese in der virtuellen und der realen Welt für sie im großen und ganzen identisch sind, da der gespielte Charakter stark der eigenen Persönlichkeit entspricht. Für die anderen Interviewpersonen gelten verschiedene Vorstellungen für die jeweiligen Welten.

Jessica: "Natürlich unterscheiden sie sich, weil in UO wird es nach mittelalterlichen Maßstäben gespielt, also radikaler als im RL." Die Frage, ob radikaler bedeute, dass schneller zum Schwert gegriffen werde, bejaht sie.

Thomas: "Andere Vorstellungen, angepasst an die Rassen - versuch ich zumindest. Man kann sich letztendlich nicht vollkommen davon loslösen, aber das genau ist es ja eigentlich was Roleplaying beinhaltet." So ist für Florians goldgierigen Schmied ein kleiner Betrug kein großes Verbrechen. Auch Jessica und Stella rauben mit ihren Kriegerinnen-Charakteren ab und zu andere UO-Mitmenschen aus. Doch alle Freveltaten, die darüber hinausgehen, werden von diesen Dreien abgelehnt.

Paul, Sebastian und Thomas dagegen schöpfen das gesamte Repertoire der in UO erlaubten Missetaten aus und halten sich nur an die vorgegebenen Shardregeln. Paul: "An die, die in den Shardregeln stehen..., ob es nötig ist, gerade ein Tier zu missbrauchen.. bleibt offen :) oder sonstige unmoralische Dinge zu tun, die ein wenig zu weit gehen ..."

Sebastian betont jedoch, dass er auch im Spiel keinen Rassismus ausüben würde. "Wenn die Möglichkeit bestünde, würden nur Jessica und Stella gern in einer realen Welt wie in der von UO leben. Dies führen beide auf ihre allgemeine Faszination für das Mittelalter zurück. Fünf der Befragten würden die UO-Welt als reale Welt ablehnen, da ihnen das Mittelalter einfach zu altmodisch ist." Andy gibt als weiteren Grund an: "Weil eine Welt, die derart kampforientiert ist, einfach nicht lebenswert ist."

Die verbleibenden drei Interviewpartner sehen sich nicht imstande, zu dieser Frage eine Aussage zu machen, da ihnen bewusst ist, dass diese Möglichkeit niemals bestehen wird.

Als letztes soll uns in diesem Zusammenhang die Frage beschäftigen, ob in UO etwas existiert, dass es so auch in der realen Welt geben sollte. Daraufhin äußern drei der Befragten, dass dies nicht der Fall wäre. Andy sagt dazu: "Alles 'Gute' in UO gibt es in irgendeiner Art hier schon."

Von den verbleibenden Interviewpartnern jedoch werden z.B. Magie, Elfen – besonders seit der Herr-der-Ringe-Verfilmung – Wiederbelebungsplatten und dass niemand an Hunger sterben kann, genannt. Weiterhin wird ausgeführt: Dennis: "Auf jeden Fall! Es gibt dort 'Travel Mages', also Reise-Magier. Man sagt einfach 'gate to ...' und man ist da. Das wäre doch mal eine praktische Sache!"

Ines: "Nur ein Bruchteil von Zusammenhalt und Rücksichtnahme wie die Spieler, mit denen ich zu tun habe, wäre schon sehr schön." Pierre: "Doch ... etwas gibt es schon ... dass jeder mit jedem ins Gespräch kommt ... Das gibt's leider in der RL nicht immer, was aber auch ein Grund der großen Entfernungen sein könnte. [...] Einige könnten dabei noch sehr viel lernen."

Die beiden Game Master Sebastian und Thomas regen zudem an, dass es auch in der realen Welt so eine Instanz wie die GMs geben sollte, da diese bei Regelverstößen weitaus effektiver als Polizei oder Gericht vorgehen könnten. Von Thomas werden sie als eine Art unabhängiges Schiedsgericht, nur mit mehr Einflussmöglichkeiten bezeichnet. Ihm ist jedoch auch bewusst: "Es bräuchte lebende Götter, um Game Master in der realen Welt verkörpern zu können."


06. Dezember 2005

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