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Vor der Revolte: Die Sechziger Jahre |
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| Axel Schildt |
Professionelle Beobachter waren von der eruptiven Wucht der 1967 eskalierenden Protestbewegung völlig überrascht, hatten
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In den 60er Jahren das Objekt der Begierde: ein Plattenspieler. Foto: AP
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sie doch noch kurz zuvor ein vorherrschendes politisches Desinteresse registriert ; eine auf Konsumangebote fixierte und von diesen manipulierte Jugend schien heranzuwachsen . Speziell die Studierenden galten geradezu als "schweigende Generation" (Helmut Thielicke). Der Sozialwissenschaftler und Bildungspolitiker Ludwig von Friedeburg befand 1965: "Überall erscheint die Welt ohne Alternativen, passt man sich den jeweiligen Gegebenheiten an, ohne sich zu engagieren, und sucht sein persönliches Glück in Familienleben und Berufskarriere. In der modernen Gesellschaft bilden Studenten kaum mehr ein Ferment produktiver Unruhe."
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Zur Person |
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Axel Schildt Axel Schildt wurde 1951 in Hamburg geboren. Er ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg sowie Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.
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 |  | Das Überraschungsmoment der Revolte beförderte schon bald die in der Publizistik weithin geteilte Vorstellung von 1968 als tiefer Zäsur zwischen bleiernen Zeiten des autoritären Immobilismus und den lichten Weiten einer modernen Zivilgesellschaft oder - je nach Provenienz der Betrachter - zwischen geordneten Verhältnissen und ihrer Auflösung. Von jenem Jahr aus betrachtet, interessierte der erste Teil der Dekade dementsprechend lediglich als "Inkubationszeit des Protests" oder aber als Umschlagen des "Reform-Gedankens" in ein "Revolutions-Postulat" . Erst seit kürzerer Zeit beginnt die Zeitgeschichtsschreibung demgegenüber, die Gesellschaft der sechziger Jahre in ihrer "eigenständigen Bedeutung" intensiv zu erkunden . Aus dieser Perspektive lässt sich bereits die Zeit um 1960 als tiefer gesellschaftlicher Umbruch konturieren und wird schließlich auch die spektakuläre Protestbewegung im letzten Drittel der Dekade, teleologischer Zuschreibungen entkleidet, in einen weiteren historischen Zusammenhang gestellt werden können.
Der folgende Beitrag skizziert einige gesellschaftliche Tendenzen der Bundesrepublik in den frühen sechziger Jahren, fragt nach politischen Anlässen, Wahrnehmungen und Motiven, die oppositionelle Aufbrüche in diesem Zeitraum bewirkten, und wendet sich schließlich der Entstehung einer Neuen Linken zu.
Das Ende der Nachkriegszeit
Als kleinster gemeinsamer Nenner bisheriger Deutungen scheint sich herauszukristallisieren, die sechziger Jahre als eine "Phase der Gärung" zu verstehen, "in der sich eine Fülle von Veränderungsimpulsen wechselseitig verstärkten" . Nicht nur die Nachkriegszeit war zu Ende gegangen, sondern eine ganze industriegesellschaftliche Epoche, die vor der Jahrhundertwende begonnen hatte. Der Strukturwandel der Volkswirtschaft, der in den fünfziger Jahren bereits mit hohem Tempo begonnen hatte, setzte sich dynamisch fort und leitete den Übergang zur "tertiären" oder Dienstleistungsgesellschaft ein. Zudem galt die Bundesrepublik nach der hermetischen Schließung der Grenzen auch nach West-Berlin durch die DDR ihren Bewohnern kaum mehr als "Provisorium"; in Umrissen zeichnete sich vielmehr eine spezifisch westdeutsche "neue Gesellschaft" ab, wie es der junge Soziologe Ralf Dahrendorf in einer prominenten "Bestandsaufnahme" formulierte . Die Bevölkerung der Bundesrepublik verjüngte sich im "Babyboom" der frühen sechziger Jahre wie in keinem anderen Jahrzehnt ihrer Geschichte, und durch die Zuwanderung von Arbeitskräften aus südeuropäischen Ländern wurde Westdeutschland faktisch zum Einwanderungsland, dem gegenüber die DDR als traditionell deutsch wahrgenommen wurde.
Der durchschnittliche Arbeitnehmerhaushalt vermochte in den sechziger Jahren am enorm gestiegenen Konsum der neuen "Wohlstandsgesellschaft" in nie gekanntem Ausmaß teilzuhaben. Die Nettoeinkommen stiegen in jener Dekade um ca. 50 Prozent. Dieser Wohlstandszuwachs, er zeigte sich etwa bei der Verbesserung des Wohnkomforts und der raschen Verbreitung von Konsumgütern, die zuvor als Luxus gegolten hatten, ließ neue Lebensstile entstehen. Charakteristisch war dafür ein in der deutschen Geschichte zumindest des 20. Jahrhunderts einmaliger Eigenheimbauboom. Allein von 1961 bis 1968 erhöhte sich der Anteil der wohnungsbesitzenden an allen Haushalten von 29,1 auf 34,3 Prozent . Vorstädtische Bungalow-Siedlungen galten den Zeitgenossen als Inbegriff einer neuen Konsum-Moderne. Parallel dazu stieg die Zahl der Autos von ca. vier im Laufe der sechziger Jahre auf ca. 13 Millionen - Westdeutschland überschritt in eben jenem Jahrzehnt die Schwelle zur automobilen Gesellschaft. Suburbanes Wohnen und Automobilisierung gingen einher mit einer beträchtlichen Verkürzung der Arbeitszeit, die ihre größte Ausdehnung Mitte der fünfziger Jahre mit fast 50 Stunden an sechs Werktagen erreicht hatte. Bis Ende der sechziger Jahre verkürzte sich die Dauer der Arbeitszeit um etwa fünf Stunden, und es setzte sich die fünftägige Arbeitswoche mit einem "langen Wochenende" flächendeckend durch .
Der gestiegene Stellenwert massenkultureller Konsumption im Verlauf der Transformation einer modernen Industrie- zu einer postindustriellen Gesellschaft führte zu einer neuen Qualität, für die der Soziologe Gerhard Schulze den Begriff "Erlebnisgesellschaft" vorgeschlagen hat. Unter den veränderten materiellen Bedingungen wurde das zentrale existenzielle Problem nicht mehr im Überleben, sondern im Erleben gesehen. Lebensalter und das Wahrnehmungsraster jung - alt mit einem jugendspezifischen Anspruch auf Progressivität rückten in den sechziger Jahren in den Vordergrund sozialer Wahrnehmung .
Die "Erlebnisgesellschaft" scheint in der Tat als idealtypischer Begriff den Kern massenkultureller Veränderungen in jenem Zeitraum recht gut zu erfassen. Anfang der sechziger Jahre (1961) wurden etwa vier Millionen Fernsehhaushalte, 1970 über 15 Millionen gezählt. Der Aufstieg des neuen audiovisuellen Mediums schuf eine neue Erlebnisdimension, eine gewaltige Vermehrung fiktionaler filmischer Angebote und der Möglichkeiten, sich über ferne und nahe Welten informieren und zugehörige Bilder auf sich wirken zu lassen. In den sechziger Jahren, in denen das Fernsehen noch den frischen Reiz des Ungewohnten ausstrahlte und zudem wegen der eingeschränkten Programmauswahl viel gemeinsamen Gesprächsstoff an der Arbeitsstelle, beim Einkauf und über den Gartenzaun hinweg lieferte, gewann das neue Medium einen bisher kaum ausgeloteten tiefen Einfluss auf die Kommunikation im halböffentlichen Alltagsraum.
Dass das audiovisuelle Medium dem Lesen von Zeitungen und Zeitschriften keinen Abbruch tat, weist darauf hin, dass sich der Medienkonsum differenzierte und nicht einfach vom Fernsehen monopolisiert wurde. Zumindest die an Kiosken dominierenden Titelbilder von Illustrierten lassen den Eindruck eines allgemeinen Drangs zu expressiver Visualisierung und Buntheit gewinnen, der sich vor allem in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre stetig verstärkte, als in der Mode so genannte "Schockfarben" für Aufsehen sorgten und das Fernsehen (1967) selbst farbig wurde.
Der im Kontext der "Erlebnisgesellschaft" als typisch angesehene kulturelle Konflikt zwischen Jugendlichen und erwachsener Bevölkerungsmehrheit, der in jenem Jahrzehnt öffentlich in nie zuvor gekanntem Ausmaß diskutiert wurde und rasch eine politische Dimension gewann, enthält viele Hinweise auf gewandelte Auffassungen, die sich im Streit um Haar- und Rocklänge, Tänze und Musikstile niederschlugen. Die Twist-, Rock- und Beat-Rhythmen der sechziger Jahre, die in der ersten Hälfte des Jahrzehnts vor allem aus Großbritannien, dann aus den USA importiert wurden, sind in ihrer Bedeutung als internationaler jugendkultureller Code von kaum zu überschätzender Bedeutung. Hierin drückten sich jugendliche Wünsche nach mehr "Lockerheit" und "Freiheit" am nachdrücklichsten aus und wurden entsprechend von einem großen Teil der Elterngeneration als Kampfansage aufgefasst. Aber nicht nur in der Jugend, sondern auch in der Bevölkerung allgemein waren die Anfänge eines tief greifenden Wertewandels erkennbar. Dieser vollzog sich von der Dominanz so genannter Pflicht- und Akzeptanzwerte hin zu Selbstentfaltungswerten, wie soziologische Beobachter schon Anfang der sechziger Jahre bemerkten .
09. Januar 2008 |
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Bildergalerie |
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Wissenschaft und Erfindung
Die bundesdeutsche Gesellschaft veränderte sich in den 60er Jahren zu einer Wohlstands- und Erlebnisgesellschaft. Der technische, medizinische und mediale Fortschritt zog dank steigender Einkommen immer mehr auch in die privaten Haushalte ein. Die Illustrationen dazu entwickelten Studenten des Fachbereichs Design der FH Aachen. |
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