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Demokratie - Geschichte eines Begriffes

Hans Vorländer
Demokratie heißt Mehrheitsherrschaft. Doch die Frage nach der Form der Ausübung dieser Herrschaft führte in der Geschichte zu ganz unterschiedlichen Auffassungen: Es gibt nicht bloß eine Demokratie.

"Dem Deutschen Volke" – Widmung am Giebel des Reichstagsgebäudes. Foto: Susanne Müller
"Dem Deutschen Volke" – Widmung am Giebel des Reichstagsgebäudes. Foto: Susanne Müller
Die Verfassung, die wir haben [...] heißt Demokratie, weil der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf die Mehrheit ausgerichtet ist." So definierte der griechische Staatsmann Perikles (circa 500-429 v.Chr.) die Demokratie im Athen seiner Zeit. Diese Bestimmung von Demokratie als einer Mehrheitsherrschaft scheint so klar und eindeutig zu sein, dass sie der Europäische Verfassungskonvent zu Beginn des 21. Jahrhunderts seinem Entwurf einer Europäischen Verfassung als Motto voranstellte. Aber der Eindruck der Eindeutigkeit täuscht. Dass Demokratie eine Verfassungsform ist, in der es auf die Mehrheit ankommt, mag noch relativ unumstritten sein.

Aber schon die Frage, wie diese Mehrheit die Herrschaft ausüben soll, führt zu sehr unterschiedlichen Auffassungen und Formen der Demokratie. Soll die Mehrheit ihre Herrschaft direkt, durch Versammlungen und Abstimmungen, oder indirekt, durch Bestellung von Vertretern, ausüben? Auch der Rückgriff auf den griechischen Wortursprung, nach dem demos "Volk" und kratein "herrschen" bedeutet, bringt keine Klarheit. Denn er sagt weder, ob die Herrschaft des Volkes unmittelbar oder mittelbar ausgeübt werden soll, noch, ob die Herrschaft des ganzen Volkes gemeint ist, wie es der Begriff nahe legt, oder die Herrschaft der Vielen, also einer qualifizierten Mehrheit, reicht - ganz abgesehen von der Frage, was mit der Minderheit geschieht.

Außerdem stellt sich die Frage, ob in der Demokratie alle Bürgerinnen und Bürger umfassend und zu jeder Zeit am Beratungs-, Entscheidungs- und Ausführungsprozess der Politik beteiligt werden müssen und sollen, oder ob das Geschäft der Politik arbeitsteilig unternommen werden kann, indem einige wenige beraten und entscheiden, das Volk aber vor allem bei Wahlen - und bisweilen bei Sachabstimmungen - beteiligt wird. Die Perikleische Definition, so eingängig sie zunächst erscheinen mag, ist erst der Auftakt einer Diskussion über sehr unterschiedliche Begriffe, Modelle und Praktiken der Demokratie. Nicht von ungefähr konstatierte deshalb schon Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr.: "Jetzt aber meinen einige, es gäbe bloß eine Demokratie [...], doch das ist einfach nicht wahr."

Dabei ist gerade in der Gegenwart die Idee der Demokratie von großer Attraktivität. In Wellen hat sie sich über die Welt ausgebreitet - wenngleich sie nicht überall und jeweils nicht gleich stark und stabil ihren Siegeszug vollenden konnte. Die erste Welle begann in den 1820er Jahren und dauerte bis etwa 1926. In diesem Zeitrum etablierten sich 29 Demokratien.

Mit dem Faschismus in Italien setzte der Beginn einer rückläufigen Entwicklung ein, die die Zahl der Demokratien zunächst wieder auf zwölf reduzierte. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg bewirkte eine zweite Demokratisierungswelle, dass sich in den 1960er Jahren wieder 36 Demokratien bilden konnten. Und im Zuge der bislang letzten, dritten Welle der Demokratisierung zwischen 1974 und 1990 schafften etwa 30 Staaten den Übergang zu Formen demokratischer Herrschaft. Nicht zuletzt die friedlichen Revolutionen von 1989/90 in Mittel- und Osteuropa haben zu diesem Trend erheblich beigetragen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lässt sich die Zahl der Demokratien mit 120 beziffern. Gleichwohl haben sich in diesen Ländern sehr widersprüchliche und unterschiedliche Praktiken der Demokratie herauskristallisiert, die nicht alle wirklich demokratisch genannt werden können.

Auch diese Tatsache verdeutlicht noch einmal, dass es keineswegs nur eine Form, nur ein Modell der Demokratie, das gar "universell" genannt werden könnte, gibt bzw. gegeben hat. Vielmehr unterscheiden sich die Demokratien in ihrer historischen, sozialen und kulturellen Form genauso wie in ihren jeweiligen Voraussetzungen und Bedingungen.

Der Begriff der Demokratie taucht erstmals im antiken Griechenland auf. Eine der ältesten Quellen ist der Geschichtsschreiber Herodot (484-425 v. Chr.), der im fünften Jahrhundert v. Chr. festhält, dass Kleisthenes die demokratia in Athen eingeführt hat. Dort durchlebte die antike, klassische Demokratie von 508/507 bis 322 ihre Blütezeit mit weitgehender Selbstregierung der athenischen Bürgerschaft.

Aber bereits zu dieser Zeit stieß die Demokratie auf heftige Kritik, begegneten ihr vor allem Vertreter der griechischen Philosophie, wie Platon (427-347 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.), mit großer Zurückhaltung. Der Demokratiebegriff wurde von ihnen mit "Pöbelherrschaft" gleichgesetzt, einer Herrschaft der armen, ungebildeten Masse, und blieb danach für viele Jahrhunderte überwiegend negativ besetzt.
 

Quellentext
Entstehung der Demokratie nach Platon
Platons Lehre war von den schlechten Erfahrungen mit der attischen Demokratie geprägt, mit ihren Verfassungsänderungen, ihrem Niedergang und ihrem Zerfall im Verlauf des Peloponnesischen Krieges Athens gegen Sparta von 431 bis 404 v. Chr.

[...] Der Übergang von der Oligarchie zur Demokratie hat seine Ursache wohl darin, dass das Verlangen nach dem selbstgewählten höchsten Gut, dem möglichst großen Reichtum, unstillbar wird. [...]
Da die Herrschenden auf Grund ihres Vermögens an der Macht sind, wollen sie die jungen Leute nicht durch ein Gesetz davor zurückhalten, in ihrer Zügellosigkeit ihr Hab und Gut durch Verschwendung zugrunde zu richten. Sie wollen es ja aufkaufen und darauf Geld verleihen, um noch reicher und angesehener zu werden. [...]
Da man sich in der Oligarchie um die Zügellosigkeit nicht kümmert, sondern ihr freien Lauf lässt, zwingt man auch treffliche Menschen bisweilen in die Armut hinein. [...]
Da sitzen nun diese Leute im Staat, [...] voll von Hass und Racheplänen gegen die Besitzer ihrer Habe und gegen die anderen, auf Umsturz bedacht. [...]
Nun aber bringen die Herrschenden durch ihr Vorgehen die Untergebenen in die geschilderte Lage, sich selbst aber und ihre Söhne gewöhnen sie von jung auf an Schwelgerei und machen sie zu körperlicher und geistiger Arbeit untauglich und schwächlich im Ertragen von Lust und Leid und träge dazu! [...]
Wenn sie nun, beide in ihrer Art, miteinander in Berührung kommen, Herrscher und Beherrschte, [...] steht da oft ein armer Kerl, hager und sonnenverbrannt, in der Schlacht neben einem bleichgesichtigen Reichen, der viel überflüssiges Fleisch an sich trägt, und sieht ihn in seiner Atemnot und Hilflosigkeit - glaubst du nicht, jener Arme erkennt da, dass solche Schwächlinge den Reichtum nur ihrer, der Armen Feigheit verdanken; und so fordert er, einer den andern, auf, wenn sie für sich sind: Die Männer gehören uns, sie sind ja nichts wert! [...]
Eine Demokratie entsteht also, wenn die Armen siegen und ihre Gegner töten oder verbannen, alle übrigen aber nach gleichem Recht an Verfassung und Ämtern teilnehmen lassen und die Ämter möglichst nach dem Lose vergeben. [...]
Fürs erste sind die Menschen frei, der Staat quillt über in der Freiheit der Tat und der Freiheit des Worts, und jedem ist erlaubt zu tun, was er will! [...]
Dass es in einem solchen Staat keinen Zwang gibt zur Übernahme von Ämtern, auch nicht, wenn du geeignet bist, auch keinen Zwang zum Gehorsam, wenn du nicht willst; dass man dich nicht zum Krieg zwingt während eines Krieges oder zum Frieden während des Friedens, wenn du nicht Frieden halten willst; oder wenn ein Gesetz dir ein Amt oder eine Richterstelle verbietet, dass du dann nichtsdestoweniger Beamter oder Richter sein kannst, wenn dich die Lust dazu packt - ist ein solches Leben nicht gottvoll und wonnig für den Augenblick? [...]
Dazu die Sorglosigkeit und Geringschätzung, ja Verachtung, die dieser Staat unserem als wichtig betonten Grundsatz für die Staatengründung entgegenbringt: wer nicht eine überragende Anlage habe, werde niemals ein tüchtiger Mann, wenn er nicht schon von Kindheit auf in Spiel und Ernst mit dem Schönen umgehe. Mit welch erhabner Pose lässt die Demokratie dies alles weit unter sich und kümmert sich nicht um die Verhältnisse, aus denen ein Politiker kommt, sondern schätzt jeden, wenn er nur seine gute Gesinnung dem Volke gegenüber beteuert. [...]
Diese und ähnliche Vorteile hat die Demokratie; sie ist - scheint es - eine angenehme, herrenlose und bunte Verfassung, die ohne Unterschied Gleichen und Ungleichen dieselbe Gleichheit zuteilt.

Platon, Der Staat (Politeia), Achtes Buch, 555b-558c. Übersetzt und herausgegeben von Karl Vretska, Stuttgart 2000, S. 379ff.


Erst in der Neuzeit, besonders im Zuge der Amerikanischen und Französischen Revolution im 18. Jahrhundert, gewann der Demokratiebegriff seinen ursprünglichen positiven Bedeutungsgehalt wieder. Unter dem Eindruck der Revolution von 1848 bemerkte beispielsweise der französische Politiker und Philosoph François Guizot (1787-1874), die Demokratie sei zu einem "universellen Begriff" geworden, den nun eine jede Regierung, Partei und Macht auf ihre Fahne schreiben müsse. Denn Demokratie wurde nun als Herrschaft des Volkes, vor allem als Volkssouveränität begriffen, aus der heraus sich das gesamte politische Gemeinwesen eines Staates begründen und rechtfertigen lassen musste.


Auszug aus:
Demokratie, Informationen zur politischen Bildung (Heft 284)


01. Juli 2004


 
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