Weißenfels Autobahn

Aufbaumythos und Abrissbagger

Die einstige sozialistische Modellstadt Eisenhüttenstadt ist heute Vorreiter der Stadtschrumpfung


24.7.2006
Mit der Grundsteinlegung für das Eisenhüttenkombinat Ost begann auch der Bau von Eisenhüttenstadt. Parallel zum Werk wuchs die Stadt in weniger als 40 Jahren auf 53.000 Einwohner. Nach der deutschen Wiedervereinigung kam die abrupte Kehrtwende: Die "Modellstadt" verlor fast 30 Prozent ihrer Bevölkerung.

Als am 18. August 1950 der Industrieminister der DDR, Fritz Selbmann, in einem Wald nahe dem Städtchen Fürstenberg an der Oder die erste Kiefer fällt, existieren für eine neue Stadt noch keine Pläne. Der symbolische Axthieb markiert vielmehr den Baubeginn eines riesigen Hüttenwerks: Hier, in der industriell unterentwickelten Region an der polnischen Grenze, sollen acht Hochöfen entstehen - ein Stahlwerk mit 500.000 Tonnen Kapazität. Das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) wird eines der wichtigsten Projekte des wirtschaftlichen Aufbaus in der DDR.

Noch in den 50er Jahren werden angrenzend an die EKO-Baustelle Wohnungen für insgesamt 30.000 Menschen aus dem Boden gestampft. In atemberaubendem Tempo entsteht die "erste sozialistische Stadt Deutschlands" - mit großzügigen Straßen und Wohnblocks, die an die "Arbeiterpaläste" in Ostberlin erinnern, und mit viel Platz für Repräsentationsbauten und Aufmärsche im Zentrum. Eine Kirche und private Unternehmen sind nicht vorgesehen. 1953 bekommt die neue Stadt feierlich ihren Namen verliehen: Stalinstadt.

Schon in den 60er Jahren büßt die Stadt ihren Ehrennamen wieder ein, und auch der hohe Anspruch der Stadtplaner muss nach der Umbenennung in "Eisenhüttenstadt" aufgegeben werden. Von nun an regieren die Sparzwänge des DDR-Wohnungsbaus. Es entstehen riesige Plattenbauviertel, die in den 80er Jahren bis in den historischen Kern von Fürstenberg hineinwuchern. Wo 40 Jahre zuvor noch Kiefernwald stand, leben 1988 mehr als 53.000 Menschen, das Kombinat hat 12.000 Mitarbeiter. Der Aufbau aus dem Nichts wird zum Mythos, der in der DDR sorgsam gepflegt wird.

Die Vorzeichen umgekehrt



Nach der deutschen Wiedervereinigung verkehrte sich die Entwicklung abrupt ins Gegenteil. Im Stahlwerk musste die Belegschaft innerhalb von drei Jahren auf 2.500 reduziert werden. Als 1993 sogar die Schließung drohte, organisierten die Eisenhüttenstädter dramatische Protestaktionen. Dafür waren keine besonderen Aufrufe nötig. "Allen war klar: Wenn das EKO weg ist, hat die Stadt, die mit der Industrie groß geworden ist, keine Zukunft mehr", so Dr. Herbert Nicolaus, Leiter des Unternehmensarchivs der EKO Stahl GmbH.

Die Plattenbauten aus den 80er Jahren werden zuerst abgerissen.Die Plattenbauten aus den 80er Jahren werden zuerst abgerissen. (© Sebastian Kauer)

Die Sanierung hatte einen hohen Preis. "Alles, was nicht mit der Stahlproduktion zu tun hatte, wurde ausgegliedert", so Dr. Nicolaus. Ob Kulturensemble, Feriendienst, Kindergarten, Polyklinik oder die Gaststätte "Aktivist", alle diese Einrichtungen gehörten zum Kombinat. Viele Aufgaben wurden von der Stadt übernommen, manche kulturellen Aktivitäten wurden von Vereinen weitergeführt. Doch "einige Sachen sind einfach weggebrochen", so der Historiker. Heute hat das einstige Kombinat 2.800 Mitarbeiter. Nach mehreren Eigentümerwechseln gehörte es zum weltweit agierenden Arcelor-Konzern mit Sitz in Luxemburg, bis dieser wiederum im Juli 2006 mit dem größten Unternehmen der Branche, Mittal Steel, fusionierte.

Der Umbruch wirkte sich massiv auf die Stadt aus. Zwischen 1989 und Ende 2005 verlor sie fast 18.000 Einwohner – mehr als 30 Prozent ihrer Bevölkerung. Heute zählt Eisenhüttenstatt noch etwas mehr als 35.000 Bürgerinnen und Bürger, Tendenz weiter fallend. Die Schrumpfung ist unübersehbar, denn der Wohnungsleerstand in den Gebäuden der beiden großen Eigentümergesellschaften liegt bei durchschnittlich fast 25 Prozent. Um das wirtschaftliche Überleben der stadteigenen Gebäudewirtschaft GmbH und der Wohnungsbaugenossenschaft zu sichern, dürften es nicht mehr als 10 Prozent sein.

Unverständnis in der Kommunalpolitik



Derartige Einschnitte wären auch für jede andere Stadt mehr als schmerzhaft. Im vom Aufbaumythos geprägten Eisenhüttenstadt tun sie besonders weh.
Eisenhüttenstadt wirkte bereits zu DDR-Zeiten überdimensioniert. Straße der Republik, 2006.Eisenhüttenstadt wirkte bereits zu DDR-Zeiten überdimensioniert. Straße der Republik, 2006. (© Sebastian Kauer)
So stießen die ersten Schrumpfungsprognosen in der kommunalen Politik auf Unverständnis. Christiane Nowak kam 1990 als Sachbearbeiterin zum Stadtplanungsamt. Der erste Flächennutzungsplan, an dem sie damals mitarbeitete, ging langfristig von nur noch 48.000 Einwohnern aus. Aus heutiger Sicht viel zu optimistisch - damals beinahe eine Beleidigung. "Das hat skeptische und harsche Reaktionen ausgelöst", erinnert sich die heutige Leiterin des Fachbereichs Stadtentwicklung und Stadtumbau.

Der im Juli 2003 begonnene Stadtumbau wird das Gesicht der Stadt verändern. Bis 2010 sollen 5.100 Wohnungen abgerissen werden – mehr als ein Viertel des Bestands der beiden großen Vermieter. Neben Abrissen vor allem der später errichteten Plattenbauten sieht das Umbaukonzept als wichtigstes Ziel die Sanierung und Stärkung des in den 50er Jahren entstandenen Stadtkerns vor. "Diese Innenstadt ist ein Schatz", sagt die Stadtplanerin Christiane Nowak. Abgerissen wird vor allem das, was zuletzt entstand: Die in den 80er Jahren errichteten Plattenbauten des Wohnkomplexes VII gelten bei vielen als Schandfleck.

Hauptsache Stahl



Um Perspektiven über den baulichen Stadtumbau hinaus zu entwickeln, bewarb sich Eisenhüttenstadt um die Teilnahme am 1999 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgeschriebenen Projekt "Stadt 2030". Die Stadt erhielt ab Dezember 2001 die Chance, mit wissenschaftlicher Unterstützung und unter Einbeziehung der Bürger ein Leitbild für die Stadtentwicklung zu entwerfen.

"Die grundsätzliche Frage war: Soll Eisenhüttenstadt weiter sein Image einer Industriestadt pflegen – oder sind wir offen für Alternativen?", so der Stadtplaner Christoph Haller vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner, der mehrere Zukunftswerkstätten mit Bürgern in Eisenhüttenstadt begleitete. Vielen fiel es schwer, Szenarien zu akzeptieren, bei denen nicht die Stahlproduktion im Mittelpunkt stand. "Es gab Wortmeldungen wie: 'Ihr könnt hier über alles mögliche diskutieren, aber es hängt alles einzig und alleine davon ab, die Industrie hier in der Stadt zu sichern'", erinnert sich Christoph Haller.

Für die externen Experten dagegen war klar: "Was Eisenhüttenstadt wirklich einzigartig macht, ist seine DDR-Baugeschichte", so der Stadtplaner vom IRS. Für viele Einheimische ein heikles Thema. Auf keinen Fall wollte man ein "begehbares DDR-Museum" sein, lautete der Einwand. Auch die in der Projektkonzeption genannte Möglichkeit, Eisenhüttenstadt wegen seiner kompakten Stadtanlage nach dem Vorbild von "Sun City" in den USA als Rentnerstadt zu positionieren, stieß auf heftige Ablehnung. "Da schrillten bei vielen die Alarmglocken", so Haller.

"Der Begriff 'Leitbild' war Tabu"



Das so entstandene Leitbild liest sich "wie ein Wahlprogramm", räumt Christoph Haller ein. Eisenhüttenstadt, der "Industriestandort mit Tradition und Zukunft"; Eisenhüttenstadt, die "familien- und kinderfreundliche Stadt". Der Abschnitt über die Stadtgeschichte beginnt statt mit den Axthieben des DDR-Industrieministers mit "urgeschichtlichen Siedlungsspuren". "Um jeden Punkt ist erbittert gestritten worden", sagt Haller. Dass man versuche, es jedem irgendwie recht zu machen, sei das Risiko eines ernstgemeinten Partizipationsprozesses.

Außerhalb des Kreises der Projektteilnehmer stieß der Entwurf zunächst auf wenig Gegenliebe. Im Juni 2004 wurde es in der Stadtverordnetenversammlung kontrovers diskutiert – ohne Ergebnis. Eine politische Legitimation erhielt es bis heute nicht. Die Kommunalpolitiker vermissten zum einen Konkretes, zum anderen verhinderten parteipolitische Konflikte eine Einigung. "Der Begriff 'Leitbild' war nach der turbulenten Debatte erstmal mindestens ein Jahr Tabu", erinnert sich Haller.

Heute werden die Ergebnisse des Projekts wieder nachgefragt, und langsam weicht auch das Beharren auf dem Industriestadt-Image realistischeren Einsichten. Von der EU-Erweiterung und der Nähe zu Polen konnte Eisenhüttenstadt bisher nicht profitieren, zumal es immer noch keine Brücke über die Oder gibt. Allein, dass es in Eisenhüttenstadt traditionell "krachen und stinken" darf, reicht nicht aus, um im harten Wettbewerb um Investoren zu punkten. Der letzte Ansiedlungserfolg, auf den man in der Stadtverwaltung verweist, ist eine Dessous-Produktion mit 20 Arbeitsplätzen, die eine türkische Unternehmerin 2005 im Ortsteil Fürstenberg gründete.

"Vielleicht ist Mittal ja viel großzügiger"



Bei den Bemühungen um den Wirtschaftsstandort spielt auch EKO Stahl eine aktive Rolle. Zwar bekam das Unternehmen vom Arcelor-Konzern Einsparungen in Höhe von 94 Millionen Euro bis 2007 verordnet und wird um Personalabbau nicht herumkommen. Um dennoch niemanden in die Arbeitslosigkeit entlassen zu müssen, hat EKO ein sechs Millionen Euro schweres Programm ins Leben gerufen: Neben Weiterbildung und Qualifizierung werden Firmen bei der Ansiedlung in der Region unterstützt, mit einem Gründerwettbewerb werden gezielt kleine Betriebe gefördert.

Auch für Kultur und gesellschaftliches Leben in Eisenhüttenstadt engagiert sich das Unternehmen wieder, seit es die Existenzkrise überwunden hat. Nicht zuletzt aus pragmatischen Gründen: "Wir wollen die Menschen hier halten", sagt Dr. Nicolaus. Um den Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften auch in Zukunft decken zu können, müsse die Region so attraktiv wie möglich sein. Schon jetzt sei es "schwer, Ingenieure und Führungskräfte hierher zu bekommen", so Dr. Nicolaus.

Nach der Fusion von Arcelor mit Mittal ist EKO ein noch kleineres Rädchen in einem noch größeren Konzern. Bei Arcelor hat man das Engagement des Werks für seinen Standort akzeptiert. Doch bisher galt: "Das Problem fängt dann an, wenn man über Geld spricht", so Dr. Nicolaus. Und falls der Konzern die Mittel streicht, "ist man als Geschäftsführung hier vor Ort handlungsunfähig".

Für die Förderung von Kultur, Bildung und Jugendarbeit in Eisenhüttenstadt wurden daher bereits vor der Fusion drei von EKO unabhängige Stiftungen gegründet und vom Unternehmen mit jeweils zwei Millionen Euro Kapital ausgestattet. Zumindest auf diesem Gebiet ist die Zukunft also gesichert. Dass die Existenz des Unternehmens unter dem neuen Eigentümer wieder ganz in Frage stehen wird, glaubt Dr. Nicolaus nicht. Und im übrigen, wer weiß: "Vielleicht ist Mittal ja viel großzügiger als Arcelor."



 

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