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Die Geschichte des mecklenburgischen Dorfes Mestlin Teil 1
Fabian Dietrich
Die "planmäßige Errichtung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR" hatte weitreichende Folgen. Wie auf ein paar Äckern eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft entsteht und im Kulturhaus Party gemacht wird. Das kleine Dorf Mestlin im heutigen Mecklenburg-Vorpommern als perfekter Ort für ein Experiment.


Die Dorfstraße in Mestlin
Die Dorfstraße von Mestlin. Foto: Ulamm / public domain
Als der Mann auf den Hof zurückkehrte, war er mehr tot als lebendig. Eine ausgemergelte, zerlumpte Gestalt, die alles aß, was ihr in die Finger kam. Der Bauer Lorenz war 1946 erst acht Jahre alt, aber erinnert sich noch genau an seinen Vater, der aus der Kriegsgefangenschaft kam. "Wir mussten aufpassen, dass er nicht zu viel isst. In Russland hatte er sein Sättigungsgefühl verloren. Einigen von den Heimkehrern war der Magen geplatzt." Das mecklenburgische Dorf Mestlin bot nach dem Zweiten Weltkrieg ein erbärmliches Bild. Zwischen den Äckern standen ein paar einfache, schuppenähnliche Katen und ein Gutshaus aus Backstein. Über die Felder zogen die Vertriebenen aus den Ostgebieten mit Pferdewagen und Handkarren in den Ort. Die Häuser waren überfüllt, die Lebensmittel von der Roten Armee rationiert. Die Mestliner malten ihr Getreide illegal mit Kaffeemühlen zu Mehl. Um nicht aufzufallen, schlachteten sie ihr Vieh heimlich nachts im Licht von Petroleumlampen. Mestlin war ein bedeutungsloser Flecken, ein unterentwickeltes, größtenteils von Tagelöhnern bewohntes Dorf, das bis auf den Gutshof noch nicht einmal an die Stromversorgung angeschlossen war. Der Boden wurde an einen Gutsherren verpachtet und von armen Landarbeitern bestellt. Es sprach eigentlich nichts dafür, dass sich daran je etwas ändern würde. Doch im Jahr 1949, als der Arbeiter- und Bauernstaat DDR gegründet wurde, wandelte sich Mestlin genau wegen seiner Armut und Abgelegenheit zu einem interessanten Ort.

Hier konnte man sehen, welch elende Verhältnisse die feudale Landwirtschaft den Menschen gebracht hatte. Hier konnte man spüren, wie der Kapitalismus die Menschen knechtet. Mestlin war der perfekte Ort für ein Experiment. Hier konnte man demonstrieren, wie überlegen der Sozialismus war. Trotz des Materialmangels wuchs das Dorf schnell, die Vertriebenen errichteten schlichte Siedlerhäuser für sich und ihre Familien. Die Kriegsheimkehrer nahmen die Wirtschaft wieder auf. Auf Anordnung der sowjetischen Militäradministration sicherte eine Bodenreform schon 1947 den Landlosen eigene, kleine Äcker zu. Doch es war ein mühsamer Anfang für die neuen Bauern. Der lehmigsandige Boden ließ sich nur schwer bearbeiten. Es gab wenige Pferde und Maschinen. Einige hatten noch nie zuvor einen Pflug bedient. Für Bauer Lorenz und seine Familie war der Sommer 1952 eine unruhige Zeit. Der Vater sorgte sich, dass die Russen die DDR zu einer Art zweiten Sowjetunion machen wollten, denn fernab von Mestlin hatte die SED eine folgenschwere Entscheidung getroffen.

Auf ihrer zweiten Parteikonferenz beschlossen die Delegierten die "planmäßige Errichtung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR". Das klang nach Kollektivierung und Repression. Aus Angst vor den Veränderungen flohen fast alle Bauern aus Mestlin und den Nachbardörfern in den Westen. Sie nahmen ihre Tiere mit und auch ihr Wissen über die Böden und die Ernte. Noch heute reden die Alten im Dorf davon, wie ganze Familien nachts ihr Hab und Gut zusammenschnürten und tags darauf verschwunden waren. Bauer Lorenz und sein Vater hatte nicht viel Land zu verlieren. Sie blieben, obwohl sich Mestlin ein paar Wochen nach der Parteikonferenz bereits zu verändern begann. 25 Neubauern schlossen sich zu einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) zusammen und begannen, gemeinsame Sache zu machen. (LPG Die Kollektivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft war ein Ideal des Sozialismus und äußerte sich u. a. im Zusammenschluss von Betrieben zu Produktionsgenossenschaften. [Anm. d. Red.]) Sie nannten das ganze "Neues Leben", wahrscheinlich weil es so sehr nach Zukunft klang. Viele der Bauern, darunter auch Lorenz’ Vater, weigerten sich zunächst, in die LPG zu gehen. Doch es war keine freiwillige Entscheidung, nicht in Mestlin und nirgendwo sonst in der DDR. Die SED setzte die Bauern unter Druck. Sie trieb die Kollektivierung der Landwirtschaft voran. Bald konnte auch Lorenz nicht mehr standhalten – sein Land wurde Teil der LPG. Zur selben Zeit rückten im ehemaligen Tagelöhnerdorf Mestlin die Baukolonnen an.

Der Bau des Kulturhauses auf dem Marx-Engels-Platz in Mestlin 1955.
Grossansicht des Bildes
Der Bau des Kulturhauses auf dem Marx-Engels-Platz in Mestlin 1955. Foto: cc_sa_Sturm, Horst / Wikimedia
Um die "Lebensbedingungen von Stadt und Land" auszugleichen, wurde die Wasser- und Abwasserversorgung erneuert, es wurden 152 Wohnungen errichtet und elektrische Leitungen verlegt. Auf dem Gutsherrenacker entstanden gewaltige, fast großstädtische Gebäude in Sichtweite der alten Tagelöhnerkaten. Sie bauten eine Kinderkrippe und einen Kindergarten, eine Schule und ein medizinisches Zentrum. Nach nur drei Jahren Bauzeit ragte auf dem neuen Dorfplatz, der den Namen Marx-Engels-Platz bekam, ein gewaltiges Kulturhaus in den Himmel.


15. April 2009

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