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Demografischer Wandel in Deutschland

"Gesellschaftliche Probleme sind Chancen, Geld zu verdienen"


Prof. Franz Lehner über Strukturwandel in Ost und West, regionale Stärken und die wichtige Rolle der Strukturpolitik

bpb: Herr Lehner, Sie haben einmal gesagt, "der Strukturwandel nimmt verschlungene Wege". Was meinen Sie damit?

Lehner: Strukturwandel heißt zunächst einmal, dass sich die wirtschaftlichen Strukturen nach Branchenzusammensetzungen, nach dominanten Produkten, nach Dienstleistungs- und Industrieverhältnissen und nach Technologien verändern. Das ist ein ganz normaler, kontinuierlicher Prozess, denn Wirtschaftsstrukturen verändern sich immer. In der Wissenschaft versucht man, das mit Theorien zu erklären und spricht deshalb von Entwicklungen wie der von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Wenn man genauer hinschaut stellt man aber fest, dass Strukturwandel komplizierter ist: Die Industrie löst sich nicht auf, sondern sie verbindet sich mit der Dienstleistungsgesellschaft.

Zur Person
Prof. Dr. Franz Lehner, geboren in Zürich 1946, ist Präsident des Instituts Arbeit und Technik in Gelsenkirchen und Experte für Strukturwandel. Der Politikwissenschaftler hat vor allem zu Fragen des technisch-ökonomischen Wandels sowie zur Wirtschafts- und Technologiepolitik publiziert.

bpb: Wie äußert sich das?

Lehner: Wenn Sie eine moderne Maschine anschauen, dann steckt da mehr Dienstleistung als industrielle Produktion drin – Forschungsdienstleistung, Designdienstleistung, Marketing. Die Dienstleistungen selbst wiederum werden industrialisiert – etwa in der Form, dass Banken Standardprodukte entwickeln, die sie auch maschinell, wie am Fließband, mit modernen Computersystemen herstellen.

bpb: Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie wird es also trotz des Strukturwandels auch in Zukunft geben?

Lehner: Wir haben immer gesagt, dass Deutschland
Die Zeche Zollverein: Denkmal der Industriekultur (M. Jung)
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Die Zeche Zollverein: Denkmal der Industriekultur (M. Jung)
im Rahmen der Globalisierung höchstens die hochwertige Industrieproduktion halten kann. Es behaupten sich aber eine ganze Reihe von Unternehmen, etwa im Automobil- oder Textilbereich, hervorragend, die ganz einfache Produkte wie standardisierte Karosserieteile herstellen. Diese Unternehmen haben ihre Produktion in den letzten Jahren durch moderne Maschinen stark rationalisiert. Sie setzen High-Tech in der Produktion ein. Sie schaffen neue Arbeitsplätze, obwohl sie in alten Märkten agieren. Allerdings brauchen diese Unternehmen anderes Personal als früher – nicht mehr Leute, die produzieren, sondern solche, die die Maschinen steuern und die Werkzeuge in Stand halten.

bpb: Sie leben im Ruhrgebiet, das sich bereits seit den 1980er-Jahren im Strukturwandel befindet. Erfolgreich, aus Ihrer Sicht?

Lehner: Manches ist erfolgreich, manches nicht. Das Ruhrgebiet hat viele Strukturen in einer positiven Weise verändert, auch wenn man das noch nicht sieht. In Sachen Gesundheitswirtschaft ist es richtig gut geworden. Die Universitäten, wo eine große Zahl von Menschen ausgebildet werden, haben ebenfalls aufgeholt. Und die Lebensverhältnisse sind besser geworden – Sauberere Luft, eine fantastische Infrastruktur und ein hoher Freizeitwert machen es zu einem attraktiveren Wohnort. Allerdings wurde zu stark deindustrialisiert. Künftig wird man sehen müssen, wie man wieder eine industrielle Basis schafft.

bpb: Und auf welche Industrie würden Sie dabei setzen?

Lehner: Die Vorstellung, dass bestimmte Industriezweige Erfolg garantieren, erweist sich für mich immer mehr als das große Problem. Eine Zeit lang haben alle auf Mikroelektronik gesetzt, aber nur wenige waren erfolgreich. In fast jeder Branche hat man Chancen, jedoch mit unterschiedlichen Strategien – mal muss man mit besseren Prozessen operieren, rationaler produzieren und eine höhere Produktivität erreichen, mal muss man mit innovativen Produkten überzeugen oder einheimische Märkte nutzen. Einfache Aussagen über gewinnbringende Branchen sind nicht möglich.

bpb: Vielleicht aber Aussagen über Verlierer-Branchen. Wenn Sie beispielsweise an den Steinkohle-Bergbau denken: Halten Sie die Subventionierung dort für sinnvoll?

Lehner: In der Vergangenheit waren die Subventionen wichtig, weil sie dafür gesorgt haben, dass das Ruhrgebiet nicht abgestürzt ist. Es ist trotz massiver Einbrüche immer gelungen, ein einigermaßen stabiles Einkommensniveau zu halten, so dass die Kaufkraft nicht total verloren ging. Inzwischen wird dieser Prozess immer fraglicher, immer weniger Arbeitsplätze sind betroffen, und auf lange Sicht hat der Bereich ökonomisch keine Zukunft. Zumindest unter den momentanen energiepolitischen Voraussetzungen nicht.

bpb: Gibt es Parallelen zwischen dem Ruhrgebiet und bestimmten Regionen im Osten Deutschlands, die ebenso von Deindustialisierung, Arbeitsplatzabbau und Abwanderung betroffen sind?

Lehner: Manche Probleme sind ähnlich, von Parallelen würde ich aber nicht sprechen. In beiden Regionen hat die
Zeche Zollverein
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Mit der Schließung der Zeche Zollverein endete 1986 die Geschichte des Bergbaus in Essen (M. Jung)
demografische Entwicklung, die als ungünstig gilt, ihre Ursache nicht darin, dass dort mehr Menschen sterben, sondern dass viele Leute abwandern. Der Unterschied ist der, dass die Leute aus Ostdeutschland zum Teil sehr weit wegziehen, während ein großer Teil der Wegzüge im Ruhrgebiet in den Speckgürtel rund um die Städte zieht. Im Umland des Ruhrgebiets haben wir eine relativ hohe Kinderzahl, aber in den Städten bleiben die Leute ohne Kinder. Ein weiterer Unterschied: In ostdeutschen Industrieräumen gab es nie den kontrollierten Sinkflug, den das Revier mit Kohle und Stahl erlebt hat. Hier konnte man die Entwicklung über Jahre hinweg auffangen, dort ist vieles zusammengebrochen.

bpb: Hat der Osten durch diese Erfahrung mehr Kompetenzen als der Westen? In den Medien kann man lesen, dass er besser aufgestellt sei, und auch Unternehmer loben die Flexibilität der Ostdeutschen.

Lehner: Ich sehe das nicht so. Natürlich wurde die Infrastruktur modernisiert. Aber die Arbeitskräfte im Osten sind nicht flexibler. Viele flexible Leute sind weggegangen und haben sich anderswo einen Job gesucht, das ist wahr. Ansonsten glaube ich, dass man die Flexibilität in Ostdeutschland überschätzt. Und man unterschätzt die im Westen: Wenn Sie mal die Tarifverträge der Metaller in Nordrhein-Westfalen anschauen, dann sehen Sie, dass Unternehmen enorm flexibel sein können. Die wissen zum Teil gar nicht, was sie alles tun könnten. Auch dort hat man die Möglichkeit, durch betriebliche Vereinbarungen auf Schwierigkeiten zu reagieren.

bpb: Dann wird also etwas nachgeplappert...

Lehner: ...wofür es zu mindest keinen Nachweis gibt. Im Übrigen muss man auch differenzieren: Sachsen ist nicht Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern hat ganz andere Probleme als Brandenburg.

bpb: Kann man das Bild der unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Ost und West überhaupt aufrechterhalten? Das Ruhrgebiet ist doch beispielsweise dem Osten näher, als dem Bundesland Bayern, oder nicht?

Lehner: In der Tat, das Ost-West-Denken versimplifiziert Vieles zu sehr. Die Unterschiede innerhalb Westdeutschlands und Ostdeutschlands sind mindestens so groß, wie zwischen Ost- und Westdeutschland im Vergleich. Bayern hat wahrscheinlich mit Sachsen mehr zu tun, als mit Nordrhein-Westfalen. Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Hollstein haben vermutlich ähnliche Problemstrukturen und könnten mit ähnlichen Lösungen vorgehen.

bpb: Welche Lösungsansätze gibt es?

Lehner: Strukturwandel ist ein schwieriges Problem, aber nicht unlösbar. Insgesamt sollte man weniger auf das setzen, was alle toll finden, sondern mehr nach den eigenen, regionalen Stärken suchen. Darüber hinaus braucht man gute Ideen und geeignete Strategien.

bpb: Das klingt sehr abstrakt. Können Sie Beispiele nennen?

Lehner: Nehmen Sie Freiburg: Warum ist das die Solarstadt? Man ist mit der richtigen Strategie dran gegangen und hat die Kaufkraft der Menschen genutzt, um einen Markt aufzubauen. Nehmen Sie Mecklenburg-Vorpommern: Ist das nicht ein wahnsinnig tolles Ferien- und Erholungsgebiet für Berlin, Hamburg und möglicherweise für Polen? Man könnte dort nicht nur Ferienwohnungen- und Hotels bauen, sondern auch hochwertige Nahrungsmittel und Biokost anbieten, die Landwirtschaft umstellen, um den Wellnesstrend zu bedienen. Oder ein Beispiel aus der Schweiz, wo ich geboren bin: Dort hat man lange versucht, die strukturschwachen Kantone auf eigene Beine zu stellen, bis man gemerkt hat, dass es mehr bringt, sie mit einem nahen Großraum zu verbinden. So profitieren die kleinen Kantone um Zürich von der großen Stadt. Ähnlich profitieren große Teile Schleswig-Holsteins vom Großraum Hamburg.

bpb: Aber wer investiert in einer Region, aus der die Menschen wegziehen und keine Kinder mehr geboren werden, wie es in vielen strukturschwachen Gegenden der Fall ist?

Lehner: Es heißt immer, wir hätten ein demografisches Problem. Was bedeutet das? Dass wir Frauen nicht einfach dazu bringen können, mehr Kinder zu bekommen, sehen wir seit vielen Jahren. Wir können aber anders an die Sache heran gehen und fragen: Wie können wir das kompensieren? Ich nenne das "problemorientiertes Wachstum". Man könnte darauf kommen, dass die Überalterung der Gesellschaft eine Chance darstellt, um eine Seniorenwirtschaft zu etablieren. Alte Menschen haben Geld und sie haben Bedürfnisse, darauf kann sich die Wirtschaft einstellen. Das schafft wieder neue Arbeitsplätze für jüngere Menschen. Gesellschaftliche Probleme sind Chancen, Geld zu verdienen.

bpb: In den großen Städten des Ruhrgebiets wohnen immer weniger Menschen, da lässt sich schwer Geld verdienen...

Lehner: Das Ruhrgebiet kann aus seinen Industriebrachen und alten Wohnungsbeständen etwas Neues machen, zum Beispiel Generations-Serviceparks, wo Singles, Familien und Alten Kinderbetreuung oder Haushaltsdienstleistungen angeboten werden. Neue Arbeitsplätze würden entstehen, und wenn das Umfeld stimmt, kommen Menschen auch zurück.

bpb: Dennoch: Muss man sich nicht einfach damit abfinden, dass es immer strukturschwache und strukturstarke Regionen geben wird?

Lehner: Sie haben Recht, die starken Regionen werden auch künftig besonders stark profitieren, die schwachen weniger. Es ist kein Wunder, das Großräume wie München oder Stuttgart weiter wachsen. Es gibt keinen zwangsläufigen Ausgleich. Würde es sich ausgleichen, dann in einer ganz anderen Richtung, nämlich so, dass sich Regionen herausbilden für Menschen, die Ruhe suchen, die gerne ländlich leben und dafür Qualitätseinbußen bei der Infrastruktur in Kauf nehmen, und andere, in denen man ein städtisches Umfeld hat. Das ist sinnvoll, denn es muss nicht überall in Deutschland eine Gleichartigkeit oder Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse geben. Regionen macht attraktiv, dass sie Unterschiedliches bieten.

bpb: Brauchen wir dann überhaupt eine Strukturpolitik?

Lehner: Ja, denn ihre wichtigste Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Volkswirtschaft nicht durch zu große regionale Ungleichgewichte in Mitleidenschaft gezogen wird. Die EU nennt das "Kohäsion". Und insofern sind strukturschwache Regionen ein Problem. Ginge beispielsweise das Ruhrgebiet kaputt, ließe das auch Düsseldorf oder Köln nicht ohne Schaden. Daher ist es sinnvoll, politisch zu intervenieren und die Strukturentwicklung nicht sich selbst zu überlassen.

Das Interview führte Susanne Sitzler


 
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