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Die Deutschen in Polen


15.3.2005
Polen war in den 1980er und frühen 1990er Jahren das bedeutenste Herkunftsland von Aussiedlern aus Osteuropa. Die Geschichte der Deutschstämmigen in Polen ist eng mit den Folgen der beiden Weltkriege verknüpft. Ein Abriss vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Einleitung



Unter den Aussiedlern standen bis 1989 diejenigen aus Polen zahlenmäßig an erster Stelle. Nach der politischen Wende in Polen nahm die Zahl der Aussiedler aus Polen jedoch rasch und drastisch ab. Zum Verständnis für diese Entwicklung ist zunächst ein kurzer Rückblick auf die Bevölkerungsentwicklung und die jüngere Geschichte dieser Region Mitteleuropas notwendig.

Das heutige polnische Staatsgebiet ist das Ergebnis einer Westverschiebung Polens als Folge des Zweiten Weltkrieges. Die Sowjetunion hatte 1945 die Ostgebiete des polnischen Staates der Vorkriegszeit annektiert und dafür die Ostgebiete des Deutschen Reiches nach dem Gebietsstand von 1937, Südostpreußen, Danzig, Pommern, Ostbrandenburg und Schlesien, polnischer Verwaltung unterstellt. Dieser auf der Potsdamer Konferenz auch von den Westalliierten anerkannte neue polnische Staatsbereich umfasst damit Gebiete, die seit Jahrhunderten zum deutschen Staats- und Kulturgebiet gehört hatten und bis 1945 fast ausschließlich von Deutschen bewohnt gewesen waren.

Im Verlauf der deutschen Ostbewegung wurden seit dem 12. Jahrhundert diese Landschaften durch Deutsche besiedelt. Die deutschen Einwanderer bildeten allmählich die Bevölkerungsmehrheit und die geringe slawische (in Ostpreußen: baltische) Vorbevölkerung wurde assimiliert. So entstanden aus deutschen und slawischen Wurzeln die Neustämme der Schlesier, Pommern und Ostpreußen.

Unsichere Identität



Dieser Assimilierungsprozess war in einigen Grenzgebieten zu Polen wie Oberschlesien, Ostpommern und Südostpreußen (Ermland und Masuren) bis zum Ende des Ersten Weltkrieges noch nicht völlig abgeschlossen. Hier gab es Bevölkerungsteile, die sich nach dem Erwachen des Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert zu Polen bekannten, vor allem bei den katholischen Oberschlesiern auf dem Lande. Die Mehrheit der Menschen in diesen Gebieten fühlte sich aufgrund der jahrhundertelangen Zugehörigkeit zum preußischen Staatsverband und dem deutschen Kulturbereich als Deutsche. Teilweise benutzten sie aber noch eine eigene regionale Gruppensprache, ein altertümliches Polnisch mit zahlreichen Germanismen.

Man spricht bei diesen zweisprachigen Gruppen von "schwebendem Volkstum", um die Identitätsunsicherheit dieser Menschen, die aus dem Gegensatz zwischen deutschem Selbstverständnis und polnischen kulturellen und sprachlichen Traditionen herrührt, zu kennzeichnen. Die Angehörigen des "schwebenden Volkstums" bildeten innerhalb der Bevölkerung Masurens und Oberschlesiens nur eine Minderheit, die vor allem auf dem Land lebte. Ihre Zahl nahm in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen rasch ab. Da seit dem 19. Jahrhundert die Sprache als wesentliches Merkmal der nationalen Zugehörigkeit galt, brachte man diesen zweisprachigen Gruppen von deutscher Seite oftmals Unverständnis und Misstrauen entgegen. Die Polen sahen diese Gruppen dagegen unter Hinweis auf ihre slawische Herkunft und ihre nichtdeutsche Muttersprache als Teile der polnischen Nation an, denen eine jahrhundertelange Germanisierung ihr polnisches Bewusstsein geraubt habe.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlangte der wieder entstandene polnische Staat deshalb die Angliederung dieser Gebiete. Die unter alliierter Aufsicht durchgeführten Volksabstimmungen brachten allerdings eine eindeutige Entscheidung zugunsten Deutschlands. Im südlichen Ostpreußen (Ermland und Masuren) stimmten 1920 97,9 % für Deutschland und nur 2,1 % für Polen, in Oberschlesien 1921 59,6 % für Deutschland und 40,3 % für Polen. Die Ergebnisse der Abstimmung machten deutlich, dass in diesen Grenzgebieten die Volkszugehörigkeit keine Frage objektiver Kriterien wie beispielsweise Kultur oder Muttersprache, sondern eine Frage des Bewusstseins und des freien Willens jedes Einzelnen war. Dabei konnte die Trennung mitten durch Familien gehen. Aufgrund der Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg lebten sowohl im Deutschen Reich wie in Polen nationale Minderheiten.

Kriegsfolgen und nationalsozialistische Bevölkerungspolitik

Die Zahl der Deutschen in Polen sank in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg durch teilweise erzwungene Abwanderung auf etwas über eine Million. Die rund 340.000 Deutschen in Posen und Pommerellen und 370.000 Deutschen in der polnischen Wojewodschaft Schlesien behielten zum Teil bis 1939 ihre deutsche Staatsangehörigkeit; die übrigen Deutschen in Mittel-, Süd- und Ostpolen konnten nach der Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg die deutsche Staatsangehörigkeit über die so genannte "Deutsche Volksliste" erwerben. Die Nationalsozialisten hatten diese nach ihren Kriterien in vier Gruppen eingeteilt.

Gruppe eins umfasste die vor 1939 in der deutschen Minderheit in Polen aktiven Personen. Zur Gruppe zwei gehörten diejenigen, die zwar nicht in der Minderheit aktiv gewesen, aber nach ihrem Selbstverständnis und der Wahrnehmung durch andere Deutsche waren. Gruppe drei umfasste nach Ansicht der Nationalsozialisten teilweise polonisierte Deutsche und Gruppe vier schließlich Personen, die zwar deutscher Herkunft, aber vollständig polonisiert waren. Die Angehörigen der Gruppen eins und zwei erhielten die deutsche Staatsangehörigkeit zuerkannt, die Gruppe drei nur auf Widerruf und die Gruppe vier erhielt lediglich eine Anwartschaft.



 
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