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1968 international

1968 - Eine europäische Bewegung?


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Meike Dülffer
Die Studentenproteste von 1968 liegen 40 Jahre zurück, die Generation der damaligen Aktivisten steht an der Schwelle zum Rentenalter. Die nationalen Medien in Europa nutzen den Jahrestag für eine Bestandsaufnahme und Neubewertung der Ereignisse.

Berlin 1968
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Wie hier den Kurfürstendamm in Westberlin eroberten Studenten 1968 in zahlreichen europäischen Städten die Straßen. Foto: Günther Zint
"Der Mai 68 wird nicht mehr, wie bislang üblich, als ein plötzlich und aus heiterem Himmel sich entladendes Gewitter gedeutet, sondern als Epizentrum gesellschaftlicher Veränderungen gesehen, die in einer Zeitspanne von rund zwei Jahrzehnten abliefen", konstatierte Johannes Willms in der Süddeutschen vom 5. März 2008. Er spricht von einer einsetzenden Historisierung. Doch von einer rein wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist die Debatte weit entfernt, denn viele damalige Akteure spielen weiterhin eine große Rolle - mit ihrer Erinnerung, Verklärung oder Verdammung der eigenen Geschichte.

Zur Person
Meike Dülffer ist Redakteurin bei euro|topics. Sie studierte Slawistik, Osteuropäische Geschichte und Politik. Sie volontierte bei der Berliner Zeitung und arbeitete dann als Chefin vom Dienst bei der Netzeitung.

Der polnische März

Ihre Wurzeln hatte die Politisierung der europäischen Jugend in der Hippie-Bewegung der USA und den Protesten gegen den Vietnamkrieg. Doch der erste europäische Studentenaufstand fand im März 1968 in Polen statt.

Warschau
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Polnische Studenten fliehen im März 1968 in der Näher der Warschauer Universität vor der Polizei. Der Protest der Studenten wird als "antisozialistisches" Verhalten angeprangert und verurteilt: Etwa 20.000 Studenten werden von der Universität verwiesen. Foto: AP
Er entzündete sich an der Absetzung des Theaterstücks "Die Totenfeier" von Adam Mickiewicz und mündete in der Forderung nach freier Meinungsäußerung und mehr Demokratie. "Anders als im Westen spielte der Generationenkonflikt 1968 in Polen nur eine untergeordnete Rolle. Schriftsteller und Wissenschaftler schlossen sich aus Zorn über die offizielle Zensur gegenüber Mickiewicz' Stück und ihrer nationalen Kultur dem Protest der Jungen an", analysierte der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der polnischen Zeitung Rzeczpospolita, Jan Skórzynski, in einem Essay für Projekt Syndicate im März 2008.

Die polnische Regierung reagierte auf die Proteste mit einer antisemitischen Kampagne, in deren Folge bis zu 15.000 Polen jüdischer Abstammung ausgebürgert oder zur Ausreise gezwungen wurden. Dieser Vorgang beschäftigt die polnische Öffentlichkeit 40 Jahre später besonders, zumal die Frage nach einem polnischen Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg bereits durch die Veröffentlichung von Jan Tomasz Gross' Buch "Die Angst" aufgeworfen und hitzig debattiert wurde.

Mit Blick auf die antisemitische Kampagne im März 1968 betonte der polnische Historiker Paweł Machcewicz am 8. März 2008 im Dziennik, man könne nicht die Sowjetunion für die Hetzkampagne verantwortlich machen. "Die antizionistische Kampagne im Jahr 1968 war autonom. Es gibt keine Beweise, dass Moskau Form oder Intensität vorschrieb."

Viele der damaligen Opfer nahmen den 40. Jahrestag zum Anlass, um ihre Wiedereinbürgerung und eine Entschuldigung von der heutigen polnischen Regierung zu fordern.

Der Prager Frühling

Mehr als der kurze polnische März 1968, der im übrigen Europa kaum wahrgenommen wurde, war der Prager Frühling für viele Europäer - besonders östlich des Eisernen Vorhangs - ein Fixpunkt. "Das, was in der Tschechoslowakei passierte, hätte man sich eben auch für die DDR gewünscht", erinnerte sich die heutige deutsche Bundeskanzlerin und damalige DDR-Bürgerin Angela Merkel im SZ-Magazin vom 29. Februar 2008.

Prag Panzer
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Ein Student steht auf einem sowjetischen Panzer und hält die tschechische Fahne hoch. Bei der Niederschlagung des "Prager Frühlings" verlieren 72 Menschen ihr Leben, mehr als 200 werden verletzt. Foto: AP
Eine Öffnung des realen Sozialismus nämlich, wie es die kommunistische Parteiführung unter Alexander Dubček 1968 in der Tschechoslowakei versuchte. Sie wollte einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" schaffen, was freie Meinungsäußerung und alternative Lebensentwürfe einschloss. "Es war nicht zu überhören, was die neue Ausrichtung implizierte: Der vorherige Sozialismus hatte ein Monstergesicht gehabt", erläuterte die slowakische Schriftstellerin Irena Brezna am 29. Februar in der Neuen Zürcher Zeitung. "Während bei den westlichen Linken der 'Prager Frühling' zukunftsorientiert als 'dritter Weg' wahrgenommen wurde, als Verheißung einer gerechten Gesellschaft, war das Tauwetter für mich rückwärts- und gegenwartsgerichtet, als Entlarvung der kommunistischen Verbrechen, und darin lag seine Menschlichkeit."

Das Experiment des "dritten Weges" wird heute in Tschechien und der Slowakei als gescheitert betrachtet, beendet durch den sowjetischen Einmarsch im August 1968 und abgelöst durch die Entscheidung für das westliche Demokratiemodell nach 1989.

"Erschwert wird die Auseinandersetzung über 1968 heute auch dadurch, dass die herrschenden Konservativen das Ereignis als 'bloßen Machtkampf innerhalb der damaligen KP-Führung' abtun. Gezielt. Es soll niemand auf die Idee kommen, sich der Ideale und Werte von damals etwas genauer zu erinnern", erklärte Tschechien-Korrespondent Hans-Jörg Schmidt am 9. März 2008 in der österreichischen Presse.


25. März 2008

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Redaktion
Aus Politik und Zeitgeschichte
1968
1968
Für die einen bedeutet Achtundsechzig die Demokratisierung aller Lebensbereiche. Für andere sind die 68er Schuld am Werteverfall, Kindermangel und Bildungsnotstand. Auch nach 40 Jahren erregen die Ereignisse um das Jahr 1968 die Gemüter.
1968

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