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Dossier Fußball-WM 2006

Woher die Fußbälle kommen


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Joachim Vorneweg
Billige Arbeitskräfte - teuere Bälle
Ein Fußball mittlerer Qualität kostet in einem deutschen Geschäft zwischen 35 und 40 Euro. Für die Herstellung eines Balles benötigt der Fußballnäher in Pakistan drei Stunden, erhält dafür aber nur 56 Cent Lohn. Der große Rest geht an Zwischenhändler, die Sportartikelhersteller und den Einzelhandel. Große Sportartikelfirmen zahlen für einfache Bälle im Einkauf heute nur 64 Eurocent und damit fast 50 Eurocent weniger als vor zehn Jahren.

Fair gehandelte Bälle werden besser vergütet, die Produzenten erhalten je nach Qualität des Balles Zuschläge zwischen 40 US-Cent für einfache Werbebälle, bis zu zwei US-Dollar für Fußbälle höchster Qualität. Davon wird ein Teil für die Sozialprogramme vor Ort verwendet, ein Teil als Zuschlag zum Lohn der Näher hinzugezahlt. Mit der Herstellung eines fair gehandelten Balles erzielen die Näher ein um 50 bis 75 Prozent höheres Einkommen.

Wie bessere Sozialstandards das Leben der Näherinnen und Näher erleichtern können, zeigen die beiden Beispiele aus Pakistan.

Sameena Nyaz

Sameena Nyaz ist 18 Jahre alt, ledig und lebt in dem Dorf Chak Gillan, in der Nähe von Sialkot, in Pakistan. Sameena ist das fünfte Kind der Familie. Ihr Vater betreibt eine kleine Kantine im Fußball-Nähzentrum, welches nur 200 Meter von ihrer Wohnung entfernt liegt. Das Nähzentrum wurde vor sieben Jahren von Talon gebaut. Auch Sameena arbeitet dort. Es war eines der ersten, in welchem Frauen weiterhin Bälle nähen konnten, nachdem Heimarbeit nicht mehr möglich war.

Indem Firmen das Nähen auf große Fabrikhallen konzentrierten, um Kinderarbeit zu unterbinden, sperrten sie de facto auch Frauen von der Arbeit aus, da diese nicht den ganzen Tag von zu Hause weg sein konnten. Sameena hat zehn Geschwister - sechs Schwestern und vier Brüder. Zwei der Älteren arbeiten wie sie im Nähzentrum. Die Nählöhne sind niedrig, allein die fair gehandelten Bälle ermöglichen einen Lohn, der so bemessen ist, dass die Arbeiterinnen für ihre Familie alle Grundbedürfnisse selbst finanzieren können.

Sameena hat nie eine Schule besucht, sie trägt schon von klein auf zum Einkommen der Familie bei. Fußbälle näht sie seit drei Jahren. Die Familie besitzt eine kleine Hütte und einen kleinen Gemüsegarten, in dem alle mithelfen.

Vor kurzem musste sich Sameena einer Schilddrüsen-Operation unterziehen. Alle Kosten wurden von der Talon Fair Trade Welfare Society übernommen - eine Gesundheitsvorsorge, die durch das Zahlen der Fair Trade Prämien für fair gehandelte Bälle ermöglicht wird. Früher ein für Sameena und ihre Familie undenkbarer Luxus.



Zulafkar Ali und sein jüngerer Bruder Saftaz Ahmad arbeiten beide als Fußballnäher, sie sind verheiratet. Zulafkar ist 36 Jahre alt, hat drei Jungen im Alter von 15, 13 und 11 und ein neunjähriges Mädchen. Saftaz hat zwei Söhne - zwei Jahre und sechs Monate alt.

Ihre Haupteinnahmequelle ist das Nähen von Fußbällen. Je nach Qualität kann ein Näher drei bis fünf Bälle am Tag nähen, aber nur für fair gehandelte Bälle bekommen die beiden einen Lohn, der es ihnen ermöglicht, ihre Familien mit dem Verdienst des Ball-Nähens alleine zu versorgen.

1999 nahmen beide ein Darlehen in Höhe von rund 300 Euro bei der Talon Fair Trade Welfare Society auf. Sie eröffneten damit eine kleine Teestube direkt neben dem Nähzentrum, in dem sie arbeiten. Zulafkar und Saftaz sind gemeinsame Besitzer und Betreiber ihres Ladens. Einer von beiden ist immer im Laden, und wenn es dort nichts zu tun gibt, werden nebenher Fußbälle genäht, zur Aufbesserung des Einkommens. Das Darlehen konnten sie planmäßig schon nach 25 Monaten zurückzahlen. Der monatliche Umsatz ihres Ladens liegt in der Größenordnung des ursprünglichen Darlehens. Hauptumsatzträger ist Tee - davon werden pro Tag 100 bis 150 Tassen verkauft, zum Preis von je sieben Cent. Die Milch wird von einem Nachbarn angeliefert, der seinen Wasserbüffel ebenfalls mit einem Fair Trade Kleindarlehen gekauft hat.


24. April 2006

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