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Dossier Fußball-WM 2006

Der Gerechte


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Der Schiedsrichter Byron Moreno
Roland Schulz
Landesflagge Ecuador
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Landesflagge Ecuador
In Ecuador ist der Schiedsrichter Byron Moreno bekannt wie ein bunter Hund. In Italien hasst man ihn einfach. Als der Erste aus den Katakomben trat, stiegen Leuchtraketen in den Himmel, verfolgt von funkensprühenden Kugeln und heulenden Wirbeln, mit einem Schlag standen im Norden wie im Süden die Fankurven in Flammen. Die Fans hatten bengalisches Feuer gezündet und Donnerschläge, sie schossen mit Signalmunition, bis sie nur mehr Qualm atmeten. Als der letzte Spieler aus den Katakomben kam, ließen sie dutzende Rollen Klopapier auf das Spielfeld regnen, die kometengleich mit wehendem Schweif auf dem Rasen aufschlugen. Alles war wie immer. Wie jeden Sonntag bei Heimspielen im "Estadio Casa Blanca", der Festung von Liga Deportiva Universitaria Quito. Der Schiedsrichter pfiff, das Spiel begann. Als es endete, war alles anders. Es waren 112 oder 102 oder 90 Minuten vergangen, hier kommt es wie bei der Bewertung des ganzen Geschehens auf den Standpunkt des Betrachters an. Sicher ist nur dreierlei: dass der Schiedsrichter an diesem 8. September 2002 Byron Moreno hieß, so berühmt wie berüchtigt für seinen Auftritt während der Weltmeisterschaft drei Monate zuvor, als er das Achtelfinale zwischen Italien und Südkorea leitete, das Italien umstritten verlor; dass sich außerdem an diesem Sonntag Morenos Leben wandelte und dass Liga Quito dieses Spiel gegen Barcelona Guayaquil 4:3 gewann, durch ein Tor keine zwei Minuten vor dem Schlusspfiff. Es war der Höhepunkt einer Geschichte, wie sie der Fußball Ecuadors noch nicht gesehen hatte.

Zur Person

Roland Schulz arbeitet als freier Journalist, unter anderem für jetzt.de.

Von 112 Minuten Spielzeit sprechen nach der Partie die Zeitungen der Küstenregion Ecuadors, die lauthals ihre Wut über die Niederlage ihrer Mannschaft und vor allem über den Schiedsrichter in die Welt schreien. Dieser Herr, so zitieren sie den Vereinspräsidenten von Barcelona Guayaquil, sei ein Betrüger, der nichts weniger als einen Mordanschlag auf den ecuadorianischen Fußball verübt habe, denn dieser Herr habe gegen alle Regeln 112 Minuten spielen lassen – genau so lange, bis Liga Quito, in der regulären Spielzeit noch 2:3 im Rückstand, zwei Tore geschossen hatte. Was für ein Zufall, höhnt der Präsident Guayaquils, dass dieser Herr sich gerade jetzt unter dem Slogan "Rote Karte für die Korruption" um eine Sitz im Stadtparlament von Quito bewerbe. Der Vereinspräsident Leonardo Bohrer ist so in Rage, dass er nicht merkt, dass er einen Fehler begeht: Er spricht beständig davon, dass die Partie 112 Minuten gedauert habe. Es ist ihm egal. Er sagt, von diesem Tag an sei nichts mehr so, wie es einmal war im Fußball Ecuadors.


05. Dezember 2005

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