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Dossier Geschichte und Erinnerung

Erinnern unter Migranten


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Die Rolle des Holocaust für Schüler mit Migrationshintergrund
Juliane Wetzel
Die Holocaust-Erziehung steht heute vor neuen Herausforderungen: Welche Bedeutung hat der Holocaust für Jugendliche mit türkischen oder polnischen Wurzeln? Und welche Folgen hat das für die Vermittlung in Schule und Unterricht?

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Das Thema "Holocaust-Erziehung" ist eine große Herausforderung für Lehrerkräfte. Foto: AP
"Holocaust-Erziehung" in multikultureller Gesellschaft

Erst in den letzten Jahren hat sich mehr und mehr die Erkenntnis durchgesetzt, dass die "Holocaust-Erziehung" in einer multikulturellen Gesellschaft vor neuen Herausforderungen steht. Dabei gilt es den jeweiligen Migrationshintergrund zu beachten. Schüler mit polnischen oder russischen Wurzeln sind mit anderen familiären Narrativen sozialisiert als jene, die aus dem arabischen Raum stammen oder jene, die einen türkischen Hintergrund haben. Wieder anders stellt sich die Situation bei Schülern mit Migrationserfahrung aus dem Kosovo oder weiteren Ländern des ehemaligen Jugoslawien dar.

Unterschiedlich sind nicht nur die jeweiligen Migrationserfahrungen, sondern auch die Opfer-Diskurse, die insbesondere bei der Thematik der NS-Judenverfolgung einen erheblichen Einfluss auf den Unterricht haben können. Für Schüler polnischer, russischer oder ex-jugoslawischer Herkunft ist der Nationalsozialismus Teil der Geschichte ihrer jeweiligen Herkunftsländer, aber sie bringen durchaus auch ihren eigenen Opferdiskurs mit in den Unterricht, der anerkannt werden muss, aber nicht zu Vergleichen führen darf, die den Holocaust verharmlosen.

Schüler, die aus dem arabischen Raum stammen oder gar palästinensischer bzw. libanesischer Herkunft sind, neigen dazu, den Nahostkonflikt eng mit dem Holocaust zu verknüpfen, sei es durch eine Gleichsetzung mit der israelischen Politik in den palästinensischen Gebieten oder mit einer Täter-Opfer-Umkehr, die unterstellt, Israelis bzw. "die Juden" seien nun als ehemalige Opfer zu Tätern geworden. Unter Schülern türkischer Herkunft, die weder direkt vom Nahostkonflikt betroffen sind, noch einen familiären Bezug zum Holocaust haben, ist in den letzten Jahren die Tendenz zu spüren, sich mit den Palästinensern als "Opfer" zu solidarisieren, weil sie mehrheitlich Muslime sind.

Zur Person
Dr. Juliane Wetzel
Geb. 1957 in München, ist seit 1996 wiss. Angestellte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Sie ist geschäftsführende Redakteurin des Jahrbuchs für Antisemitismusforschung.

Diese Entwicklungen bleiben nicht ohne Folgen für das Thema Holocaust im Unterricht. Insofern haben politische Ereignisse im Nahen Osten und deren mediale Präsenz dazu geführt, dass Schüler mit arabisch bzw. türkischem Migrationshintergrund, die den Holocaust lange Zeit ausschließlich als ein Thema der Mehrheitsgesellschaft empfunden haben, nun ihre z. T. diffusen Eindrücke über tagespolitische Ereignisse auf den Holocaust projizieren und in den Unterricht hineintragen. Lehrer sind nur selten auf diese komplizierte Gemengelage vorbereitet, weil sie weder mit den verschiedenen Narrativen der Schüler vertraut sind, noch die komplexe Geschichte des Nahostkonflikts so beherrschen, dass sie Debatten entsprechend moderieren und die jeweiligen Opferdiskurse so kontextualisieren können, dass der Holocaust als historisches Ereignis und Erinnerungsnarrativ seinen angemessenen Platz behält.

Rolle und Vermittlung des Holocaust

Erst in den letzten Jahren haben sich Pädagogen und Multiplikatoren mit Fragen nach der Rolle und der Vermittlung des Holocaust in multikulturellen Klassen auseinandergesetzt. Dies ist auch eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass erst die dritte Generation der Migranten sich in höherem Maße als Teil der bundesdeutschen Gesellschaft begreift, wenn sie auch immer noch oder gerade deshalb Ausgrenzung und Diskriminierung von der Mehrheitsgesellschaft erfährt.

Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust kann bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in vielfältiger Weise geweckt werden. Sie bietet unzählige Möglichkeiten, aktuelle Probleme der Flüchtlings- und Migrationsproblematik zu thematisieren: Sprachprobleme, kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Ausgrenzung und Verfolgung. Zugänge zum Thema können über die eigenen Erfahrungen als Minderheit, über Diskriminierungserlebnisse, über Flucht- und Asylerfahrungen geschaffen werden, wobei immer der jeweilige Kontext mitgedacht werden muss, um zu vermeiden, dass Vergleiche in einer Gleichsetzung münden, die den Holocaust marginalisiert und verharmlost.

Die Anerkennung der Migrations- und Diskriminierungserfahrung der Schüler ist notwendige Voraussetzung, um in multikulturellen Klassen Widerstände gegen das Thema Holocaust aufzubrechen. Gelingt es, Interesse an der Materie zu wecken, kann das Wissen über den Holocaust als integratives Moment wirken, wenn die Schüler die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Mord an den Juden und die Erinnerung daran als Teil der deutschen Geschichte und damit auch als Teil ihrer eigenen Geschichte annehmen.


26. August 2008

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Redaktion
Themenblätter im Unterricht
Nr. 14 - Erinnern und Verschweigen
Nr. 14 - Erinnern und Verschweigen
Für die Forderung, "dass Auschwitz nicht noch einmal sei", ist eine Erinnerungskultur nötig, die sich gegen das langsame Vergessen, das Verfälschen und das Relativieren richtet.
Nr. 14 - Erinnern und Verschweigen

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