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Dossier Fußball-WM 2006

Iran


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Stefan Mentschel
"Jahrhundertelf" will für Überraschung sorgen

Iran
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Landesflagge Iran
Den 21. Juni 1998 wird Urs Meier sein Leben lang nicht vergessen. An diesem Tag führte der Schweizer Schiedsrichter in Lyon die Mannschaften der USA und Irans zur WM-Vorrundenpartie auf den Platz. "Es war außergewöhnlich", erinnert sich Meier. "Und ich empfand es als große Ehre, quasi als doppelter Neutraler dieses politisch heikle Spiel leiten zu dürfen." Vor dem Spiel sei eine "schier unerträgliche Anspannung" zu spüren gewesen. Doch beide Teams hätten "Frieden unter den verfeindeten Staaten" zelebriert. "Es war ein wunderbares Zeichen dafür, dass Sport Brücken baut."

Zur Person
Stefan Mentschel, Jahrgang 1976, ist freier Autor und Journalist. Er lebt und arbeitet in Delhi, von wo er unter anderem für verschiedene deutschsprachige Medien berichtet. Seine Fußball-Begeisterung wird im Kricket-verrückten Indien allerdings auf eine harte Probe gestellt.

Für die Spieler der iranischen Nationalmannschaft war das historische Zusammentreffen in Frankreich aber auch aus sportlicher Sicht ein Erfolg. Die in ihrer persischen Heimat Team Melli genannte Elf schlug die USA mit 2:1 – der erste Sieg überhaupt bei einer Weltmeisterschaft. Bei ihrer WM-Teilnahme 1978 waren die Iraner noch ohne Erfolgserlebnis geblieben. In Argentinien verlor das Team gegen die Niederlande und Peru, trotzte Schottland aber immerhin ein 1:1-Unentschieden ab.

Der Freude über den Erfolg gegen die USA folgte Ernüchterung. Das entscheidende Gruppenspiel gegen Deutschland verlor Iran mit 0:2 und verpasste so den Einzug ins Achtelfinale. Zuvor hatte die Mannschaft in dieser schweren Gruppe bereits gegen Jugoslawien verloren. Grenzenlos war die Enttäuschung schließlich, als sich die Mannschaft nicht für das Endrundenturnier 2002 in Südkorea und Japan qualifizieren konnte. Iran unterlag in der Playoff-Runde gegen Irland, und der kroatische Trainer Miroslav Blasevic trat zurück.

Neuer Trainer sichert Qualifikation für WM 2006

Nach diesem Rückschlag übernahm Blasevics Assistent und Landsmann Branko Ivankovic das Team. Mit dem Sieg bei den Asien-Spielen 2002 feierte er zwar einen erfolgreichen Einstand, aber in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Deutschland lief zunächst nicht alles nach Plan. Im Juni 2004 gab es eine 0:1 Heimniederlage gegen Jordanien, und das Weiterkommen in die dritte Gruppenphase war gefährdet. Beim Asien-Pokal wenige Wochen später fand die von Ivankovic stark verjüngte Mannschaft jedoch ihre Form. In einem denkwürdigen Viertelfinale besiegte sie Südkorea mit 4:3 und zog ins Halbfinale gegen Gastgeber China ein. Das ging zwar im Elfmeterschießen verloren, doch im kleinen Finale sicherten sich die Iraner mit einem 4:2 Sieg gegen Bahrain den dritten Platz. Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen dominierten sie das Rückspiel gegen Jordanien und sicherten sich einen wichtigen 2:0 Sieg. In dieser Begegnung feierte der in der Bundesliga aktive Stürmer Vahid Hashemian sein Comeback, der auch in der entscheidenden Runde der Qualifikation eine wichtige Rolle spielte. In diese startete das Team Melli mit einem torlosen Unentschieden in Bahrain. Dem folgten jedoch vier Siege hintereinander, mit denen die Qualifikation zur Endrunde bereits im Juli 2005 perfekt gemacht wurde. Ein Erfolg, der von den iranischen Fans frenetisch gefeiert wurde.

Trotz aller Euphorie über den WM-Coup: In Teheran sorgt man sich darum, dass die für die Qualifikation entscheidenden Treffer allesamt nach Standardsituationen fielen. Denn auch wenn die Stars des Teams Offensivspieler sind, lässt Ivankovic eher defensiv agieren. In Iran, wo es allein 17 Sport-Tageszeitungen gibt, stößt das nicht immer auf Verständnis. Der Trainer scheue das Risiko, lautet der einhellige Vorwurf der Medien. Der Erfolg allerdings gibt Ivankovic Recht. Und auch der Verband, die Islamic Republic of Iran Football Federation (IRIFF), hält an dem 52-Jährigen fest.

"In fünf bis zehn Jahren werden wir das internationale Topniveau erreichen, wenn das Land weiter in die Infrastruktur investiert", verkündete Ivankovic vor einiger Zeit selbstbewusst. Ganz aus der Luft gegriffen scheint das nicht, denn seit vier Jahren gibt es unter anderem eine Profiliga in der Islamischen Republik, in der immerhin 16 der 23 Spieler des WM-Kaders kicken. Für internationales Flair in der Persian League sorgen ausländische Trainer wie der Türke Mustafa Denizli (Pas Teheran) und der Brasilianer Edson Tavares (Sepahan Esfahan). Der frühere Bundesliga-Profi Arie Haan trainierte bis vor kurzem Persepolis Teheran, wurde aber wegen Erfolglosigkeit entlassen. Fest steht: Der Fußball boomt im Land des dreifachen Asienmeisters (1968, 1972, 1976) und vierfachen Gewinners der Asien-Spiele (1974, 1990, 1998, 2002). Entsprechend groß sind die Erwartungen an die iranische Nationalmannschaft, schließlich steht Trainer Ivankovic in Deutschland nach Expertenmeinung das "beste Team aller Zeiten" zur Verfügung.


05. Dezember 2005

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