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Essays zur Sicherheitsdebatte

"Terroristen lieben uns als jammernde Waschlappen"


Wolf Dombrowsky

Belügt Euch! So könnte der amoralische Imperativ der gegenwärtigen Terrorismusdebatte lauten. Die Phrasen sind widerwärtig und der Boden, auf den sie fruchtbar fallen, auch. "NineEleven" (911) gilt vielen Amerikanern als "history changing moment", als hätte es vor dem 11. September keinen Terrorismus, vor allem keinen fundamentalistischen im eigenen Lande und keine geschichtsträchtigeren Ereignisse gegeben. Madrid, so die heimische Phraseologie, habe den Terror nach Europa gebracht, als kennte man weder IRA, ETA noch RAF.

Überhaupt, die RAF! Sie war bereits, was man heute zur Neuen Internationalen des Terrors dichtet: Netzwerk zwischen europäisch operierendem und arabisch-islamisch agierendem Terrorismus. Frankreich und Spanien waren lange vor Hamburg "Ruheraum" und Organisationsbasis eines mit Afrika und dem Nahen Osten verwobenen "post-kolonialen" Terrorerbes. Was will man uns eigentlich weiß machen und für wie geschichtsvergessen hält man uns?

Biografie
Dr. Wolf R. Dombrowsky (geb. 1948) ist Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Uni Kiel. Der Soziologe ist Mitglied verschiedener Katastrophenschutzkommissionen, unter anderem der Strahlenschutzkommission beim Bundesumweltministerium. Dombrowsky berät im Katastrophenschutz tätige Organisationen wie ASB, DRK, MHD, THW und Feuerwehren sowie Behörden, Ministerien, Polizei und Bundeswehr.

"Wir weideten uns am Entsetzen der Spießer"

Ich war knapp 20 und Abiturient im verschlafenen Bückeburg, als uns die Ausläufer der Studentenbewegung erreichten und wir anfingen, das "Kursbuch" und die Kolumnen von Ulrike Meinhoff zu lesen. Wir lachten uns schief über Fritz Teufel und wir weideten uns am Entsetzen der Spießer über die Experimente in "Kommune 1". Ja, wir hatten Spaß an der Spaßguerilla und er endete noch nicht einmal, als Baader vom "burn, warehouse, burn" faselte. Anfangs kaum merklich, mutierte die Spaßguerilla zur Stadtguerilla, dräute in den Zentren der bewaffnete Kampf herauf. In der Provinz stilisierte man sich derweil noch im Doppelpack aus moralischem Rigorismus und romantischer Theatralik. Die Helden mischten Ho Tschi Min, Che Guevara, Zapata und Marx, trugen schwarze Ledermäntel und berauschten sich an den Befreiungskämpfen der damaligen Welt.

"Mitten hinein starb Hanns Martin Schleyer"

Vor allem hatten wir Recht. Wie Vietnam in die Steinzeit gebombt und Kambodscha in den Krieg gezerrt wurde, das war obszön. Das vor dem Napalm entblößt fliehende Mädchen symbolisierte diese Obszönität wie die Rampenphotos die von Auschwitz. Beide haften im kollektiven Erinnern und wir fragten uns, was Menschen dazu fähig macht? Wir wollten nicht wie unsere Eltern werden und wir wollten ein anderes, besseres "System". Ob alle Karl Marx wirklich gelesen, gar verstanden hatten, sei dahingestellt, die Kernsätze seines Humanismus jedenfalls waren uns Hoffnung, auch dann noch, als die Kritischeren von uns voller Schmerz und Abscheu Gulag und Pol Pot entdeckten und den Stalinismus nicht mehr schön schwätzten.

Mitten hinein platzte Mogadischu, starb Hanns Martin Schleyer. Alptraumatisch schimmerten auf den Kragenspiegeln der Ledermäntel unserer Helden SS-Runen durch und es war vorbei mit der seligen Robin-Hood-Romantik des antiimperialistischen Kampfes.
Unter uns gab es dennoch Hartgesottene, die Schleyers Ermordung zur ausgleichenden Gerechtigkeit modelten, dafür, dass er einst selbst einen Ledermantel getragen hatte. Ganz und gar widerlich aber war diese "klammheimliche Freude". Biedermann und Brandstifter von links, dabei feige bis auf die Knochen. Wie kann man sich über die Ermordung eines Menschen klammheimlich freuen? Weil man sich nicht offen zu freuen traut? Doch worüber freut man sich so oder so? Dass jemand getötet worden ist, den man für tötenswert hält? Unwertes Leben aus revolutionärer Perspektive?

"Alle Seiten wollen ihr Töten gerecht erscheinen lassen"

Warum säbelt man einer Geisel vor laufender Kamera den Kopf ab? Was machte die 2826 Opfer des WTC-Anschlags tötenswert? Und was die Opfer von Madrid, Riad, Djerba und wie all die anderen Tausende und Abertausende Orte heißen, in denen aus Gründen getötet wurde und immer weiter getötet werden wird? Machen wir uns doch nichts vor. So weit, dass man nur nach Zufallsauswahl abknipst, killing by random, sind wir noch nicht.

Noch gibt es Gründe, noch werden sie erklärt. Andernorts wird Bin Laden als muslimischer Robin Hood, als arabischer Che verehrt, der einer korrupten und ausbeuterischen, ganz und gar despotischen Feudalclique von US-Gnaden den Garaus machen möchte. Der freie Westen inszeniert ihn als skrupellosen Mörder aus fundamentalistischem Wahn, dem man den Garaus machen sollte und der moderne Kreuzzüge rechtfertigt. Alle Seiten mühen sich, ihr Töten als gerechten, notwendigen, ausweglosen Kampf, als Krieg erscheinen zu lassen, der nur so und nicht anders geführt werden kann.

"Wir kennen die Zusammenhänge und fühlen uns schuldig"

Und womöglich ist es wahr. Wo wäre Israel, wenn es nicht täglich Krieg führte und wo wären die Selbstmordattentäter, wenn sie auch ein anderes Leben kennten, als das in Lagern und Dreck und Armut? Wo wäre Afrika, wenn es seinen Reichtum, um dessentwillen Generationen plündern und töten, investieren könnte? Wo wären Tschetschenien, Aserbeidschan, Kurdistan, Somalia, Zaire und all die anderen Staaten ohne Staat und viel Terrorismus? Und wo blieben wir, wenn wir all die Ressourcen nicht verzehrten, sondern teilen müssten mit diesen Milliarden Hungermäulern, die auch einen Platz an der Sonne und ein Stück vom Kuchen wollen?

Und hier beginnt unser Dilemma. Wir wissen um diese Zusammenhänge und wir fühlen uns schuldig. Und weil wir uns schuldig fühlen, haben wir ein schlechtes Gewissen, aber schlimmer noch, kein Wissen mehr, wofür zu leben und zu kämpfen sich lohnt, weder im Guten noch im Schlechten.

"Hunderttausende entkamen der Armut durch Bildung"

Haben wir noch eine Vision, eine Utopie von einer gerechten Welt? Heimlich glauben die meisten gar nicht mehr, dass es sie geben könnte und dass Terrorismus deswegen ebenso folgerichtig ist, wie Eigentumsdelikte bei wachsender Armut. Dass sich vor knapp 150 Jahren Hunderttausende ganz anders entschieden und in Bildungsvereinen und Genossenschaften Armut und Verelendung durch Intelligenz entkamen, erscheint uns heute unwiederholbar. Warum eigentlich? Was ist mit uns passiert, dass wir Kriminalität und Terrorismus als unausweichliche Folgerichtigkeit deuten und nicht als willentliche Entscheidung, zu schaden und zu töten?

"So lieben uns die Terroristen"

Da gehen Polizisten in Kindergärten und Schulen und beraten junge Menschen, wie sie sich "deeskalierend" verhalten sollen, wenn sie bedroht, ausgeraubt ("abgezogen"), geschlagen und gedemütigt werden. Wer seinen Wohlstand zeigt, hat selber schuld, wenn er beraubt, wer seine langen Beine zeigt, selber schuld, wenn er vergewaltigt wird. Mit der gleichen Logik glaubte man, vom Terrorismus verschont zu bleiben, weil man den Irak-Krieg nicht mitgemacht habe. Ja, so lieben uns Verbrecher und Terroristen. Als jammernde Waschlappen, die die Täter zu den eigentlichen Opfern modeln, von Ausbeutung, Armut, schlimmer Jugend und seelischer Entbehrung. Man muss Verständnis haben, wenn man getötet wird, irgendwie hat man es verdient....

"Der beste Widerstand heißt nicht Auge um Auge"

Insofern gestaltet sich Terrorismus zur Vorhut, die austestet, ob man nur noch Waschlappen entsorgen muss, bevor man übernehmen kann oder ob noch mit echtem Widerstand zu rechnen ist. Der beste Widerstand heißt jedoch nicht zurück töten, Auge um Auge, Zahn um Zahn, sondern eine Vision, an die auch die anderen glauben wollen. Vielleicht sollten wir weniger über Terrorismusbekämpfung nachdenken, als vielmehr darüber, wie wir unser Leben so organisieren, dass es alle anderen auch leben wollen. Leben, nicht töten.

Wolf Dombrowsky: "Terroristen lieben uns als jammernde Waschlappen" (Juli2004)
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10. Februar 2012
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