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Dossier Geschichte und Erinnerung

Erinnern global


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Jens Kroh
Erinnerungskultur in Russland und Asien

Auch der russischen Erinnerungskultur ist diese Form des selbstkritischen Vergangenheitsbezugs fremd. Im Gegenteil: Die staatlich monopolisierte Erinnerung verherrlicht vor allem den sowjetischen Sieg über das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg, der in Russland nach wie vor als Großer Vaterländischer Krieg bezeichnet wird. Damit geht eine Ausblendung der Verbrechen Stalins (Große Säuberung, GULag und Holodomor) und dessen Teilrehabilitierung einher. Immer wieder kommt es deshalb zu brisanten Konflikten zwischen Russland und den ehemals von der Sowjetunion besetzten Staaten in Mittelosteuropa.

Die Erinnerungskultur im Nachbarland China unterscheidet sich ebenfalls stark vom Modell des "negativen Gedenkens". Zum einen werden in Hinblick auf die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts von offizieller Seite keine Anstrengungen zur Aufarbeitung der Schattenseiten der Diktatur Mao Zedongs (u.a. Großer Sprung nach Vorn und Kulturrevolution) oder des Tian’anmen-Massakers unternommen. Zum anderen ist die chinesische Erinnerungskultur seit Mitte der 1980er Jahre stark von einem Opfernarrativ geprägt.

Das Massaker von Nanking, bei dem im Dezember 1937 japanische Soldaten zwischen 200.000 und 300.000 Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet haben, wird dabei sogar direkt mit dem Holocaust in Verbindung gesetzt. Auf der offiziellen (englischsprachigen) Seite der Gedenkstätte heißt es, dass sie auf "einem der Exekutionsgelände und Massengräber des Holocaust" errichtet worden sei. Insofern überrascht es wenig, dass das Gedenken an die Opfer von Nanking in Teilen analog zum israelischen Holocaust-Gedenktag (Yom Hashoah) erfolgt: Seit 1995 ertönt am 13. Dezember, dem Tag des Beginns des Massakers, in Nanking Sirenengeheul. Der Holocaust dient jedoch vorrangig als Mittel, um international auf die japanischen Kriegsverbrechen aufmerksam zu machen. Ein Gedenken an die ermordeten Juden findet in diesem Zusammenhang nicht statt.

So ausführlich und unversöhnlich chinesische Schulbücher die japanischen Gräueltaten zum Thema machen, so wenig werden wiederum japanische Schüler über den von ihren Landsleuten in Ostasien geführten Vernichtungskrieg aufgeklärt. Besonders augenfällig wird dieser Sachverhalt dann, wenn das für die Zulassung von Lehrmitteln verantwortliche Erziehungsministerium Schulbücher mit revanchistischen Positionen genehmigt. Dieser Vorgang löste zuletzt 2001 und 2005 massive Proteste in China und Südkorea aus. Auch die Besuche japanischer Politiker des Yasukuni-Schreins, der dem Gedenken gefallener Soldaten, aber auch verurteilter Kriegsverbrecher dient, stoßen international auf Unverständnis.

Parallel dazu tobt seit Jahrzehnten ein japanischer "Historikerstreit" zwischen auf der einen Seite seriösen Geschichtswissenschaftlern und auf der anderen Seite reaktionären Historikern, die den Versuch unternehmen, den Großasiatischen Krieg zu heroisieren und das Massaker von Nanking zu verharmlosen. Insgesamt ist das Gedenken an Militarismus und Zweiten Weltkrieg in Japan jedoch dadurch charakterisiert, sowohl Täter als auch Opfer gewesen zu sein. Dabei ist eine ungewöhnliche Aufgabenverteilung zu beobachten: Während staatliche Akteure die Erinnerung an die Opfer der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki organisieren, gibt es eine Reihe zivilgesellschaftlicher Initiativen, die sich der Auseinandersetzung mit den Tätern verschrieben haben. Die japanische Erinnerungskultur kommt ungeachtet zweier Holocaust-Zentren in Fukuyama und Tokyo allerdings weitgehend ohne das Gedenken an die Opfer des Holocaust aus.

Differenzen in der Erinnerung

Offensichtlich bestehen international große Differenzen in der Erinnerung des Holocaust. Das Spektrum reicht von Staaten, in denen der Holocaust als Grundlage eines offiziellen Gedächtnisses dient (z.B. USA, Israel und viele vorwiegend westeuropäische Nationen) bis hin zu Ländern, in denen wichtige politische Akteure – etwa der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad – die Realität der industriell betriebenen Massenvernichtung leugnen. Neben diesen Einwänden gibt es weitere Argumente, die Anlass geben, Reichweite und Nachhaltigkeit einer transnationalen oder globalen Holocaust-Erinnerung zu hinterfragen. Erstens legen empirische Studien nahe, dass sich Elemente der offiziellen Erinnerungskultur und Inhalte nicht-öffentlicher Erinnerung deutlich voneinander unterscheiden.

Zweitens ist die politische Instrumentalisierung des Holocaust mit ebenso großer Skepsis zu sehen wie das verbreitete Argument, Auschwitz halte universale Lehren bereit. Denn auch in der Bundesrepublik, deren Bildungseinrichtungen und Massenmedien beständig Angebote zur Information über den Holocaust machen, sind Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus noch immer an der Tagesordnung. Drittens potenzieren sich im globalen Maßstab die Erinnerungskonflikte zwischen ethnischen Gruppen oder Nationalstaaten. Damit ist zugleich das Problem verbunden, dass die Schlichtung von geschichtspolitischen Gegensätzen mit autoritären, häufig nationalistischen Regimen notwendig wird, die deutlich prekärer ist als die Konfliktregulierung zwischen pluralistischen Demokratien in der EU. Insofern erscheint fraglich, ob sich tatsächlich eine globale Erinnerung mit dem Holocaust als Referenzpunkt herausbilden wird.


Literatur:

  • Cornelißen, Christop/Klinkhammer, Lutz/Schwentker, Wolfgang (Hg.), Erinnerungskulturen: Deutschland, Italien und Japan seit 1945, Frankfurt am Main 2003.
  • Dubin, Boris, "Erinnern als staatliche Veranstaltung. Geschichte und Herrschaft in Russland", in: Osteuropa 58 (2008), S. 57-66.
  • Giesen, Bernhard, "Europäische Identität und transnationale Öffentlichkeit. Eine historische Perspektive", in: Kaelble, Hartmut/Kirsch, Martin/Schmidt-Gernig, Alexander, Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert, Berlin 2002, S. 67-84.
  • Kohlhammer, Siegfried, "‚Die Vergangenheit gebrauchen zum Nutzen der Gegenwart!‛ Das Nanking-Massaker und die chinesische Geschichtspolitik", in: Merkur 61 (2007), S. 594-603.
  • Kroh, Jens, Transnationale Erinnerung. Der Holocaust im Fokus geschichtspolitischer Initiativen, Frankfurt am Main 2008.
  • Levy, Daniel/Sznaider, Natan, Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt am Main 2001.
  • Müller, Jan-Werner, "Europäische Erinnerungspolitik Revisited", in: Transit. Europäische Revue 33 (2007), S. 166-175.
  • Rupnow, Dirk, "Transformationen des Holocaust. Anmerkungen nach dem Beginn des 21. Jahrhunderts", in: Transit. Europäische Revue 35 (2008), S. 68-88.
  • Uhl, Heidemarie, "Schuldgedächtnis und Erinnerungsbegehren. Thesen zur europäischen Erinnerungskultur", in: Transit. Europäische Revue 35 (2008), S. 6-22.
  • Welzer, Harald (Hg.), Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis, Frankfurt am Main 2007.


Links:

Gedenkstätte und Museum Auschwitz-Birkenau

"Aktive Europäische Erinnerung" im Rahmen des EU-Programms "Europa für Bürgerinnen und Bürger"

Gedenkstätten, Denkmale, Museen und Institutionen zum Gedenken an NS-Opfer

Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research

Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Nanking

"Holocaust Education" in den OSZE-Staaten

Friedensmuseum Hiroshima

Vereinte Nationen und Holocaust-Erinnerung

Anregungen der Gedenkstätte Yad Vashem zur Gestaltung von Holocaust-Gedenktagen


26. August 2008

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