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Hintergrund und Vorläufer
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Amerikanisierung oder Internationalisierung? |
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Populärkultur in beiden deutschen Staaten |
| Uta G. Poiger |
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In der Bundesrepublik wie in der DDR der fünfziger und sechziger Jahre war amerikanische Populärkultur heftig umstritten. Foto: Günter Zint
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In den fünfziger und sechziger Jahren herrschte in der Presse der Bundesrepublik kein Mangel an Berichten über amerikanische Filme, Musik und Moden und deren Einfluss auf Jugendliche. Die amerikanische Populärkultur machte nicht am Eisernen Vorhang Halt: Amerikanische Einflüsse waren in der DDR spürbar und wurden von der SED bekämpft. Doch gab es auch andere internationale Bezugspunkte, zum Beispiel die Musik der Beatles aus Großbritannien. Und Ende der sechziger Jahre gelangten Stile aus der Dritten Welt auf unterschiedlichen Wegen in beide deutsche Staaten.
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Zur Person |
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Uta G. Poiger Ph. D., geb. 1965; Associate Professor of History an der University of Washington, Seattle.
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 |  | Es stellt sich die Frage, wie die Kulturgeschichte der Bundesrepublik und der DDR während des Kalten Krieges sinnvoll im internationalen Rahmen zu verorten wäre. Gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen in der Bundesrepublik sind vielfach unter dem Blickwinkel der Amerikanisierung, der "Westernisierung" oder der Modernisierung diskutiert worden. Gleichzeitig haben die Globalisierungsdebatten der letzten zehn Jahre die Frage nach dem Verhältnis von Globalisierung und Amerikanisierung aufgeworfen.
Meist sind die Staaten des Warschauer Pakts außerhalb des Blickwinkels dieser Debatten geblieben.
Jugendkultur in der Bundesrepublik
In der Bundesrepublik wie in der DDR der fünfziger und sechziger Jahre war amerikanische Populärkultur heftig umstritten. Erzieher, Wissenschaftler und Politiker diskutierten vermeintlich negative Einflüsse auf Jugendliche, machten sich Gedanken über politische Auswirkungen und versuchten, diese einzudämmen. Der Tradition katholischer Kulturkritik folgend, sahen Konservative in den fünfziger Jahren beispielsweise Jazz, Rock'n'Roll-Tänze oder Western als Bedrohung des "christlichen Abendlandes". In beiden Staaten benutzten Verantwortliche aus Kultur und Jugendarbeit Begriffe, die auf die Eugenik bzw. die NS-Ideologie zurückgingen ("dekadent"; "entartet").
In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre setzte sich in der Bundesrepublik allmählich eine liberalere Haltung durch: Neue Stilrichtungen und alltagskulturelle Trends, die wenige Jahre zuvor noch Staub aufgewirbelt hatten, galten nun vielen Experten und Politikern als akzeptabel. Die Veränderungen fanden in einer Zeit statt, in der Wirtschaftsminister Ludwig Erhard das Ende der Nachkriegszeit und "Wohlstand für alle" zur Losung für die bundesrepublikanische Demokratie erhob.
Ab 1960 eröffnete der Berliner Senat "Jazzcafés". Im "Jazz-Saloon" servierte Jugendsenatorin Ella Kay höchstpersönlich nichtalkoholische Getränke und Bier für die jugendlichen Gäste, die dort zu (wenn auch nicht allzu) heißen amerikanischen Rhythmen tanzen konnten. Während zahlreiche westdeutsche Kommentatoren noch Anfang der fünfziger Jahre die amerikanische Musik pauschal als bedrohlich disqualifiziert hatten, galt Jazz nun als modern und jugendlich. So unterschiedliche Politiker wie Franz Josef Strauß, damals Bundesverteidigungsminister, und Willy Brandt, Regierender Bürgermeister von Berlin, propagierten den Jazz als passende Musikform für die Jugend der Bundesrepublik. Jazz wurde sogar zu einem Aushängeschild: 1964 entsandte das Goethe-Institut westdeutsche Jazzgruppen in mehrere asiatische Länder.
Jugendsenatorin Kay war zufrieden mit dem Erfolg der Jazzklubs, die ihr zufolge berechtigte Wünsche erfüllten. Während Plakate zur Eröffnung ein Bustier als Symbol weiblicher Sexualität mit einer Trompete kombinierten, zeigten Pressefotos ein respektables Publikum: junge Frauen in Röcken und junge Männer in Anzügen. Hosen für Frauen und Jeans für Männer waren "nicht erwünscht". Zu Beginn der sechziger Jahre war der amerikanische Modeimport Jeans, der bereits von zahlreichen Jugendlichen begeistert getragen wurde, durchaus noch umstritten. Ein Sozialarbeiter berichtete, dass viele Besucher zwar wegen der "heißen Rhythmen" kämen, dass sie in den Klubs aber auch gutes Benehmen lernten und so "nicht mit dem Schlaghammer, sondern mit der Jazztrompete" erzogen würden.
Sozialarbeiter, Soziologen und Politiker sahen staatlich geförderte Einrichtungen wie Jazz- oder auch Filmklubs als Mittel, die Jugend zum kritischen Umgang mit der importierten Konsumkultur zu erziehen. Ein Bericht des Senats sprach von einer "skeptischen Generation" in einer außengeleiteten Gesellschaft, von Jugendlichen, die keinen Halt mehr in den sozialen Normen der bürgerlichen Gesellschaft finden konnten. Um die Bedeutung solcher Jugendklubs zu verdeutlichen, benutzten die Verfasser Konzepte, die der amerikanische Soziologe David Riesman und sein deutscher Kollege Helmut Schelsky in den fünfziger Jahren eingeführt hatten. Riesman und Schelsky waren zwar der Konsumgesellschaft gegenüber kritisch eingestellt, bestätigten aber auch ihre Stabilität. Die staatlichen Interventionen zeigten die andauernde Ambivalenz gegenüber Populärkultur und Konsum im Allgemeinen und amerikanischen Einflüssen in der Jugendkultur im Besonderen.
Als die USA Mitte der sechziger Jahre zeitweise ihren Status als Exporteur der umstrittensten Produkte der Jugendkultur verloren und der Rock'n'Roll auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zunehmend in den Hintergrund trat, machten sich Eltern, Sozialarbeiter und Politiker Gedanken über die Beatmusik britischer Bands wie der Beatles und der Rolling Stones und die legere Kleidung und langen Haare besonders ihrer männlichen Fans. Radiostationen wie die amerikanischen und britischen Soldatensender AFN und BFBS, Radio Luxemburg und Piratensender in der Nordsee waren die Hauptquellen für amerikanische und britische Musik. Derweil scheuten westdeutsche Stationen sich bis Mitte der sechziger Jahre, Rock oder Beatmusik zu senden.
Auch weiterhin gab es kulturkonservative Bedenken. So warnte die Fachzeitschrift "deutsche jugend" 1964 vor politischen Auswirkungen der Beatles-Welle: "Die jugendliche Massenhysterie könnte (...) auch in gefährlichere Bahnen gelenkt werden. Die Rattenfänger aus Liverpool sind vergleichsweise harmlos." Zwei Jahre später sorgte der Afroamerikaner Jimi Hendrix, der gleichfalls seine Musik in Großbritannien machte und nun imdeutschen Fernsehen auftrat, für Aufregung. Ein Realschullehrer beschwerte sich in einem Brief an den Bayerischen Rundfunk: "Glauben Sie wirklich, dass die verwahrlosten, unappetitlichen Gestalten, die sich da zuckend vor dem Mikrophon produzierten, geeignet sind, unserer an sich labilen Jugend als nachahmenswertes Vorbild zu dienen?" Bei solchen Aussagen schwangen, zum Teil mit rassistischen Tendenzen, die Sorgen um properes Aussehen, gute Arbeitsmoral und politische Verlässlichkeit mit. Wie schon in den fünfziger Jahren hielten manche Westdeutsche nach wie vor eine Abgrenzung nach drei Seiten für nötig: gegen die westliche und besonders die amerikanische Konsumkultur, gegen Überbleibsel der NS-Zeit und gegen die kommunistischen Rivalen im Osten.
Trotz oder auch wegen solcher Befürchtungen wurde Jugendlichkeit im Laufe der sechziger Jahre immer mehr Teil der Vermarktungsstrategien für Konsumgüter. Zeitungen und Zeitschriften hatten schon seit den fünfziger Jahren verstärkt über amerikanische Stile berichtet, auch wenn diese zunächst nur von einer Minderheit wirklich angenommen wurden. 1965 gründeten die westdeutschen Rundfunkanstalten die erste Jugendmusiksendung des Fernsehens, den "Beat-Club", in dem auch Hendrix seinen Auftritt hatte. Gleichzeitig änderten sich die Geschmäcker: War es Anfang der Sechziger noch eine Minderheit, die amerikanische oder westliche Populärmusik bevorzugte, war es am Ende des Jahrzehnts die Mehrheit der Jugendlichen. Zudem galten Jugendliche nun als Trendsetter, die der älteren Generation einiges voraus hatten, diese aber auch immer mehr beeinflussten, unter anderem bei der Verbreitung westlicher Musik- und Modestile. Eine jugendlich-antinationalistische Haltung wurde zum Markenzeichen für Jugendsendungen und -zeitschriften, und Programmleiter oder Herausgeber integrierten Kritik an der Internationalisierung in die Vermarktung. So blendete der "Beat-Club" nationalistische Leserpost ein: Solche Stimmen erregten Aufmerksamkeit, die westdeutsche Presse beurteilte sie negativ und beglückwünschte den "Beat-Club" zu einer Modernität, die sich sowohl von der DDR als auch vom Nationalsozialismus positiv absetzte.
Doch der Anspruch an die Internationalisierung, antifaschistisch zu sein, barg auch Probleme: Einerseits bestand die Gefahr, zu verkennen, dass sich der Nationalsozialismus, allen öffentlichen Bekundungen zum Trotz, durchaus dem Wettbewerb mit nichtdeutschen Modellen, beispielsweise mit Hollywood und amerikanischem Jazz, gestellt und sogar Importe von Filmen oder Musik zugelassen hatte, um einen Schein von Normalität zu wahren. Andererseits verkennt diese Interpretation die politische Geschmeidigkeit und Uneindeutigkeit populärkultureller Stile.
09. Januar 2008 |
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