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Migration und Integration in Deutschland
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Neue Integrationsdebatten und -politik |
| Christoph Müller-Hofstede / Carolin Reißlandt |
Kontroversen um Integration(spolitik)
"Integration" ist zum Zauberwort in der politischen und medialen Diskussion um Zuwanderung in Deutschland geworden. Zu den Auslösern einer neuen Integrationsdebatte, die durch oft polemische Presseartikel verschärft wurde, gehörten unter anderem der Mord an dem islamkritischen niederländischen Regisseurs Theo van Gogh (November 2004), der "Ehrenmord" an einer kurdischstämmigen jungen Türkin in Berlin durch Familienangehörige (Februar 2005) mit dem darauffolgenden Prozess, die Einführung einer Deutschpflicht auf zwei Berliner Schulhöfen (Anfang 2006) sowie ein "Hilferuf" des Lehrerkollegiums der Rütli-Hauptschule mit der Bitte um Auflösung der Schule (März 2006). Aber auch die anhaltend niedrigen Schulerfolge vieler junger Zuwanderer lösten eine dauerhafte Kontroverse um die Integrationsleistung des deutschen Bildungssystems aus.
Dabei ist der Integrationsbegriff vieldeutig, umstritten und wird von Befürwortern ebenso wie von Gegnern der Einwanderung oft überstrapaziert. Konsens besteht indes darin, dass es sich bei Integration nicht um eine Einbahnstraße mit einseitigen Anpassungsleistungen von Zuwanderern handelt, wenngleich ihr Beitrag zu diesem wechselseitigen Prozess stets der größere ist. Vielmehr ist Integration ein "gesellschaftliches Unternehmen auf Gegenseitigkeit" (Klaus J. Bade), das beide Seiten, also Aufnahmegesellschaft wie Einwanderer, verändert.
Die Diskurse um Integration bleiben dennoch kontrovers und ihre Resultate widersprüchlich. Konservative Kommentare gehen angesichts der großen Probleme von Kindern mit Migrationshintergrund im Bildungssektor und von erwachsenen Zuwanderern auf dem Arbeitsmarkt von einer "gescheiterten Integration" aus. Angesichts von Gettoisierungstendenzen in einzelnen Großstadtvierteln wird allerorts über "problematische Eingliederungsprozesse" besonders muslimischer Einwanderer diskutiert: Probleme der Partizipation an der demokratischen Bürgergesellschaft und Erfahrungen mit dem Vordringen islamistischer und antisemitischer Propaganda unter muslimisch geprägten Jugendlichen stehen neu auf der Tagesordnung.
Ein globaler Blick auf die Geschichte der Einwanderung nach Deutschland und ein Vergleich mit ähnlichen Problemen in Nachbarländern wie Frankreich, England und den Niederlanden lassen gleichwohl eine gelassene Bewertung zu. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es gelungen, Millionen von Vertriebenen erfolgreich zu integrieren. Die Aufnahme von vier Mio. (Spät-)Aussiedlern aus Osteuropa und den GUS-Staaten seit Ende der 1980er-Jahre war im Wesentlichen eine Erfolgsgeschichte für beide Seiten. Ebenso haben sich die materiellen Lebensbedingungen eines Teils der eingewanderten Bevölkerung in den letzten 30 Jahren insgesamt verbessert und messbar an jene der deutschen Bevölkerung angenähert, wie sich etwa an den Wohnverhältnissen ablesen lässt. Auch die wachsende Zahl von binationalen Eheschließungen, Einbürgerungen und studierenden Bildungsinländern zeigen einen insgesamt positiven Verlauf des Integrationsprozesses. Erfolge oder Misserfolge der Integration liegen also vor allem im Auge des Betrachters. Dennoch, so das Fazit, hat das Thema bis heute in Deutschland und vielen europäischen Staaten ununterbrochen an Bedeutung gewonnen: Insbesondere die Frage, wie sich Einwanderer - unabhängig von Herkunft, Religion und Hautfarbe mit den demokratischen Prinzipien des Gemeinwesens identifizieren und für seine Belange einsetzen können, wird die Einwanderungsdebatte weiter prägen.
15. Mai 2007 |
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