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Hintergrund
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Wirtschaftssysteme, die die Welt beweg(t)en |  |
| Jörg Roesler |
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nach der weltweiten Durchsetzung der von ihren Gegnern als Neoliberalismus
bezeichneten Angebotsökonomie ist es kaum noch vorstellbar, dass im vorangegangenen Jahrhundert gleich drei Wirtschaftssysteme um die Gunst der Menschen konkurrierten: Der ökonomische Liberalismus, die staatliche Zentralplanwirtschaft und der Keynesianismus.
Ursache der Vielfalt war nicht der Gedanke, verschiedene Systeme auszuprobieren und danach die beste Art des Wirtschaftens auszuwählen. Ursache war vielmehr die Enttäuschung über das jeweils herrschende Wirtschaftssystem, das nicht halten konnte, was es versprochen hatte.
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Zur Person |
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Jörg Roesler, Wirtschaftshistoriker, geb. 1940 in Berlin, Studium der Volkswirtschaft, Wirtschaftsgeschichte und Geschichte an der Humboldt Universität, Berlin; zahlreiche Publikationen zur Wirtschaftsgeschichte der DDR und Osteuropas, darunter "Ostdeutsche Wirtschaft im Umbruch" für die bpb. Der Autor hält seit 1999 Lehrveranstaltungen im Fach Volkswirtschaft an der Universität der Künste in Berlin, und ist Mitglied der Leibniz-Sozietät. |  |
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Die klassische Ökonomie
Dabei war man Anfang des 20. Jahrhunderts ganz sicher, mit dem ökonomischen Liberalismus ein Wirtschaftssystem gefunden zu haben, das "immerwährende Prosperität" garantiert. Der Begründer der "klassischen Ökonomie", Adam Smith, hatte Ende des 18. Jahrhunderts die Vorstellungen von einer freien Gesellschaft aus der Politik auf die Ökonomie übertragen. Er vertrat die Idee, dass eine freie Marktwirtschaft, in der nur die Gesetze von Angebot und Nachfrage gelten und der Staat direkte Eingriffe unterlässt, den Wohlstand aller Menschen vermehrt. Das 19. Jahrhundert brachte den Siegeszug des ökonomischen Liberalismus in Europa und Amerika.
Doch die Weltwirtschaftskrise 1929-33 beendete die "Grand Prosperity" nicht nur in den USA. Seit dem "Schwarzen Freitag" an der New Yorker Börse sank Jahr für Jahr die Nachfrage. Je weniger abgesetzt werden konnte, desto weniger wurde auch produziert. Die Massenarbeitslosigkeit erreichte bis dahin unvorstellbare Ausmaße. Wie Hohn klang nun in den Ohren der ratlosen Wirtschaftspolitiker der 100 Jahre zuvor vom französischen Ökonomen Jean Baptiste Say, einem Verbreiter der klassischen Lehre, geprägte Satz, dass sich jedes Warenangebot seine Nachfrage auf dem Markt schaffe. Wirtschaftliche Gleichgewichtsstörungen, d.h. Wirtschaftskrisen, konnten demnach, wenn überhaupt, nur teil- bzw. zeitweise auftreten.
Mit Keynes aus der Krise
Die Weltwirtschaftskrise machte es jedoch deutlich: Nicht um das Angebot, sondern um die Nachfrage drehte sich die Wirtschaft. Auf der Suche nach einem Wirtschaftstheoretiker, der ihm einen Ausweg aus der Krise zeigen könnte, stieß der amerikanische Präsident Roosevelt auf den Briten John Maynard Keynes.
Dieser hatte die Weltwirtschaftskrise sorgfältig analysiert. Er kam zu dem Schluss, dass die Selbstheilkräfte des Marktes offensichtlich nicht ausreichten, um das wirtschaftliche Gleichgewicht und damit die Konjunktur wieder herzustellen. Der Staat müsse eingreifen und durch Staatsaufträge und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zusätzliche Nachfrage nach Investitions- und Verbrauchsgütern schaffen. Die Mittel für eine volkswirtschaftliche Steuerung des Konjunkturverlaufs müsse sich der Staat durch Umverteilung von den Begüterten zugunsten der von Krisen am ehesten betroffenen abhängigen Beschäftigten beschaffen.
Zum populärsten Instrument des Keynesianismus wurde das "Deficit Spending". Demnach kann sich der Staat, wenn eine Wirtschaftskrise droht, verschulden, sofern er sich in der darauf folgenden Wachstumsphase das geborgte Geld dank der dann wieder reichlich fließenden Abgaben zurückholt. Auch Zusatzsteuern, mit denen in einer Boomphase eine "Überhitzung" der Konjunktur verhindert werden soll, könnten die Kassen dann wieder füllen. Dem Keynesianismus, dem Roosevelt in den 30er Jahren sein Antikrisenprogramm "New Deal" zugrunde legte, folgten nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Wirtschaftspolitiker in Europa, Lateinamerika, Australien und Ostasien.
Das Gegenmodell
Allerdings war der Keynesianismus nicht das einzige Wirtschaftssystem, das als Antwort auf die Misere des ökonomischen Liberalismus in der Welt Verbreitung fand. In der Sowjetunion wurde unter Stalins Herrschaft seit Ende der 1920er Jahre die staatssozialistische Planwirtschaft entwickelt. Auch sie misstraute dem Markt, schaffte ihn aber im Unterschied zum Keynesianismus mit Ausnahme einer freien Arbeitsplatz- und Konsumgüterwahl innerhalb eng gesetzter Grenzen ganz ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Zentralplanwirtschaft sowjetischen Typs in Osteuropa und auf dem ostasiatischen Festland (Volksrepublik China) durchgesetzt.
Nach etwa drei Jahrzehnten traten die Schwächen der Zentralplanwirtschaft bezüglich Wachstum und Modernisierung der Anlagen offen zu Tage. Fast zur gleichen Zeit, in den 1970er Jahren, erreichte auch die zunächst so erfolgreiche keynesianische Steuerung des Konjunkturzyklus ihre Grenzen. Statt Beschäftigungssicherung und konjunkturellem Aufschwung traten immer häufiger Inflation und Stagnation des Wachstums, die so genannte "Stagflation" auf.
Der Monetarismus
Die "Stagflation" diskreditierte die keynesianische Nachfrageökonomie bald so sehr, dass der zwischenzeitlich insbesondere vom US-amerikanischen Ökonomen Milton Friedman modernisierte, als Monetarismus bezeichnete ökonomische Liberalismus wieder attraktiv wurde. Der amerikanische Präsident Reagan und die britische Premierministerin Thatcher machten ihn in den 80er Jahren zur Grundlage einer Wirtschaftspolitik, in der der Rückzug des Staates aus der Wirtschaft und der Rückbau der sozialen Sicherungssysteme Merkmale der wiederbelebten Angebotsökonomie waren.
In den 1980er Jahren scheiterten auch die Versuche, die Zentralplanwirtschaft zu reformieren. Danach wurde zu Beginn der 1990er Jahre der von seinen Gegnern als Neoliberalismus bezeichnete Monetarismus nach sechs Jahrzehnten der Dominanz der staatsinterventionistischen Wirtschaftssysteme Keynesianismus und Zentralplanwirtschaft erneut zum weltweit unangefochten herrschenden Wirtschaftssystem.
Auf wie lange? Eine Antwort ist zur Zeit noch nicht möglich, doch ist es aus Sicht der historischen Erfahrung wenig wahrscheinlich, dass mit dem 21. Jahrhundert das Ende der Geschichte der Wirtschaftssysteme gekommen ist. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass seit etwa zwei Jahren in Deutschland – zumindest in den Medien – in Zusammenhang mit Zweifeln an der Wirksamkeit der Agenda 2010 und der Steuerreform wieder auf den Keynesianismus Bezug genommen wird.
04. Oktober 2005 |  |
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