
 |
Energieträger
 |
 |

Atomenergie – (K)ein Ausstieg |  |
| Sonja Ernst |
| 2000 wurde in Deutschland der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. In Zeiten steigender Ölpreise und der Debatte um den Klimaschutz gewinnt die Atomkraft wieder an Befürwortern. Welche Rolle ihr künftig zukommt, ist noch nicht entschieden.
|
 |
 |
| Atomkraftwerk Neckarwestheim/Baden-Würtemberg: die beiden Druckwasserreaktoren gingen 1976 und 1989 in Betrieb. Block 1 soll 2009 im Rahmen des Atomausstiegs vom Netz gehen. Foto: AP |
 |
 |  |
Im Jahr 2000 vereinbarten die Bundesregierung und die Energieversorgungsunternehmen die Befristung der Atomenergie. Mit der "Geordneten Beendigung der Nutzung der Kernenergie" wurde der langsame Ausstieg aus der Atomkraft besiegelt. Voraussichtlich 2021 soll das letzte Kernkraftwerk, Neckarwestheim 2, vom Netz gehen.
Doch jüngst gewinnt die Kernenergie wieder an Befürwortern. Kernenergiestrom sei preisgünstig, versorgungssicher und klimafreundlich. Atomstrom kostet rund 2,7 Cent pro Kilowattstunde (kWh), Steinkohle liegt mit 3,3 Cent und Erdgas mit 4,9 Cent pro kWh darüber. 2007 stammten rund 22 Prozent der Bruttostromerzeugung aus Atomkraftwerken. Bei der Grundlastversorgung mit Strom sorgten die AKWs für knapp 48 Prozent. Die Grundlastversorgung bezeichnet die permanent benötigte Leistung für eine stabile Stromversorgung. Hier setzt auch die Kritik an den erneuerbaren Energien an: Wind- und auch Solarenergie könnten keine stabile Versorgung garantieren – vor allem solange es keine Speichermöglichkeiten für die gewonnenen Energien gebe.
Die Debatte um die Atomkraft
 |
 |
 |
 |
Kontrollraum im Atomkraftwerk Indian Point in Buchanan bei New York. Nach den Terror-Anschlägen am 11.September gelten verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. Es besteht die Gefahr, Terroristen könnten den Meiler ins Visier nehmen. Foto: AP
|
 |
|  |
 |
Ein Argument gegen den Ausstieg aus der Atomkraft ist außerdem die Klimabilanz: Denn Nuklearenergie ist umweltfreundlicher als Kohle oder Gas. Doch hier setzt die Kritik jener an, die den Ausstieg befürworten. Bislang sei für die radioaktiven Abfälle keine sichere Endlagerung garantiert. Noch dazu seien die Kosten nur schwer zu schätzen. In Deutschland wurde zuletzt Schacht Konrad in Salzgitter als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle genehmigt. Ab 2013 soll dort der Betrieb aufgenommen werden.
Ebenso läuft die Erkundung des Salzstockes in Gorleben, im dem hochradioaktive, Wärme entwickelnde Abfälle endgelagert werden sollen. Zurzeit steht auch zur Diskussion, ob noch weitere mögliche Endlager geprüft werden. Die Debatte um die Endlagerung wurde auch neu entfacht, nachdem im Atommüll-Versuchsendlager in Asse Missstände aufgetaucht sind. In dem früheren Salzbergwerk sind Salzlaugen mit einer Radioaktivität gemessen worden, die weit über den Grenzwerten liegt.
Gegen die Atomenergie werden auch Sicherheitsbedenken angeführt. So zum Beispiel die Gefahr auf internationaler Ebene einer militärischen Nutzung des waffenfähigen Nuklearmaterials. Ebenso könnten AKWs dem internationalen Terrorismus als Angriffsziel dienen. Aber auch die Einhaltung der Sicherheitsstandards der Atomkraftanlagen selbst sind weltweit nicht in gleichem Maße gegeben. 1986 ereignete sich in der Ukraine ein folgenschwerer Störfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl, nachdem der Kern im Reaktor geschmolzen war. Als Folge zog eine radioaktive Wolke über Mitteleuropa hinweg.
Kernspaltung schuf eine neue Energiequelle
Erstmals entdeckten die beiden deutschen Chemiker Otto Hahn und Fritz Straßmann 1938 die Kernspaltung. Die Errungenschaft wurde zunächst für militärische Zwecke eingesetzt: 1945 bei den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Erst später entwickelte die Energiewirtschaft ein Interesse an der Kernspaltung als einer neuen Energiequelle.
Die Kernkraft nutzt die Energie, die bei der Spaltung von Atomkernen freigesetzt wird. In einem Atomkraftwerk geht die Spaltung in einem Druckbehälter vor sich. Die entstehende Wärme heizt zumeist Wasser auf mehrere Hundert Grad Celsius auf und erzeugt dadurch Wasserdampf, der wiederum eine Dampfturbine antreibt. Diese erzeugt über einen Generator elektrischen Strom. So wird Kernenergie indirekt in elektrische Energie umgewandelt. Es gibt verschiedene Reaktortypen, die sich auch darin entscheiden, ob Wasser oder beispielsweise Helium verwandt wird. Unterscheiden lassen sich unter anderem Schwerwasser- und Hochtemperaturreaktoren, ebenso Leichtwasserreaktoren, die vor allem in Deutschland genutzt werden. Als Kernbrennstoff wird Uran eingesetzt.
Uran wird in 18 Ländern gefördert. Wichtige Produzenten sind Kanada, Australien, Kasachstan, Russland und Namibia. Laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) finden sich weltweit Uranreserven von 1,95 Megatonnen. Damit sei die Versorgung der Kraftwerke für die nächsten Jahrzehnte gesichert. 2006 verbrauchten die Kernkraftwerke rund 66.500 Tonnen Natururan, rund 40.000 Tonnen stammten aus der Bergwerksproduktion.
Abschalten, aber auch Ausbau
In Deutschland wird kein Uran mehr gefördert. Doch die DDR war ein wichtiger Uranproduzent, unter anderem wurde in der Sächsischen Schweiz und im Erzgebirge Uran abgebaut. In Deutschland sind zurzeit 17 Kernkraftwerke an 12 Standorten in Betrieb, die rund 140 Milliarden kWh elektrischen Strom erzeugen.
In Europa gibt es in insgesamt 15 der 27 EU-Mitgliedsstaaten Atomkraftwerke, darunter Belgien, Bulgarien, Finnland, Frankreich, Litauen, Rumänien, Slowenien, Spanien und Ungarn. Knapp ein Drittel des Stroms innerhalb der EU ist Atomstrom. Doch laut Europäischer Kommission, Direktion Energie und Transport, wird der Anteil auf 20 Prozent in 2030 zurückgehen.
Weltweit trägt Kernenergie zurzeit einen Anteil von rund 15 Prozent zur globalen Stromerzeugung bei. Laut BGR gab es 2006 weltweit 442 Kernkraftwerke in 28 Ländern. Weitere 28 AKWs befanden sich noch im Bau und 62 in Planung. Die wichtigsten Verbraucher von Atomenergie sind aktuell die USA, Frankreich und Japan. Laut Internationaler Energieagentur stand im Jahr 2005 eine Kapazität von 368 Gigawatt aus Atomstrom zur Verfügung. Die Kapazität wird sich bis 2030 zwar auf 416 Gigawatt erhöhen, doch der Anteil an der Stromerzeugung wird auf rund 10 Prozent zurückgehen. Denn in den kommenden Jahren wird der Stromverbrauch insgesamt zulegen, doch die Atomenergie wird voraussichtlich nicht im gleichen Maße zulegen.
Doch zurzeit ist es kaum möglich, die künftige Bedeutung von Atomenergie vorauszusagen. In einzelnen Ländern wird die Kernenergie ausgebaut, hierzu zählen China, Indien, Russland und auch Brasilien, das gerade den Bau von über 50 neuen Atomkraftanlagen angekündigt hat, um Gasimportabhängigkeiten zu dämpfen. Zugleich werden altersbedingt Meiler vom Netz genommen oder Länder entscheiden sich bewusst für den Ausstieg aus der Atomenergie. Auch in Deutschland wird die Diskussion über Atomkraft noch weitergehen.
Quellen:
Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen e.V.: Bericht: Energieverbrauch in Deutschland im Jahr 2007
www.ag-energiebilanzen.de
BP Statistical Review of World Energy, June 2008
www.bp.com/statisticalreview
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe
www.bgr.bund.de
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: Energie in Deutschland
www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/publikationen
Inernationale Energie Agentur (IEA)
www.iea.org
Key World Energy Statistics, 2007
www.iea.org/textbase/nppdf/free/2007/key_stats_2007.pdf
World Energy Outlook, 2006
www.worldenergyoutlook.org
Reiche, Danyel (Hrsg.), Grundlagen der Energiepolitik, Frankfurt am Main, 2005.
05. September 2008 |  |
|

|
 |
 |
Schriftenreihe |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Das Energiedilemma
Deutschland in der Zwickmühle: Kann die Erde trotz Atomausstiegs vor dem Klimakollaps gerettet werden? Die Journalistin und Physikerin Jeanne Rubner über die Zukunft unserer Energie. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |

|