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Jahre der Rebellion
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Orgasmen wie Chinaböller |
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Sexualität zwischen Politik und Kommerz |
| Dagmar Herzog |
Die Vorgeschichte der sexuellen Revolution
"Man gewinnt im Blick auf die frühe Bundesrepublik geradezu den Eindruck", schrieb der Soziologe und Sexualwissenschaftler Martin Dannecker, "als ob sie keine andere Sorge gehabt hätte, als die Sexualität in Ordnung zu bringen."
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Die Einführung der Anti-Baby-Pille im Jahre 1961 war der Startschuss zur "sexuellen Revolution". Foto: AP
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Obwohl die unmittelbaren Nachkriegsjahre noch recht libertär
waren, nicht zuletzt im Kontext der verbreiteten Fraternisierung deutscher Frauen mit alliierten
Soldaten, entwickelte sich im Laufe der 1950er Jahre in der Bundesrepublik – und ungeachtet
mancher gegenläufiger Meinungen in der Bevölkerung – eine zutiefst konservative Sexualkultur.
1952 wurde ein Bundesgesetz verabschiedet, das die Ausstellung und den Verkauf pornografischer
Bilder und Texte verbot; freizügige Sexualratschriften waren mitbetroffen. Eine Flut konservativer
Ratgeber füllte die Marktlücke mit Empfehlungen zur vorehelichen Keuschheit; Onanie und
vorehelicher Sex galten als verderblich für die zukünftige Ehe; Homosexualität wurde pathologisiert.
Die Kriminalisierung männlicher homosexueller Handlungen durch § 175 wurde beibehalten,
und nach einem liberaleren Nachkriegsinterregnum wurde ab 1950 die Handhabung der polizeilichen
Verfolgung und der gerichtlichen Bestrafung nochmal verschärft. Tausende Männer
kamen jedes Jahr ins Gefängnis. Der Himmler-Erlass von 1941 (der Werbung für und Verkauf
von Verhütungsmitteln mit Ausnahme von Kondomen verbot) blieb in mehreren Bundesländern
in Kraft. Der Zugang zu Kondomen wurde sogar erschwert. Und eine ungewöhnliche Koalition
aus christdemokratischen Bundestagsabgeordneten und christlichen Linksintellektuellen verhinderte
erfolgreich alle Versuche, § 218 zu lockern.
Den vorehelichen Verkehr hat dieses Klima jedoch nicht verhindert. Schätzungen von Zeitzeugen
zufolge pflegten 80 bis 90 Prozent der Bundesdeutschen diese Praxis – weit mehr als in England,
Frankreich oder den USA in diesen Jahren. Und für viele junge Deutsche waren die 1950er Jahre
trotz konservativer Regeln eine Zeit des Entdeckens von spannenden neuen Möglichkeiten. Aber
ohne Frage hatte die vorgegebene Sexualmoral einen starken Einfluss auf das Erleben von Sexualität
– vor und in der Ehe. Moral und Handeln sind nie deckungsgleich, aber gerade der Lebensbereich
der Sexualität ist gekennzeichnet von der Untrennbarkeit von Vorstellungen und Erfahrungen, Diskursen,
Fantasien und Gefühlen. Ideologische Konstellationen haben Effekte auf das körperliche Erleben
– wenn auch nicht unbedingt im intendierten Sinne –, ob sie nun Trotz, Verwirrung, Hemmung,
Erleichterung oder Erregung hervorrufen. Ebenso hatten die Gesetze Konsequenzen. Der Abgrund
zwischen Anspruch und Wirklichkeit wurde nicht zuletzt durch die Abtreibungsziffern deutlich. An
der Wende von den 1950er zu den 1960er Jahren gingen Mediziner und andere Experten etwa von
einer Million illegalen Abtreibungen pro Jahr in der Bundesrepublik aus – etwa ein Abort pro Geburt.
Manche Mediziner mutmaßten, es seien jedes Jahr zwei Million Abtreibungen. Für Frauen war
Sex mit der Angst besetzt, sich mit einer potenziellen Schwangerschaft die Zukunft zu verbauen.
Die Moralvorstellungen der 1950er Jahre standen in einem komplizierten Verhältnis zur Sexualpolitik
des Dritten Reichs. Einerseits war es klar ersichtlich und wurde immer wieder betont,
dass die nachdrückliche Forderung besonders nach vorehelicher Keuschheit eine Reaktion auf
den Nationalsozialismus darstellte – nicht zuletzt da der Nationalsozialismus so erpicht gewesen
war, sich über die 'Prüderie' der Kirchen in dieser Angelegenheit zu mokieren. Andererseits
war die wiederholte Einforderung sexueller Sauberkeit ein effektiver Mechanismus, um von anderen
Angelegenheiten abzulenken. Bei der ständigen Gegenüberstellung der heterosexuellen
Moralvorstellungen von Nachkriegschristentum und Nationalsozialismus geriet in Vergessenheit,
wie begeistert Hitler-freundlich und wie aggressiv antijüdisch sich viele christliche Wortführer benommen
hatten. Bemerkenswert ist auch, wie dieser emphatisch vorgetragene Kontrast von den
beachtlichen Kontinuitäten zwischen Nationalsozialismus und Nachkriegschristentum ablenkte – in
Bezug auf Homophobie sowie die eugenische Diffamierung von Behinderten.
Letzten Endes waren vier Faktoren ausschlaggebend für die Liberalisierung der bundesdeutschen
Sexualkultur. Einer davon war die medizinisch-technische Erfindung der Pille, zu deren wichtigsten
Auswirkungen der dramatische Rückgang des illegalen Aborts gehörte. Ein zweiter Faktor war die
sich immer weiter verbreitende Verwendung von sexuell stimulierenden Bildern und Texten – eine
hauptsächlich wirtschaftsökonomische Dynamik. Der dritte Faktor lag in der direkten politischen
Mobilisierung gegen die offizielle Kultur des Sexualkonservatismus. Obgleich sie der Vermarktung
der Sexualität im Konsumkapitalismus recht kritisch gegenüberstanden, benutzten liberale und
linke Kritiker die sich öffnende Kluft, die sich aus den Widersprüchlichkeiten zwischen konservativen
Normen und sexualisiertem Marketing ergab, um ihre eigenen Positionen vorzutragen. Aber
nichts war bei der Umgestaltung des moralischen Diskurses über Sexualität in der Bundesrepublik
so wirksam wie ein vierter Faktor: die Rückkehr der öffentlichen Diskussion über den Holocaust im
Gefolge der großen NS-Prozesse. Von vorrangiger Wichtigkeit war hier der Auschwitz-Prozess in
Frankfurt am Main 1963–1965, über den täglich in den Zeitungen berichtet wurde. Dieser Prozess
bot vielerlei Anlass, die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Lehren aus dem Dritten
Reich für linksliberale Zwecke umzuschreiben.
06. Juni 2008 |
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