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30 Jahre Attentat auf Ägyptens Präsidenten Sadat

Am 6. Oktober 1981 verübten ägyptische Islamisten einen Anschlag auf Ägyptens Staatspräsidenten Anwar al-Sadat. Ihr Ziel: Der Sturz des Sadat-Regimes und die Errichtung eines islamischen Staates. Dazu kam es nicht.

Der 6. Oktober 1981 war in Ägypten ein nationaler Feiertag: 1973 marschierten an diesem Tag ägyptische Truppen in Israel ein. Staatschef Anwar al-Sadat verfolgte die zu diesem Anlass stattfindende Militärparade in Kairo, als plötzlich ein Lastwagen vor der Tribüne hielt. Soldaten sprangen ab und feuerten vor laufender Kamera Schüsse auf die Ehrentribüne ab. Sadat starb wenig später an den Folgen des Attentats.

Die Attentäter kamen aus dem Kreis des ägyptischen islamischen Jihads, einer militanten religiösen Bewegung. Ihr Plan war es, das Regime Sadat zu stürzen, die Macht zu ergreifen und einen islamischen Staat zu errichten. Damit zielten sie vor allem gegen die Politik des ägyptischen Staatspräsidenten, insbesondere Sadats Aussöhnungspolitik mit Israel.

Jom-Kippur-Krieg zwischen Ägypten und Israel



Als erster arabischer Staatschef unterzeichnete Sadat 1979 einen Friedensvertrag mit Israel. Sechs Jahre zuvor hatten sich beide Staaten noch im Krieg befunden: Am 6. Oktober 1973 - am Versöhnungstag Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag - griff Ägypten überraschend Israel an. Ägyptische Truppen marschierten auf der zwischen Ägypten und Israel gelegenen Sinai-Halbinsel ein. Zugleich griffen syrische Einheiten israelische Soldaten auf den Golan-Höhen an. Beide Gebiete hielt Israel seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzt.

Der Krieg, der als Jom-Kippur-Krieg in die Geschichtsbücher einging, endete knapp zwei Wochen später mit einem von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand. Am 22. Oktober 1973 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 338, welche die Aufnahme von Friedensverhandlungen vorsah. Die militärischen Verluste waren auf ägyptischer und syrischer Seite weitaus höher als auf Seiten Israels. Dennoch verbuchte Sadat den Krieg als politischen Erfolg: Der Angriff sollte zeigen, dass die arabische Welt militärisch ein ernst zu nehmender Gegner war.

Ägyptisch-israelischer Friedensvertrag



In den folgenden Jahren suchte Sadat den Frieden mit Israel. Als erstes arabisches Staatsoberhaupt sprach er vor der Knesset, dem israelischen Parlament. 1978 erhielten der damalige israelische Ministerpräsident Menachem Begin und Sadat für ihre Friedensbemühungen den Friedensnobelpreis. Der bilaterale Verhandlungsprozess mündete schließlich 1979 im israelisch-ägyptischen Friedensvertrag, der die gegenseitige Anerkennung und die Beendigung des seit 1948 bestehenden Kriegszustandes regelt. Unter anderem wurde darin festgelegt, dass Israel die 1967 eroberte Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgibt.

Mit seinem Kurs machte sich Sadat viele Gegner im eigenen Lager, auch die arabische Welt reagierte überwiegend mit Ablehnung. Noch im selben Jahr des israelisch-ägyptischen Friedensschlusses wurde Ägypten aus der arabischen Liga, der internationalen Organisation arabischer Staaten, ausgeschlossen.

Sadat bindet Muslimbruderschaft politisch ein



Auch innenpolitisch war der ägyptische Staatspräsident umstritten. Anders als sein Vorgänger Gamal Abdel Nasser suchte Sadat die Unterstützung der Muslimbruderschaft, einer der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen in Ägypten. Zugleich bildeten sich in den 1970er Jahren radikale islamistische Gruppierungen heraus. Darunter die späteren Attentäter Sadats: der ägyptische Ableger der Muslimbruderschaft "Jihad Islami" ("Islamischer Jihad") sowie die "Gamaa Islamiyya`" ("Islamische Gemeinschaft").

Regime zwischen freier Marktwirtschaft und staatlicher Repression



Wirtschaftlich setzte Sadat auf das Modell der freien Marktwirtschaft. Er deregulierte den öffentlichen Sektor und führte landesweit Sonderwirtschaftszonen ein, um ausländische Investoren ins Land zu holen. Allerdings hatte Sadats Politik auch ihren Preis: Ägyptens Auslandsschulden stiegen. Auf Druck des Internationalen Währungsfonds (IWF) musste die Regierung 1977 Subventionen für Grundnahrungsmittel kürzen. In der Folge stiegen die Preise für wichtige Lebensmittel an. Zudem nahm die Korruption stark zu. Der Widerstand der Bevölkerung gegen das Regime wuchs, im Gegenzug verschärfte Sadat die staatlichen Repressionen und beschnitt die Pressefreiheit. In den Wochen vor dem Attentat ordnete er die Verhaftung zahlreicher Journalisten sowie mutmaßlicher Islamisten an. Damit schürte Sadat den Widerstand insbesondere unter der Gruppe, die am 6. Oktober 1981 die tödlichen Schüsse auf ihn abgab. Fünf von ihnen wurden zum Tode verurteilt, weitere 17 zu Gefängnisstrafen - darunter auch Ayman al Zawahiri, der Gründer des ägyptischen Islamischen Jihad. Die Gruppe ging Ende der 1990er Jahre in dem Terrornetzwerk al-Qaida auf.

Muhammad Husni Mubarak wird Nachfolger Sadats



Sadats Nachfolger wurde sein damaliger Stellvertreter Muhammad Husni Mubarak, der die kommenden 30 Jahre an der Macht bleiben sollte. Mubarak führte zunächst die pro-israelische Politik seines Vorgängers fort - bis zum Beginn des ersten Libanonkrieges 1982. In der Folge kühlte sich das Verhältnis zu Israel spürbar ab und es folgte eine Epoche des "Kalten Friedens". Im Gegenzug verbesserten sich die Beziehungen zu den arabischen Staaten. Innenpolitisch verfolgte Mubarak einen harten Kurs und präsentierte sich nach außen als "Bollwerk gegen die Islamisten". Als Mittel für seinen autoritären Regierungsstil führte Mubarak kurz nach seinem Amtsantritt die aus der Zeit Sadats stammenden Notstandsgesetze wieder ein. Mit den Notstandsgesetzen konnte die ägyptische Regierung Demonstrationen verbieten und Verdächtige ohne Anklage inhaftieren. Obwohl die Regelungen zunächst nur für ein Jahr gelten sollten, regierte Mubarak per Notstandsgesetzgebung bis zu seinem Sturz im Februar 2011.


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