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Bilder in Geschichte und Politik
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Historische Plakate |
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| Michael Sauer |
Analysemöglichkeiten
Weil "Botschaft" und Darstellungsmittel funktional miteinander verbunden sind, muss die Analyse von Plakaten stets beides berücksichtigen und aufeinander beziehen. Die Untersuchung der tatsächlichen Intentionen und Wirkungen von Plakaten ist allerdings nur im Ausnahmefall möglich. So fehlen meist genaue Angaben über die Auflagenhöhe und die Verbreitung eines Plakats: Hing es an jeder Wand im ganzen Land, war es nur lokal verbreitet oder blieb es gar nur Entwurf? Je nach dem war es um die Wirkungsmöglichkeiten sehr unterschiedlich bestellt. Wollen wir wissen, wie Menschen Plakate tatsächlich wahrgenommen und was diese in ihnen bewegt haben, so sind wir auf geeignete Selbstzeugnisse angewiesen, etwa einschlägige Äußerungen in Tagebüchern oder Briefen. Weil sie allenfalls vereinzelt vorliegen, muss man sich in aller Regel auf die Untersuchung der intendierten Wirkung beschränken.
Aber auch diese ist nur begrenzt möglich. Denn nur selten sind explizite Äußerungen darüber überliefert, was Auftraggeber oder Künstler mit einem Plakat bewirken wollten. Kurzum: In der Regel wird sich die Untersuchung auf die Darstellung selber konzentrieren und intendierte wie tatsächliche Wirkungen aus ihr zu erschließen versuchen. Dass dabei historisches Kontextwissen erforderlich ist, versteht sich von selbst.
Außer der Analyse einzelner Plakate kann auch der Vergleich mehrerer zu interessanten historischen Einsichten führen. Die querschnitthafte Gegenüberstellung von Plakaten, die verschiedene Parteien oder Bewegungen anlässlich von Wahlen oder in Umbruchsituationen angefertigt haben, erhellt schlaglichtartig das Spektrum der zeitgenössischen politischen Positionen und lässt die jeweiligen Ziele, Gegner und Adressaten erkennbar werden. Solche kontrastiven Vergleiche sind besonders ergiebig für die Endphase der Weimarer Republik und die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Man kann aber auch anhand von Plakaten die Entwicklung einer Partei, einer Bewegung oder Ideologie im Längsschnitt verfolgen. Nicht nur Konstanz oder Wandel der Programmatik, sondern auch die gegebenenfalls zeittypische Veränderung der Darstellungsmittel wird daran deutlich.
Eine andere Möglichkeit, Gegensätze zu akzentuieren, ist die Untersuchung der jeweiligen Feindbilder, wie sie etwa die Kriegsgegner im Ersten und Zweiten Weltkrieg mit Hilfe von Plakaten gezeichnet haben – es geht um die Verfestigung bestimmter Stereotype und ihre propagandistische Inszenierung. Ähnliches lässt sich wiederum auch im Längsschnitt verfolgen: Wenn man die Darstellungen des Bolschewismus oder "des Bolschewiken" von der Weimarer Zeit bis in die Bundesrepublik – oder umgekehrt die "des Kapitalisten" in den sozialistischen Staaten und über den kommunistischen Parteien – verfolgt, tritt die Variation einer stets ziemlich gleichbleibend angelegten Motivik zutage. Auch eine thematisch ausgerichtete Längsschnittbildung ist möglich: Themen wie der Erste Mai, Frauen oder Frieden im Spiegel des Plakats.
Einzelbeispiele
Um die Anwendung plakattypischer Darstellungsmittel zu verdeutlichen, seien einige Plakate exemplarisch genauer betrachtet. Als Beispiele für politische Plakate sollen zwei Wahlplakate aus der Weimarer Zeit dienen. Das Plakat der DNVP stammt aus dem Wahlkampf zur Reichstagswahl am 31. Juli 1932. Es bietet eine Positivfigur und ein Feindbild zugleich. Im Mittelpunkt des Bildes steht Hindenburg. Die rechte Hand hat er erhoben, eine beruhigende, fast segnende Gebärde. Wie ein Denkmal ragt der Reichspräsident über einer tumultartigen Szene auf. Sie stellt den Reichstag dar: Die Abgeordneten fuchteln erregt mit den Armen, der Reichstagspräsident versucht offenbar vergeblich, mit seiner Glocke die Ruhe wieder herzustellen. Ein klassisches Stereotyp von Rechts (und Links): das Parlament als undisziplinierter Haufen, als "Schwatzbude". Der schwarz-weißen Zeichnung ist plakativ die kräftige rote Schrift gegenüber gestellt, bezeichnenderweise Fraktur.
Die Botschaft ist vor dem Hintergrund der politischen Situation eindeutig. Seit Anfang Juni regiert Franz von Papen als Reichskanzler ohne parlamentarische Mehrheit allein mit Unterstützung der DNVP. Eine parlamentarische Mehrheit für von Papen steht bei der Wahl nicht zu erwarten. Nach Artikel 54 der Weimarer Verfassung ist die Regierung vom Vertrauen des Parlaments abhängig: "Der Reichskanzler und auf seinen Vorschlag die Reichsminister bedürfen zu ihrer Amtsführung des Vertrauens des Reichstages. Jeder von ihnen muss zurücktreten, wenn ihm der Reichstag durch ausdrücklichen Beschluss sein Vertrauen entzieht." Dieses Recht will die DNVP zugunsten des Reichspräsidenten beseitigen, deshalb die Diffamierung des Reichstags und die Stilisierung Hindenburgs. Interessant ist, wie hier der Begriff "Alleinherrschaft" propagandistisch umgedeutet wird für einen Angriff auf die parlamentarische Verfassung.
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Stereoytp des Arbeiters auf einem KPD-Plakat von 1932
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Mit ganz ähnlichen bildlichen Versatzstücken arbeitet das Plakat der KPD aus demselben Wahlkampf. Um einen Tisch sind führende rechte Politiker versammelt. Dargestellt ist offenbar von Papen – mittig in der Position des Vorsitzenden – mit seinem Kabinett. Aber auch Hitler sitzt mit am Tisch (drei Plätze weiter links). Drei Personen sind mit Stahlhelm, Pickelhaube und Militärmütze als Angehörige der Reichswehr oder militärischer Verbände gekennzeichnet. Die anderen Herren sieht man nur von hinten; ganz offenkundig handelt es sich um Vertreter der Wirtschaft, an Zylindern und feisten Nacken als "Kapitalisten" erkennbar. An diesem Tisch, das wird suggeriert, kungeln die Mächtigen miteinander. So stellt sich aus der Perspektive der KPD das "System" dar, das es zu beseitigen gilt.
Die Partei selber ist als mächtige rote Gestalt ins Bild gesetzt, nicht als individuelle Person wie bei Hindenburg, sondern als Typus des Arbeiters. Die einschlägigen Accessoires sind Schiebermütze, offene Jacke, Hose mit Gürtel (statt Hosenträgern), Hemd ohne Kragen. Sein Gesichtsausdruck ist grimmig entschlossen. Gespreizte Beine und ausgestreckter Arm signalisieren Dynamik: gleich wird seine Faust auf die Tischgesellschaft niedersausen. Wie beim DNVP-Plakat wird hier also sowohl ein Feindbild wie eine Identifikationsfigur geboten, beides als Stereotyp.
06. Februar 2007 |
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