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Dossier Bioethik

Tierethik

Elisabeth Hildt
Tierversuche, Massentierhaltung und das Töten von Tieren für menschliche Zwecke haben die Frage nach einem adäquaten Umgang mit Tieren in den Fokus gerückt. Denn: Tiere sind zwar keine moralischen Akteure, aber durchaus Adressaten von Moral. Ihr Wohlbefinden ist bei menschlichem Handeln zu berücksichtigen.

Tiertransport
Tiertransport. Foto: AP
Die Tierethik stellt einen recht jungen Teilbereich anwendungsbezogener Ethik dar, in dem Fragen nach dem richtigen Handeln gegenüber Tieren und die philosophisch-ethische Basis des Tierschutzes reflektiert werden.

Während Ethik traditionellerweise den Bereich ihrer Anwendung im Wesentlichen auf den Menschen begrenzt, wird von Vertretern tierethischer Positionen der moralische Status von Tieren und deren Schutzwürdigkeit betont.

Tierversuche, Massentierhaltung und das Töten von Tieren für menschliche Zwecke haben die Frage nach einem adäquaten Umgang mit Tieren in den Fokus gerückt. Zudem stellen sich im Zusammenhang der Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten, welche sowohl in der direkten Folge menschlichen Handelns (wie bspw. bei Überjagung) als auch in der indirekten Folge von Umweltverschmutzung, Vernichten von Lebensräumen etc. stehen kann, vielfältige grundlegende Fragen.

So stellt denn auch das deutsche Tierschutzgesetz die Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf in den Vordergrund, wenn es im ersten Abschnitt heißt: §1 "Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen."

Zur Person
PD Dr. Elisabeth Hildt
geboren 1966, studierte Biochemie in Tübingen. Von 1992 bis 1995 war sie Stipendiatin des Graduiertenkollegs "Ethik in den Wissenschaften". 2005 folgte die Habilitation "Ethik in den Lebenswissenschaften". Privatdozentin am Lehrstuhl für Ethik in den Biowissenschaften der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Während sich einer anthropozentrischen Sichtweise zufolge der Anwendungsbereich der Ethik auf den Menschen beschränkt und demzufolge nur der Mensch als Träger moralischer Rechte und Pflichten angesehen wird, betonen tierethische Positionen den moralischen Status von Tieren. Vor diesem Hintergrund wird für einen Schutz der Tiere nicht aufgrund der Vorteile, die Menschen an einem solchen Schutz haben, plädiert, sondern für einen Schutz der Tiere um ihrer selbst willen. Dies erscheint insbesondere angesichts der biologischen Verwandtschaft zwischen Mensch und nicht-menschlichen Tieren, angesichts von Schmerz- und Leidensfähigkeit von Tieren sowie angesichts der zunehmenden Kenntnisse über bei höheren Tieren vorhandene Leistungen und Fähigkeiten in den Bereichen Kognition, Bewusstsein und Sprache angemessen.

Tiere sind zwar keine moralischen Akteure (moral agents), keine Personen in dem Sinne, dass sie in der Lage wären, moralisch zu handeln. Eine Zuschreibung von Schuld und Verantwortung an Tiere ist daher nicht sinnvoll. Jedoch sind Tiere durchaus Adressaten von Moral (moral patients) in dem Sinne, dass ihr Wohlbefinden bei menschlichem Handeln zu berücksichtigen ist.

Die verschiedenen theoretischen Ansätze in der Tierethik unterscheiden sich nun danach, aufgrund welcher Eigenschaften Tieren Schutzwürdigkeit zugeschrieben wird. Albert Schweitzer formulierte in seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben den Grundsatz: "Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das auch leben will", und plädierte so für einen Schutz alles Lebendigen (Schweitzer 1990, S. 330). Für Tom Regan steht der Eigenwert des jeweiligen Individuums im Vordergrund: Dieser Position zufolge ist ein (höher entwickeltes) Tier ein empfindendes Subjekt eines individuellen Lebens, ihm kommt daher Eigenwert zu. Für viele Positionen spielt die Empfindungsfähigkeit von Tieren, vor allem deren Leidensfähigkeit, eine große Rolle.

Utilitaristische Positionen, welche auf das Verringern von Leiden bzw. das Vermehren von Glück ausgerichtet sind, stellen in diesem Zusammenhang Wohlergehen und Interessenerfüllung in den Vordergrund. Wie insbesondere Peter Singer argumentiert, darf die Berücksichtigung von Wohlergehen und Interessen jedoch nicht auf Angehörige der Spezies Mensch beschränkt werden, vielmehr sind demnach auch Wohlergehen und Interessen von Tieren gleichermaßen zu berücksichtigen. Diese Form der Kritik an einer aufgrund der Spezies-Zugehörigkeit bedingten Ungleichbehandlung und einer vorrangigen Berücksichtigung menschlicher Interessen wird häufig als Speziesismus-Vorwurf bezeichnet.

Basierend auf der Leidensfähigkeit von Tieren wurde jedoch auch vor dem Hintergrund einer Mitleidsmoral zugunsten einer Förderung des Wohlbefindens von Tieren argumentiert, vgl. der von Ursula Wolf vertretene tierethische Ansatz.

Literatur

Engels, E.-M. (Hrsg.): Biologie und Ethik, Philipp Reclam: Stuttgart, 1999.

Nida-Rümelin, J. (Hrsg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung, Alfred Kröner Verlag: Stuttgart, 1996.

Schweitzer, A.: Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, in ders.: Kultur und Ethik, C.H. Beck Verlag: München, 1990, S. 328-353.

Wolf, J.-C.: Tierethik. Neue Perspektiven für Menschen und Tiere, Harald Fischer Verlag: Erlangen, 2. Auflage 2005.

Wolf, U.: Das Tier in der Moral, Vittorio Klostermann: Frankfurt/M., 2. Auflage 2004.


08. Dezember 2008


 
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