Rechtsextreme Demonstranten bei einem Neonazi-Aufmarsch in Berlin am 1. Mai 2010.
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Engagement – lohnt das denn?

Was nützen eigentlich Rezepte gegen Rechtsextremismus?


3.8.2007
Was hilft gegen Rechtsextremismus? Schlaue Handbücher gibt es viele, markige Einfälle auch. Doch so lange die Mitte der Gesellschaft Engagement und Einmischung nicht als ihre Aufgaben betrachtet, haben Rechtsextreme leichtes Spiel.

Gesehen in Schwerin. Foto: KulickGesehen in Schwerin. Foto: (© H. Kulick)

Es gibt viele Arten, sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu engagieren. Drei kurze Beispiele: Schüler können ihre Schulen zu "Schule ohne Rassismus" erklären. Dazu müssen sie dafür sorgen, dass mehr als 70 Prozent ihrer Mitschüler eine Selbstverpflichtung unterschreiben, aktiv gegen Rassismus zu sein. Immerhin 375 Schulen tragen diese Auszeichnung schon bundesweit und die Warteliste bei der Berliner Koordinierungsstelle der Aktion ist lang. Auch Arbeitnehmer können sich in ihren Betrieben gegen Rechtsextremismus und Rassismus wehren. "Mach meinen Kumpel nicht an'' heißt ein initiativreicher Verein in Düsseldorf, dem Vertreter aus dem DGB und von ver.di angehören. Und in Schwerin ist der Sitz einer Gewerkschaftsjugendinitiative, die sich www.rechtsweg-ausgeschlossen.de nennt und ''Konzerte gegen Rechts'', Workshops und Diskussionen an Berufsschulen zum Thema organisiert. Drei Beispiele unter vielen? Oder viel zu wenig?

Aufgeklärt und getan wird keineswegs wenig gegen Rechtsextremismus – auch von Einzelpersonen. Da vertreibt ein Braunschweiger Kleinunternehmer T-Shirts mit dem pfiffigen Aufdruck "Braun-schweig!" im www.braun-schweig.de/onlineshop oder eine Berliner Schneiderin vertreibt kurze Röcke mit der Aufschrift: ''Rock gegen Rechts", um Flagge zu zeigen. In Verden schafften Schülersprecher für ihre Schulen braune Mülltonnen an, damit Schüler Neonazipropaganda gleich versenken können, wenn sie vor ihrem Schultor verteilt wird. Und in Pößneck druckte eine Bürgerinitiative kleine gelben Aufkleber, die auf Plakate und Buttons rechtsextremer Gruppen und Parteien gepappt wird. Die Aufschrift: ''Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie ein Geschichtsbuch oder fragen Sie Ihre Großeltern". Auch der Erfindergeist ist also groß, doch ganz ehrlich: Wie viele trauen sich ein T-Shirt in der Öffentlichkeit zu tragen, auf dem steht: ''Schöner leben ohne Nazis'' oder ''Mut-gegen-rechte-Gewalt''?

Wie man effektiv mutig sein kann, sich verhalten kann, wenn man Zeuge rassistischer Übergriffe wird, das wird kostenlos von Polizeidienststellen unterrichtet – "verhaltensorientierte Prävention" heißt das beispielsweise in Berlin im Fachjargon. Dass man nicht unbedacht dazwischen gehen soll, wenn einer verprügelt wird, sondern Aufgaben an Schaulustige drumherum verteilen soll, wird da gelehrt, möglichst mit direkter Ansprache: "Hallo Sie im roten Pullover, bitte rufen Sie die Polizei, hallo Sie im gelben Hemd, holen Sie den Zugführer, und Sie mit der Brille, bitte helfen Sie mir...". Doch wie viele helfen wirklich, wenn es darauf ankommt? Die meisten gucken dann doch lieber weg oder schauen betreten zu Boden, damit der hilfesuchende Blick des Opfers den ihren nicht kreuzt.

Auch Trainingskurse gibt es inzwischen, wo man lernen kann, wie man rechtsextremen Störtrupps entgegentreten kann, die sich anheischen, öffentliche Veranstaltungen zu stören um ihre ''Wortergreifungsstrategie'' zu trainieren. Genauso gibt es für den, der danach sucht, eine ganze Reihe von Ratgebern, wie man rechte Stammtischparolen entschärfen kann, zum Beispiel, indem man rechtsextreme Sprücheklopfer um konkrete Beispielen für ihre pauschalen Thesen bittet und in Nachfragen verstrickt. Solches Argumentationstraining kann man lernen, könnte man lernen, vieles weiß man eigentlich auch. Zum Beispiel, dass die meisten Ausländer in Deutschland auch solidarische Steuerzahler sind, und in ihrer Mehrheit keine Sozialschmarotzer, wie das Neonazis gern behaupten. Oder dass die ominösen "Protokolle der Weisen von Zion", worauf Neonazis gerne ihre antisemitischen Vorurteile stützen, eine russische Geheimdiensterfindung aus der Zeit Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren. Doch wer traut sich, wenn es drauf ankommt, wirklich Contra zu geben?

Sicher, im Kollektiv fällt das leichter, als allein auf weiter Flur. Immer üblicher wird es in Städten und Gemeinden, dass sich Bündnisse gegen Rechtsextremismus zusammentun, um gegen Neonaziaufmärsche zu demonstrieren, sei es in Rüsselsheim, Waiblingen, Cottbus oder auch nur in einem Fußballstadion, indem man die 'Rote Karte gegen Rassismus" zeigt. Aber solche DFB-Aktionen oder Bürgerbündnisse, solche kleinen und großen ''Aufstände der Anständigen" bleiben oft nur singuläre Ereignisse, um Gewissen zu beruhigen: Einmal im Jahr, vielleicht zweimal wird gemeinsam demonstrativ aufgestanden gegen Rechtsextremismus. Aber danach, im Alltag? Wird sich wieder gesetzt. Statt einer Haltung, wird nur Symbolik gezeigt. Schade.

Sicherlich: In Zukunft wird Engagement breiter werden, je mehr Aufklärung es über Neonazis gibt – und je mehr Rückendeckung es ''von oben" gibt. In diesem Bewusstsein hat Bundesinnenminister Schäuble Mitte Juli an Feuerwehren, THW, DLRG und Sozialverbände appelliert, entschlossener gegen Neonazis Partei zu ergreifen. "Wir verstehen uns als Vorbilder für die uns anvertrauten jungen Menschen. Wir leben Zivilcourage und Engagement vor und motivieren zu Demokratie und gesellschaftlicher Verantwortung. Deshalb hat Rechtsextremismus keinen Platz bei uns", heißt es da in einer gemeinsamen Selbstverpflichtung von Innenministern, Ministern und Verbändevorsitzenden ( Die große Mitte ist gefragt). Auf diese Weise Rechtsextremismus als Gefahr beim Namen zu nennen ohne im gleichen Atemzug vor Linksextremismus zu warnen, ist für Unionspolitiker ein Quantensprung.

Aufkleber der Aktion Courage im thüringischen Pößneck (www.abc-poessneck.de). Foto: KulickAufkleber der Aktion Courage im thüringischen Pößneck (www.abc-poessneck.de). (© H. Kulick)
Auch Bundeskanzlerin Merkel appelliert neuerdings in diesem Sinne: "Wir müssen uns einmischen, ganz egal, wo wir stehen" - zuletzt in einem Interview mit der jüdischen Fachzeitschrift Tribüne: ''Rechtsradikalismus und Extremismus muss man bekämpfen, indem man es von den Wurzeln her tut und nicht an den Blättern'', fordert die Kanzlerin. Dafür sei eine "mutige Gesellschaft" gefragt: "Das erfordert ebenso die Zivilcourage von ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern wie auch den Einsatz jener, die in unserem Land Verantwortung tragen". Ein schöner Satz, der aber zugleich deutlicht macht, dass genau dies noch viel zu selten passiert. Oder zu halbherzig. Dabei wird aber auch übersehen, dass "von ganz normalen Bürgerinnen und Bürgern" und jenen, die Verantwortung tragen, nicht nur Zivilcourage erforderlich ist, sondern zusätzlich die Einsicht, dass auch für die ''ganz normalen Bürgerinnen und Bürger" eine echte Demokratie, zu der auch explizit Minderheiten gehören, das bessere System ist. Die gefühlte Rückendeckung von Rechtsextremen hat nämlich auch damit zu tun, dass sie glauben, Demokratiefeindlichkeit sei weit verbreitet - weil es offensive Demokratieverteidiger kaum gibt.

Aber auch dort, wo engagierte Personen aktiv sind, wo ''Rezeptbücher" angewendet und Appelle ausgesprochen werden, ist Rechtsextremismus nicht automatisch am Ende. Für viele Engagierte ist das ein großes Frustphänomen, dass rechtsextreme Gewalt sogar wieder zunimmt und die Zahl von Mitgliedern in der NPD weiter wächst. Obwohl die gesellschaftliche Aufklärung zugenommen hat. Oder wird durch sie nur sichtbarer, was eh vorhanden ist, wenn man endlich offen darüber spricht?


 

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