Politische Partizipation von Frauen
Mit der Wiedervereinigung kam es zu einem Anstieg politischer Partizipation von Männern und Frauen. Während im Westen der gender gap bei einigen Formen der Beteiligung noch immer existiert, fallen die Unterschiede im Osten traditionell geringer aus.
Abstimmung im Europäischen Parlament in Straßburg: Der Frauenanteil unter deutschen Abgeordneten hier liegt seit 1989 bei mehr als einem Drittel. (© AP)1. Gibt es ein Beteiligungsgefälle zwischen den Geschlechtern?
Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen ab 1953 nach Geschlecht. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)Und auch in der ehemaligen DDR hatten (entgegen offiziellen Verlautbahrungen und vielleicht auch entgegen der Selbstwahrnehmung ihrer Bürger) weitgehende Defizite hinsichtlich der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen fortbestanden. Für die DDR der 1980er Jahre und zu Beginn der Wiedervereinigung wurde aber zumindest für einige Bereiche des gesellschaftlichen Lebens (z. B. bestimmte Positionseliten, Arbeitsmarkt) dennoch ein gewisser "Modernisierungsvorsprung" im Hinblick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter diagnostiziert (Geißler 1992).
Hat sich jener Modernisierungsvorsprung in Ostdeutschland nach 1990 dauerhaft halten können bzw. ist er auch in der politischen Beteiligung sichtbar? Die Analyse politischer Partizipation bietet einen Ansatzpunkt, die Erfüllung von Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Realität zu überprüfen. Im Folgenden geht es daher unter anderem um die Frage, in welchem Ausmaß sich Frauen politisch beteiligen und dadurch die gesellschaftliche Öffentlichkeit aktiv mitgestalten. Darüber hinaus werden Art und Ausmaß weiblicher Beteiligung mit den Vergleichsdaten des männlichen Teils der Bevölkerung in Beziehung gesetzt: Gibt es ein geschlechtsspezifisches Gefälle (gender gap) in der politischen Partizipation? Und hat sich die Wiedervereinigung samt der nachfolgenden Entwicklungen auf die politische Partizipation von Frauen und auf jenes Gefälle ausgewirkt?
2. Die Wahlbeteiligung als Indikator
Wahlbeteiligung bei den Europawahlen nach Geschlecht. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)3. Ungleich verteiltes Interesse an Politik
Politisches Interesse nach Geschlecht und Erhebungsgebiet. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)
Mittelwerte der Geschlechtsrollenorientierung. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)
Frauen im Europaparlament zu Beginn jeder Wahlperiode. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (© bpb)4. Nur unterdurchschnittlich beteiligt – der Frauenanteil am politischen Personal
Die Wahlbeteiligung der Bürger wie auch ihr bekundetes politisches Interesse stellt nur eine Variante institutionalisierter politischer Partizipation dar. Etwas anderes ist es, als Bürger selbst beteiligt zu sein, also im Personalkörper der Politik repräsentiert zu sein (oder eben auch nicht). Ein Gradmesser hierfür ist die "einfache" Mitgliedschaft in einer Partei oder die höherrangige Zugehörigkeit zur politischen Delegationselite, also die Mitgliedschaft bzw. Übernahme von Ämtern und Funktionen in gewählten parlamentarischen Vertretungskörperschaften. Bis Ende der 1960er Jahre lag in der Bundesrepublik der Anteil an weiblichen Mitgliedern in den politischen Parteien weit unter 20 Prozent (Hoecker 1998, S. 66-68). Im Zuge der Politisierung in den 1970er Jahren stiegen in Westdeutschland die Zahlen weiblicher Parteimitglieder erheblich an. In der DDR waren 1989 ca. 36,5 Prozent aller Parteimitglieder Frauen. Im wiedervereinten Deutschland stellen Frauen im Jahre 2008 dennoch lediglich ein gutes Viertel aller deutschen Parteimitglieder. Den höchsten Frauenanteil weisen kleinere Parteien auf, so Bündnis 90/Die Grünen mit 37,4 Prozent und die PDS bzw. Die Linke mit 37,3 Prozent; den niedrigsten Frauenanteil hat die CSU in Bayern mit 18,9 Prozent (Dossier Parteien der bpb). Der Anteil an weiblichen Parlamentsmitgliedern ist auf Europa-, Bundes- wie Landesebene inzwischen deutlich gestiegen. Während der Frauenanteil unter deutschen Abgeordneten im Europäischen Parlament 1979 nur ca. 15 Prozent betrug (12 Frauen von 81 Abgeordneten), erreichte er 1989 schon mehr als ein Drittel (25 Frauen von 81 Abgeordneten) und blieb bis einschließlich 2009 (37 Frauen von 99 Abgeordneten) in etwa konstant (vgl. Abbildung "Frauen im Europaparlament zu Beginn jeder Wahlperiode"). Im europäischen Vergleich: 2008 war die Hälfte der MdEP aus Estland, Luxemburg und Slowenien weiblichen Geschlechts; bei den Abgeordneten aus Frankreich, den Niederlanden und Schweden war es fast die Hälfte; dagegen entsandten Zypern und Malta keine weiblichen Abgeordneten in das Europäische Parlament (Pressemappe des Europäischen Parlaments zur Europawahl 2009, S. 24).
Der Frauenanteil im Deutschen Bundestag lag seit der ersten Wahlperiode 1949-53 bis zur 10. Wahlperiode 1983-87 generell unter 10 Prozent. Von 15,4 Prozent nach den Wahlen 1987 stieg er 1990 bei den ersten gesamtdeutschen Wahlen auf 20,5 Prozent an. Nachdem der Anteil weiblicher MdB 1994 auf ein gutes Viertel weiter angewachsen war, liegt er seit 1998 bei einem knappen Drittel (vgl. Tabelle "Frauen im Bundestag bei den Wahlen nach Fraktion"). Den geringsten Frauenanteil weist die Bundestagsfraktion der CSU und CDU mit 9,8 Prozent bzw. 14,6 Prozent im Jahre 1990 und 13,3 Prozent bzw. 21,6 Prozent im Jahre 2009 auf. Die höchsten Frauenanteile finden sich in den Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen mit 37,5 Prozent bzw. 54,4 Prozent und der PDS/Die Linke mit 47,1 Prozent bzw. 52,6 Prozent in den Jahren 1990 und 2009.
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