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Grundlagen

Die Marginalisierung städtischer Quartiere in Deutschland

Was sind und wie entstehen "Problemviertel"? Markus Ottersbach skizziert theoretische Überlegungen zur Entstehung marginalisierter Stadtviertel und Entwicklungsszenarien der Quartiersentwicklung.

Die Marginalisierung städtischer Quartiere in Deutschland als theoretische und praktische Herausforderung


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Auszug aus:
Städtepolitik, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 28/2003)
Ottersbach, Markus
Inhalt
Marginalisierte Quartiere in der stadtsoziologischen Diskussion
Theoretische Überlegungen zur Marginalisierung städtischer Quartiere
Zur Entstehung marginalisierter Quartiere
Zwei Entwicklungsszenarien für marginalisierte Quartiere
Schlussfolgerungen und Perspektiven
Marginalisierte Quartiere in der stadtsoziologischen Diskussion

Im Zuge der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaften und der Wissenschaften nahm auch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg das Interesse der Soziologinnen und Soziologen zu, sich explizit mit dem Thema "Stadt" auseinander zu setzen. Insbesondere mit dem Aufkommen der Lebensstilforschung in den achtziger Jahren und der Diskussion um die Zukunft der "Sozialen Stadt" seit Anfang der neunziger Jahre[1] kam es zu einem regelrechten Boom innerhalb der Soziologie, sich mit dem Phänomen der Entwicklung der Städte und deren Auswirkungen zu befassen. So entwickelte sich auch in der Bundesrepublik eine weitere eigenständige Disziplin innerhalb der Soziologie: die Stadtsoziologie.




Zur Person
Markus Ottersbach
Dr. paed. habil., geb. 1962; Privatdozent und Lehrbeauftragter für Soziologie am Seminar für Sozialwissenschaften der Universität zu Köln.
Anschrift: Universität zu Köln, Seminar für Sozialwissenschaften, Gronewaldstr. 2, 50931 Köln.
E-Mail: Markus.Ottersbach_ezw@uni-koeln.de

Veröffentlichungen u.a.: (Hrsg. zus. mit Helmut Karpe und Erol Yildiz) Urbane Quartiere zwischen Zerfall und Erneuerung, Köln 2001; Außerparlamentarische Demokratie. Die neuen Bürgerbewegungen als Herausforderung an die Demokratie, Frankfurt/M. - New York 2003.


Allerdings hatten sich schon lange Zeit zuvor namhafte Soziologen mit städtischen Phänomenen beschäftigt, etwa Max Weber, der die Stadt als bedeutenden Träger der Rationalität und somit als Motor der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gesehen hat. Auch für Karl Marx spielte die Stadt als Versammlungsort des Proletariats und als Ort der Entstehung der Revolution eine wichtige Rolle. Georg Simmel maß dieser eine große Bedeutung in Bezug auf die Entwicklung sozialer Beziehungen bei. Für alle Autoren stand jedoch die Gesellschaftstheorie im Vordergrund, in der die Stadt allerdings eine zentrale Rolle einnahm und zwar als Ursache wie als Wirkung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Es ist m.E. nach wie vor wichtig, die Stadtsoziologie in eine Theorie der Gesellschaft einzubetten.

Betrachtet man die deutschsprachigen stadtsoziologischen Diskussionen der vergangenen Jahre, so erkennt man zwei Grundpositionen:

Die VertreterInnen der ersten Position sehen eine negative Entwicklung der Städte:

- Das Ende der zivilisierten Stadt sei in Sicht;[2]

- die Stadt sei von einer Krise erfasst[3] bzw. die "Integrationsmaschine" Stadt funktioniere nicht mehr[4] oder

- die Stadt sei durch den fortgeschrittenen Kapitalismus zweckentfremdet.[5]

Die VertreterInnen der zweiten Position relativieren das Bild von bzw. die Kritik an der fehlenden Integrationskraft der Städte:

- Ungleichheit und Konflikte seien nicht der Stadt, sondern gesamtgesellschaftlichen Entscheidungen geschuldet;[6]

- das zivilgesellschaftliche Potenzial der europäischen Städte sei relativ hoch[7] oder

- die Ressourcen der Menschen zur Verbesserung der Situation in marginalisierten Quartieren würden unterschätzt.[8]

Welches dieser Szenarien ist - empirisch gesehen - haltbar?

Fragt man die Betroffenen - die Menschen in den Städten - gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die sich aufgrund des vielfältigen Angebots an Arbeit, Wohnungen, Freizeitgestaltung, Verkehrsanbindung und sozialen und kulturellen Einrichtungen in Städten nach wie vor wohl fühlen, auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, die ihre Quartiere - gemeint sind die Wohnviertel, Stadtbezirke, der jeweilige Kiez - am liebsten sofort verlassen würden.

Bei der Analyse wird deutlich, dass es sich um eine Krise handelt, die in erster Linie bestimmte Quartiere in bestimmten Städten betrifft. Dabei konzentrieren sich die Krisen vor allem in den im Zuge der Industrialisierung stark gewachsenen Städten, den heutigen Großstädten. Aber auch unter den Großstädten gibt es enorme Differenzen z.B. zwischen den ostdeutschen Städten, den Städten des Ruhrgebiets oder süddeutschen Städten wie Stuttgart oder München. Insgesamt ist die Situation in der Bundesrepublik gegenüber den amerikanischen Ghettos oder den französischen "banlieues" jedoch weitaus weniger brenzlig, auch wenn soziale Segregation und Polarisierung in jüngster Zeit in deutschen Städten zunehmen.[9]

Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es wichtig, dass die soziologische Stadtforschung - will sie der Komplexität der Entwicklung der Städte gerecht werden - nicht nur Probleme, sondern auch Stärken der Städte und ihrer BewohnerInnen aufzeigt. Auf der Seite der Schwierigkeiten der Stadtentwicklung fehlt die Betrachtung der Stigmatisierung marginalisierter Quartiere, etwa durch medial aufbereitete wissenschaftliche Analysen oder durch politische Stellungnahmen und Verlautbarungen, können doch durch solche negativen "Bilder" bereits positiv verlaufende Veränderungsprozesse beeinträchtigt oder gar blockiert werden. Auf der Seite der Stärken müssten die Möglichkeiten einer positiven Quartiersentwicklung und die Ressourcen der BewohnerInnen stärker hervorgehoben werden. Dadurch wird erstens ersichtlich, dass die negative Entwicklung durchaus veränderbar ist; zweitens kann man ablesen, welche Maßnahmen erforderlich sind, um die Situation in den Quartieren zu verbessern.



Auszug aus:
Städtepolitik, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 28/2003)



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