Allerdings hatten sich schon lange Zeit zuvor namhafte Soziologen mit städtischen Phänomenen beschäftigt, etwa Max Weber, der die Stadt als bedeutenden Träger der Rationalität und somit als Motor der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gesehen hat. Auch für Karl Marx spielte die Stadt als Versammlungsort des Proletariats und als Ort der Entstehung der Revolution eine wichtige Rolle. Georg Simmel maß dieser eine große Bedeutung in Bezug auf die Entwicklung sozialer Beziehungen bei. Für alle Autoren stand jedoch die Gesellschaftstheorie im Vordergrund, in der die Stadt allerdings eine zentrale Rolle einnahm und zwar als Ursache wie als Wirkung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Es ist m.E. nach wie vor wichtig, die Stadtsoziologie in eine Theorie der Gesellschaft einzubetten.
Betrachtet man die deutschsprachigen stadtsoziologischen Diskussionen der vergangenen Jahre, so erkennt man zwei Grundpositionen:
Die VertreterInnen der ersten Position sehen eine negative Entwicklung der Städte:
- Das Ende der zivilisierten Stadt sei in Sicht;
- die Stadt sei von einer Krise erfasst bzw. die "Integrationsmaschine" Stadt funktioniere nicht mehr oder
- die Stadt sei durch den fortgeschrittenen Kapitalismus zweckentfremdet.
Die VertreterInnen der zweiten Position relativieren das Bild von bzw. die Kritik an der fehlenden Integrationskraft der Städte:
- Ungleichheit und Konflikte seien nicht der Stadt, sondern gesamtgesellschaftlichen Entscheidungen geschuldet;
- das zivilgesellschaftliche Potenzial der europäischen Städte sei relativ hoch oder
- die Ressourcen der Menschen zur Verbesserung der Situation in marginalisierten Quartieren würden unterschätzt.
Welches dieser Szenarien ist - empirisch gesehen - haltbar?
Fragt man die Betroffenen - die Menschen in den Städten - gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die sich aufgrund des vielfältigen Angebots an Arbeit, Wohnungen, Freizeitgestaltung, Verkehrsanbindung und sozialen und kulturellen Einrichtungen in Städten nach wie vor wohl fühlen, auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, die ihre Quartiere - gemeint sind die Wohnviertel, Stadtbezirke, der jeweilige Kiez - am liebsten sofort verlassen würden.
Bei der Analyse wird deutlich, dass es sich um eine Krise handelt, die in erster Linie bestimmte Quartiere in bestimmten Städten betrifft. Dabei konzentrieren sich die Krisen vor allem in den im Zuge der Industrialisierung stark gewachsenen Städten, den heutigen Großstädten. Aber auch unter den Großstädten gibt es enorme Differenzen z.B. zwischen den ostdeutschen Städten, den Städten des Ruhrgebiets oder süddeutschen Städten wie Stuttgart oder München. Insgesamt ist die Situation in der Bundesrepublik gegenüber den amerikanischen Ghettos oder den französischen "banlieues" jedoch weitaus weniger brenzlig, auch wenn soziale Segregation und Polarisierung in jüngster Zeit in deutschen Städten zunehmen.
Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es wichtig, dass die soziologische Stadtforschung - will sie der Komplexität der Entwicklung der Städte gerecht werden - nicht nur Probleme, sondern auch Stärken der Städte und ihrer BewohnerInnen aufzeigt. Auf der Seite der Schwierigkeiten der Stadtentwicklung fehlt die Betrachtung der Stigmatisierung marginalisierter Quartiere, etwa durch medial aufbereitete wissenschaftliche Analysen oder durch politische Stellungnahmen und Verlautbarungen, können doch durch solche negativen "Bilder" bereits positiv verlaufende Veränderungsprozesse beeinträchtigt oder gar blockiert werden. Auf der Seite der Stärken müssten die Möglichkeiten einer positiven Quartiersentwicklung und die Ressourcen der BewohnerInnen stärker hervorgehoben werden. Dadurch wird erstens ersichtlich, dass die negative Entwicklung durchaus veränderbar ist; zweitens kann man ablesen, welche Maßnahmen erforderlich sind, um die Situation in den Quartieren zu verbessern.