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Wald

Der Wald: ein Multitalent hat Probleme


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Heidi Tiefenthaler
Der deutsche Wald hat sich in den vergangenen Jahrhunderten stark verändert. Derzeit nimmt seine Fläche wieder zu, doch besteht ein Konflikt zwischen naturnaher und kostensenkender Bewirtschaftung.

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Foto: AP
Wald ist in Deutschland längst keine Urlandschaft mehr. Jahrhundertelange Bewirtschaftung hat ihn zur Kulturlandschaft werden lassen; zur "Produktionsfläche" für den umweltfreundlichen Rohstoff Holz. Daneben ist er noch artenreicher Lebensraum, riesiger Freizeitpark, Inbegriff der "unberührten Natur", Schutzschild gegen Lawinen und Erosion, Kohlenstoffspeicher sowie Luft- und Wasserfilter. Mit all diesen Aufgaben gerät auch ein Multitalent an seine Grenzen.

Während Deutschland ursprünglich fast flächendeckend mit Wald bewachsen war, ist mit 11,1 Millionen Hektar heute nur noch etwa ein Drittel der Landesfläche bewaldet. Doch der Wald wird wieder größer: seit 1960 um durchschnittlich 10.000 Hektar pro Jahr. Holzvorrat gibt es also reichlich – und auch dieser nimmt weiter zu: Mit 75 Millionen Kubikmetern Holzernte (2007) ist Deutschland zwar Spitzenreiter in Europa, nutzt damit aber nur gut 60 Prozent dessen, was jährlich in den Wäldern zuwächst.
Zur Person
Heidi Tiefenthaler
geb. 1969, hat in Göttingen Forstwirtschaft studiert und arbeitet als freie Journalistin und Redakteurin mit dem Schwerpunkt Umwelt und Nachhaltigkeit.

Naturnahe Waldwirtschaft

Das Prinzip Nachhaltigkeit – immerhin eine Erfindung der Forstwirtschaft – wird also, was die Menge des Holzes angeht, mehr als gewahrt. Doch spätestens seit das vermeintliche Waldsterben ganz Deutschland aufschreckte, steht der Begriff Nachhaltigkeit für mehr als nur Erhalt der Masse und Fläche. Auch Vielfalt und Naturnähe rückten wieder in den Fokus.

Deutschland hat in den vergangenen 150 Jahren einen großen Teil seiner natürlich vorkommenden Laub- und Mischwälder verloren. Monokulturen, bestehend aus Fichten und Kiefern, beide schnellwüchsig und anspruchslos, hatten sie verdrängt. Erst durch das großflächige Kränkeln des Waldes wurde klar, wie teuer die naturfernen und anfälligen Monokulturen die Gesellschaft zu stehen kommen. Seither findet man in den Waldgesetzen der Bundesländer den Begriff "naturnahe Waldwirtschaft".

Bei Aufbau und Pflege der Wälder setzen die Förster wieder auf mehr Natur. Der Mischwaldanteil ist seither auf über 70 Prozent gestiegen, man versucht mehr mit den natürlichen Prozessen und Dynamiken als gegen sie zu arbeiten. Das spart Zeit und Geld. Andererseits führt der Kosten- und Rationalisierungsdruck auch dazu, dass mehr und mehr Maschinen die Arbeit übernehmen. Große Erntemaschinen, so genannte Harvester, fällen Bäume in Sekunden; sie schneiden, messen, entrinden und stapeln das Holz oft in einem Arbeitsgang. Die in den Waldgesetzen vorgeschriebene "pflegliche Ernte" steht dabei in Konkurrenz mit Zeit- und Kostendruck, der wiederum durch die teuren Maschinen und den Einsatz von privaten Forstunternehmern entsteht.

Negative Entwicklungen

Hauptsächlich zwei Trends gefährden nach Meinung von Umweltorganisationen eine nachhaltige Entwicklung in den deutschen Wäldern. Zum einen haben die Umweltbelastungen seit den 1980er-Jahren weiter zugenommen, auch wenn dies in der Öffentlichkeit lange nicht mehr so stark wahrgenommen wird. So zerschneiden beispielsweise immer mehr Straßen und Siedlungen große, zusammenhängende Wälder. Außerdem machen Schadstoffe aus Industrie und Verkehr den Bäumen weiterhin zu schaffen. Ungelöst ist auch das Problem der hohen Wildbestände. Bisher gelang es gegen den Druck der Jagdlobby nicht, die Bestände so weit zu reduzieren, dass eine natürliche Verjüngung des Waldes ohne Schutzzäune überall möglich wäre. Relativ neu ist dagegen das Problem des Klimawandels. Ob und wie sich der Wald auf die sich ändernden Bedingungen einstellen kann, bleibt fraglich.

Insgesamt hat in den letzten Jahrzehnten der Stress für die Wälder also zugenommen. Hinzu kommt, dass die Forstwirtschaft ökonomisch schwierige Jahre hinter sich hat. Die Preise auf dem Rohholzmarkt waren durch eine regelrechte Holzschwemme lange Zeit im freien Fall. Das lag an den großen Stürmen, dem liberalisierten internationalen Holzmarkt und billigem Holz aus Raubbau, das – vor allem aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion – auf den Markt drückt. So schrieb ein Großteil der Forstbetriebe rote Zahlen, was in den staatlichen Verwaltungen zu gravierenden Reformen führte.

In Bayern etwa wurde das bisherige System der staatlichen Forstbehörden aufgelöst. Der Staatswald wird nun – ähnlich wie in Österreich – von einer eigenständigen Anstalt des öffentlichen Rechts nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen bewirtschaftet. Die Forstämter sind jetzt den Landwirtschaftsämtern angegliedert, die Beratung der privaten Waldbesitzer hat man zurückgefahren und damit Kosten und Personal gespart.

Umweltorganisationen und auch der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) befürchten, dass mit den Reformen der Umbau hin zu naturnahen Wäldern vernachlässigt wird, weil sich die Forstwirtschaft stärker an der Rentabilität orientiert. Die so genannten Wohlfahrtswirkungen – etwa saubere Luft – wurden der Gesellschaft lange Zeit vermeintlich kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Ausgaben dafür flossen in die Bilanzen der Forstwirtschaft ein und verschlechterten ihr wirtschaftliches Ergebnis: Jahr für Jahr schlugen sie mit 25 Euro pro Hektar zu Buche.

Durch eine neue Aufteilung der Kosten und Erträge wie in Bayern werden die Kosten für die Gemeinwohlfunktionen transparenter, dadurch könnte auch eine Diskussion über die gesellschaftliche Akzeptanz leichter fallen.


30. März 2009

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