Erölraffinerie bei Usinsk, Russland.

30.3.2009 | Von:
Heidi Tiefenthaler

Der Wald: ein Multitalent hat Probleme

Der deutsche Wald hat sich in den vergangenen Jahrhunderten stark verändert. Derzeit nimmt seine Fläche wieder zu, doch besteht ein Konflikt zwischen naturnaher und kostensenkender Bewirtschaftung.

Ein Arbeiter kontrolliert auf einem Holzlagerplatz bei Ohrdruf Holzstämme. Am 31. März 2008 endet die Meldefrist für alle Branchen, die ins Entsendegesetz aufgenommen werden wollen, um auf diesem Wege verbindliche Lohnuntergrenzen festzulegen. Nach bisherigen Informationen ist die Resonanz weitaus geringer als erwartet. Zu den Branchen, die ihr Interesse bekundet haben, gehören auch die Forstdienstleister.Ein Arbeiter kontrolliert Holzstämme auf einem Holzlagerplatz. (© AP)

Wald ist in Deutschland längst keine Urlandschaft mehr. Jahrhundertelange Bewirtschaftung hat ihn zur Kulturlandschaft werden lassen; zur "Produktionsfläche" für den umweltfreundlichen Rohstoff Holz. Daneben ist er noch artenreicher Lebensraum, riesiger Freizeitpark, Inbegriff der "unberührten Natur", Schutzschild gegen Lawinen und Erosion, Kohlenstoffspeicher sowie Luft- und Wasserfilter. Mit all diesen Aufgaben gerät auch ein Multitalent an seine Grenzen.

Während Deutschland ursprünglich fast flächendeckend mit Wald bewachsen war, ist mit 11,1 Millionen Hektar heute nur noch etwa ein Drittel der Landesfläche bewaldet. Doch der Wald wird wieder größer: seit 1960 um durchschnittlich 10.000 Hektar pro Jahr. Holzvorrat gibt es also reichlich – und auch dieser nimmt weiter zu: Mit 75 Millionen Kubikmetern Holzernte (2007) ist Deutschland zwar Spitzenreiter in Europa, nutzt damit aber nur gut 60 Prozent dessen, was jährlich in den Wäldern zuwächst.


Naturnahe Waldwirtschaft

Das Prinzip Nachhaltigkeit – immerhin eine Erfindung der Forstwirtschaft – wird also, was die Menge des Holzes angeht, mehr als gewahrt. Doch spätestens seit das vermeintliche Waldsterben ganz Deutschland aufschreckte, steht der Begriff Nachhaltigkeit für mehr als nur Erhalt der Masse und Fläche. Auch Vielfalt und Naturnähe rückten wieder in den Fokus.

Deutschland hat in den vergangenen 150 Jahren einen großen Teil seiner natürlich vorkommenden Laub- und Mischwälder verloren. Monokulturen, bestehend aus Fichten und Kiefern, beide schnellwüchsig und anspruchslos, hatten sie verdrängt. Erst durch das großflächige Kränkeln des Waldes wurde klar, wie teuer die naturfernen und anfälligen Monokulturen die Gesellschaft zu stehen kommen. Seither findet man in den Waldgesetzen der Bundesländer den Begriff "naturnahe Waldwirtschaft".

Bei Aufbau und Pflege der Wälder setzen die Förster wieder auf mehr Natur. Der Mischwaldanteil ist seither auf über 70 Prozent gestiegen, man versucht mehr mit den natürlichen Prozessen und Dynamiken als gegen sie zu arbeiten. Das spart Zeit und Geld. Andererseits führt der Kosten- und Rationalisierungsdruck auch dazu, dass mehr und mehr Maschinen die Arbeit übernehmen. Große Erntemaschinen, so genannte Harvester, fällen Bäume in Sekunden; sie schneiden, messen, entrinden und stapeln das Holz oft in einem Arbeitsgang. Die in den Waldgesetzen vorgeschriebene "pflegliche Ernte" steht dabei in Konkurrenz mit Zeit- und Kostendruck, der wiederum durch die teuren Maschinen und den Einsatz von privaten Forstunternehmern entsteht.

Negative Entwicklungen

Hauptsächlich zwei Trends gefährden nach Meinung von Umweltorganisationen eine nachhaltige Entwicklung in den deutschen Wäldern. Zum einen haben die Umweltbelastungen seit den 1980er-Jahren weiter zugenommen, auch wenn dies in der Öffentlichkeit lange nicht mehr so stark wahrgenommen wird. So zerschneiden beispielsweise immer mehr Straßen und Siedlungen große, zusammenhängende Wälder. Außerdem machen Schadstoffe aus Industrie und Verkehr den Bäumen weiterhin zu schaffen. Ungelöst ist auch das Problem der hohen Wildbestände. Bisher gelang es gegen den Druck der Jagdlobby nicht, die Bestände so weit zu reduzieren, dass eine natürliche Verjüngung des Waldes ohne Schutzzäune überall möglich wäre. Relativ neu ist dagegen das Problem des Klimawandels. Ob und wie sich der Wald auf die sich ändernden Bedingungen einstellen kann, bleibt fraglich.

Insgesamt hat in den letzten Jahrzehnten der Stress für die Wälder also zugenommen. Hinzu kommt, dass die Forstwirtschaft ökonomisch schwierige Jahre hinter sich hat. Die Preise auf dem Rohholzmarkt waren durch eine regelrechte Holzschwemme lange Zeit im freien Fall. Das lag an den großen Stürmen, dem liberalisierten internationalen Holzmarkt und billigem Holz aus Raubbau, das – vor allem aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion – auf den Markt drückt. So schrieb ein Großteil der Forstbetriebe rote Zahlen, was in den staatlichen Verwaltungen zu gravierenden Reformen führte.

In Bayern etwa wurde das bisherige System der staatlichen Forstbehörden aufgelöst. Der Staatswald wird nun – ähnlich wie in Österreich – von einer eigenständigen Anstalt des öffentlichen Rechts nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen bewirtschaftet. Die Forstämter sind jetzt den Landwirtschaftsämtern angegliedert, die Beratung der privaten Waldbesitzer hat man zurückgefahren und damit Kosten und Personal gespart.

Umweltorganisationen und auch der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) befürchten, dass mit den Reformen der Umbau hin zu naturnahen Wäldern vernachlässigt wird, weil sich die Forstwirtschaft stärker an der Rentabilität orientiert. Die so genannten Wohlfahrtswirkungen – etwa saubere Luft – wurden der Gesellschaft lange Zeit vermeintlich kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Ausgaben dafür flossen in die Bilanzen der Forstwirtschaft ein und verschlechterten ihr wirtschaftliches Ergebnis: Jahr für Jahr schlugen sie mit 25 Euro pro Hektar zu Buche.

Durch eine neue Aufteilung der Kosten und Erträge wie in Bayern werden die Kosten für die Gemeinwohlfunktionen transparenter, dadurch könnte auch eine Diskussion über die gesellschaftliche Akzeptanz leichter fallen.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


einfach POLITIK: aktuell

Fahrverbote für Diesel

Die Abgase von vielen Diesel-Autos sind noch viel schmutziger,
als man bisher gedacht hat.
In Hamburg gibt es deshalb Fahrverbote für ältere Diesel-Autos.
Vielleicht bald auch in anderen Städten.

Mehr lesen

Dossier

Klimawandel

Globale Erwärmung und Klimawandel: diese beiden Worte sind in aller Munde. Wie konnte es überhaupt zum Klimawandel kommen? Und reichen die Bemühungen im Kampf gegen die globale Erwärmung aus?

Mehr lesen

Dossier

Bioethik

Wann beginnt das Leben? Was genau ist die Würde des Menschen? Gibt es ein Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende? Und welchen moralischen Status haben Tiere? Die Bioethik setzt sich mit grundsätzlichen Fragen des Seins auseinander. Sie liefert Antworten für die politischen Entscheidungen der Gegenwart. Aber wirft auch neue Fragen und Probleme auf.

Mehr lesen

Spezial

"Plastic Planet"

"Nach der Stein-, der Bronze- und der Eisenzeit haben wir jetzt die Plastikzeit" - mit diesem Zitat beginnt eine Reise des österreichischen Regisseurs Werner Boote von den 1960er-Jahren, als Plastik immer mehr verbreitet wurde, bis in die heutige Zeit. Heute sind wir von Plastik umgeben.

Mehr lesen