Endlich ein normales Land geworden
Reisen bildet. Und Sport verbindet. Diese alten Volksweisheiten beweisen sich in diesen Tagen auf eindrucksvolle Weise neu in Südafrika - und nicht nur weil die gesamte Nation wegen der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 Kopf steht.Denn im Vorlauf zur WM war Südafrika wegen des Endspiels einer anderen, am südlichen Ende Afrikas vor allem unter Weißen beliebten, Sportart auf Achse. Und lernte dabei offenbar Erstaunliches kennen: das eigene Land und die eigenen Landsleute. Das Ergebnis: ein weiteres Stück Versöhnung nach 350 Jahren Intoleranz, Unterdrückung und Gewalt - Ausdruck und Ergebnis von Kolonialismus, institutionalisiertem Rassismus und Apartheid.
Als letztes der 53 afrikanischen Länder wurde Südafrika 1994 die Fesseln der Apartheid los. Nelson Mandela, den das Apartheidsregime wegen seiner Forderung nach Gleichheit und Menschenrechte für alle Südafrikaner 27 Jahre lang eingesperrt hatte, wurde der erste schwarze und - wichtiger noch - der erste demokratisch gewählte Präsident des Landes. Seitdem ist Südafrika auf dem Weg zu einem neuen, alle 48 Millionen Bürger einschließenden Zugehörigkeitsgefühl.
Es ist nicht immer ein einfacher, und vor allem kein gerader Weg. Erstaunlich ist aber immer wieder die Bereitschaft der Menschen - der Schwarzen und der Weißen - trotz Rückschlägen und historischer Demütigungen über sich hinaus zu wachsen und diesen Weg zu beschreiten.
Denn es gab in der Geschichte Südafrikas viele Trennmauern, viele sichtbare und unsichtbare Grenzen. Und es gibt sie teilweise immer noch, obwohl alle Gesetze, die eine solche Trennung verordnet hatten, inzwischen abgeschafft sind. Schwarze, Weiße, Menschen indischer Abstammung und sogenannte Coloureds, also Menschen deren Eltern oder Vorfahren aus zwei verschiedenen Gruppen stammten, wurden alle unterschiedlich behandelt. Sie mussten in getrennten Gebieten wohnen, auf getrennte und, wenn sie nicht weiß waren, schlechtere Schulen gehen. Oder durften viele Berufe nicht ausüben und viele Fächer nicht oder nur mit Ausnahmegenehmigung studieren.
Um dieses System aufrecht zu erhalten, wurden die Gegner der Rassentrennung und Befürworter der Demokratie von offizieller Seite gegängelt, eingesperrt, gefoltert, oft sogar ermordet.
Rugby war eine der vielen Grenzen zwischen Schwarz und Weiß. Fußball, das war die Sportart, die bei der schwarzen Mehrheit des Landes schon immer die Leidenschaft entfachen konnte. Rugby hingegen galt als Symbol für den Machtanspruch und die Fähigkeit zur physischen Brutalität der Weißen. Entsprechend stieß das Spiel der harten Männer mit dem eiförmigen Ball abgesehen von wenigen Ausnahmen auf Ablehnung, ja herzliche Abneigung durch die schwarze Mehrheit des Landes.
Ein Rugby-Spiel verbindet
Ende Mai diesen Jahres, wenige Tage vor dem Anpfiff zum ersten Spiel der Fußball-WM 2010 im neuerbauten Soccer City in Johannesburg, kam es dann aber überraschend ganz anders.
Was war passiert? Wegen der nahenden Fußballweltmeisterschaft musste das Rugby-Endspiel der besten Mannschaften der südlichen Hemisphäre ins schwarze Township Soweto ausweichen, ins Orlando-Stadion. Dabei sollte man wissen, dass die meisten der überwiegend weißen Fans der favorisierten Blue Bulls aus Pretoria und Umgebung stammen: der ehemaligen Hauptstadt der Apartheid, rund achtzig Kilometer von Soweto entfernt. Kaum einer von ihnen hat je ein schwarzes Wohngebiet betreten - es sei denn zur Apartheidszeit als Polizist oder Soldat, der zur Unterdrückung der Bewohner eingesetzt wurde.
Nun sollten also Menschen, die schwarze "Townships" bisher aus Prinzip, Desinteresse, vielleicht aber auch aus mangelnder Vorstellungskraft und sicher aus Furcht vor Kriminalität vermieden haben, nach Soweto reisen? Ins Herz der Finsternis sozusagen? Würden sie es wagen? Konnte es gut gehen?
Und wie würden die Einwohner reagieren? Die Menschen, die vor 34 Jahren am 16. Juni 1976 als Schüler und Jugendliche den Aufstand gegen Apartheid und Unrecht begonnen haben, bei dem Hunderte von ihren Kommilitonen von Polizei und Militär der weißen Vormacht erschossen oder verstümmelt wurden? Wie würden sie diese Nachfahren der ehemaligen Peiniger empfangen? Konnte es wirklich gut gehen?
Nun, Rugby ist für die meisten weißen Südafrikaner eine Art Religion. Nicht zum Endspiel fahren wäre, als ob man als Katholik die Anwesenheit des Papstes in der eigenen Stadt ignorieren würde. Oder als Deutscher es bei der WM 2006 versäumt hätte, sich die Spiele mit Klinsmanns Jungs anzuschauen. Also reisten die Weißen von den Blue Bulls zu den Schwarzen in Soweto.
Und freuten sich wie Bolle. Genauso wie ihre Landsleute, die im Township zu Hause sind. Es wurde ein einmaliges Volksfest - eine blaugefärbte schwarz-weiße Umarmung, das jüngste Versöhnungsfest einer Nation, die unterwegs ist zur Einheit. Keine Verletzten. Keine Toten. Kopfschmerzen nur bei denen, die gemeinsam mit ihren neugewonnenen Freunden über den Durst getrunken hatten.
Und alle schwärmten. Die Schwarzen von den weißen Landsleuten, die sich für neue Erfahrungen und ungewöhnliche Begegnungen so offen gezeigt hatten. Und die Weißen von den neuesten Fans der Blue Bulls, die sich als wunderbar offene und herzliche Gastgeber gezeigt hatten.
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