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Einblicke
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Gefährliche Tendenz zum Ghetto oder die ganz gewöhnliche Suche nach Nestwärme? |
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Chinatown, Little Italy, türkisches Viertel: Einwandererquartiere sind häufig ethnisch homogen - das Beispiel Berlin-Kreuzberg |
| Jeanette Goddar |
Man könnte dies für eine rein Berliner Geschichte halten. Das ist es aber nicht. In ein paar Jahren werden die meisten deutschen Großstädter Segregation bei sich zuhause besichtigen können. Das Deutsche Institut für Urbanistik rechnet vor, dass bis 2015 weitere fünf Millionen Ausländer zuziehen und sich überwiegend dort niederlassen, wo schon Kollegen aus dem Herkunftsland leben. Das wird in den Innenstädten sein: 80 Prozent der Ausländer in Deutschland leben in Großstädten; genauer: in den alten Innenstadtquartieren oder den großen Neubausiedlungen der 60er- und 70er-Jahre.
Über die Frage, ob Segregation - also die räumliche Trennung verschiedener Bevölkerungsgruppen - etwas Positives oder Negatives ist, wird in der Stadtsoziologie trefflich gestritten. Die einen halten Stadtteile eingewanderter Communities für ethnische Kolonien aus freien Stücken: Dass Neuankömmlinge in der Nähe ihrer Landsleute, die ja oft auch Verwandte oder Bekannte seien, wohnen wollten, sei doch ganz normal. Als selbst gewählter Aufenthaltsort seien ethnische Kolonien das genaue Gegenteil von diskriminierend: Sie förderte die Selbstorganisation von Migranten, ermöglichten ein ethnisches Vereinswesen, religiöse Gemeinden, informelle Treffpunkte sowie eine ethnische Ökonomie.
Die Gegenposition argumentiert, dass Bezirke, in denen nur oder überwiegend Menschen einer anderen als der deutschen Herkunft leben, eine Tendenz zum Ghetto in sich trügen: Statt eines freiwillig gewählten Zustandes handle es sich entweder um eine von der Außenwelt erzwungene Wohnform, oder - auch nicht besser - um Selbstghettoisierung in einer als feindlich empfundenen Umgebung. In jedem Fall, sagen die Gegner abgeschlossener ethnischer Viertel, führten diese dazu, dass eine Integration in die Mehrheitsgesellschaft nicht stattfinde und Armut, Bandenbildung und Kriminalität gefördert würden.
Für Kreuzberg darf wohl attestiert werden: Mehr als anderswo leben Deutsche und Ausländer isoliert nebeneinander her. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass schon die Spachbarriere enorm ist. Die erste Generation spricht häufig gar nicht, die zweite oft lückenhaft Deutsch. Die Folge: Kontakte finden vor allem in der eigenen ethnischen Gruppe statt. Viele deutsche Mieter fühlen sich in der ungewohnten Umgebung nicht mehr wohl; spätestens wenn sie Kinder bekommen, ziehen sie in der Regel um.
Im internationalen Vergleich ist das allerdings etwas ganz Normales: In New York und Paris, London oder Amsterdam gehört das, was hierzulande zuweilen als "blickdichte Parallelwelt" tituliert wird, zur Normalität von Einwanderungsgesellschaften. In der Tat sind viele der Vorteile, die einer gemischten Bevölkerung traditionell angedichtet werden, an mehreren Beispielen widerlegt. Dass die "Kontakthypothese", die davon ausgeht, dass Menschen sich schon konstruktiv miteinander beschäftigen werden, wenn sie einander nah sind, nicht stimmt, konnte man in Berlin schon vor 150 Jahren beobachten. Damals wurden die Beamten und der Mittelstand in den großräumigen Vorderhäusern untergebracht; die proletarischen Massen zogen ein paar Meter weiter in die dazugehörigen Hinterhäuser. Dort sollten sie am Vorbild der besser Verdienenden charakterlich wachsen und so auch ihre eigene Lage verbessern. Geschehen ist das nur höchst selten.
Nach Ansicht des Berliner Stadtsoziologen Hartmut Häußermann basiert die These, Kontakt führe zu Integration, auf einer tautologischen Annahme: Erfahrungsgemäß werde das Miteinander durch Kontakt nur dort verbessert, wo es schon einen konstruktiven Dialog gäbe. "Wenn die Integration gelungen ist, bringt Kontakt sie weiter voran", sagt Häußermann. Anderenorts kann das Aufeinandertreffen verschiedener Gruppen den Kontakt durchaus erschweren - bei einem angespannten sozialen Klima, bei gegensätzlichen Normen oder erhöhter Konkurrenz, zum Beispiel um Arbeitsplätze.
Häußermann sieht die zunehmende ethnische Trennung innerhalb der Städte vor allem skeptisch, weil er in ihnen eine Abwärtsspirale der Lebensqualität beobachtet. Entscheidend für die Beurteilung von Segregation sei die Anzahl der Brücken, die von einem Quartier in die Mehrheitsgesellschaft existieren. "Die zentrale Frage ist, ob die Menschen sozial und ökonomisch integriert sind oder ob sie an einem Ort der Exklusion leben. In letzterem Fall gibt es ein Problem - in ersterem nicht."
Mit der sozialen und ökonomischen Integration ist es nun häufig nicht weit her. Nirgends sind so viele Berliner arbeitslos wie in Kreuzberg (29,2 Prozent); nirgends leben so viele von Sozialhilfe (17,3 Prozent). Mehr als jeder Dritte hat schon deshalb wenig Aussicht auf Arbeit, weil er gar keine Ausbildung hat; auch damit hält der Bezirk eine traurigen Rekord. Vor allem aber: Der statistisch am häufigsten vorkommende Kreuzberger ist weder Türke noch Deutscher. Sondern ein Berliner, der knapp über oder knapp unter der Armutsgrenze lebt. In ihren materiellen Verhältnissen unterscheiden sich deutsche und türkische Nachbarn so gut wie nicht.
Das Parlament, 31-32/2004
09. Juli 2007 |
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Aus Politik und Zeitgeschichte |
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Parallelgesellschaften?
Mit "Parallelgesellschaften" wird in der öffentlichen Debatte die Vorstellung von großen, ethnisch homogenen Bevölkerungsgruppen verbunden, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abschotten: räumlich, sozial und kulturell. |
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