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Einführung

Indien – eine Einführung


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Herausforderungen für die aufstrebende asiatische Großmacht im 21. Jahrhundert
Heinz Werner Wessler
Religion und Politik

Der staatspolitisch viel bemühte Slogan von der "Einheit in Vielfalt" trägt der ungeheuren Fülle an Menschen, Kulturen, Religionen und Sprachen Rechnung.
Muslime in einer Moschee in Bhopal
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Muslime in einer Moschee in Bhopal (Madhya Pradesh)
Foto: Rainer Hörig

Der moderne indische Staat zollt dieser Vielfalt nicht nur Respekt, er greift auf sie als kulturelle Ressource des Nationalismus zurück. Während in Europa mit seinem Verbund von Nationalstaaten diese Erfahrung der kulturellen und religiösen Vielfalt historisch neuartig ist und damit Ängste auslöst, kann Indien auf eine Vielfalt von Erfahrungen im multikulturellen Miteinander zurückgreifen. In sprachlicher, kultureller und religiöser Hinsicht ist die heutige Republik Indien ein ungeheuer vielfältiges Land, in dem unter anderem Hindus, Muslime, Christen, Sikhs, Buddhisten und Zoroastrier (Parsen) zum Teil seit tausenden von Jahren zusammen leben. Und die jeweiligen religiösen Gemeinschaften ist keineswegs monolithische Blöcke, sondern in sich wiederum vielfach aufgefächert.

Gewiss: Es gibt in allen Religionen Indiens Eiferer, die gegen dieses religiöse Miteinander und Durcheinander wettern. In den letzten Jahrzehnten nimmt das Lagerdenken sogar zu – nach dem Motto: In unseren Heiligtümern sind die Angehörigen anderer Religionen nicht willkommen. Manche Hindu-Fundamentalisten ähneln den radikalen Islamisten: So wie jene einen rein arabischen Islam auf der Basis des Korans etablieren wollen, bemühen sich diese, islamische Elemente aus Sprache und Kultur auszumerzen.

Militante hindunationalistische Organisationen erklären Indien zum heiligen Land der Hindus. Politisch hat sich dieses Gedankengut im Aufstieg der Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party, BJP) in den 90er Jahren und dem gleichzeitigen Niedergang der Kongresspartei manifestiert. Die Leitkultur sei hinduistisch, der Staat solle sich über seine Mehrheitskultur definieren. Die Minderheiten – vor allem die muslimische (etwa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung) und die christliche Minderheit (2,3 Prozent) – werden damit zu Gästen im eigenen Land. Aus Sicht vieler selbst moderner Hindus geht die Existenz der Minderheiten auf erzwungene oder durch wirtschaftliche Vorteile erkaufte Konversion vom Hinduismus zurück. Damit steht ihre Legitimität insgesamt in Frage. In mehreren Unionsstaaten steht die religiöse Konversion heute sogar unter Strafe.

In der Kolonialzeit hatten die Briten suggeriert, dass Indien aus sich selbst heraus nur einen ungenügenden Zusammenhalt habe, dass die zentrifugalen Kräfte zu stark seien. Nur dank der vermittelnden Kraft der ausländischen Kolonialherrschaft könne vor allem der Bürgerkrieg zwischen Hindus und Muslimen vermieden werden.

Heute hat diese Behauptung keine Bedeutung mehr. Trotz der traumatischen Folgen der Teilung von 1947, als Millionen Muslime nach Pakistan und Millionen Hindus und Sikhs nach Indien emigrieren mussten, trotz zahlreicher regionaler Konfliktherde und gelegentlich gewalttätig aufbrechender innergesellschaftlicher Probleme ist die ganz große Krise ausgeblieben. Im Gegenteil: Der indische Staat hat eine bemerkenswerte Flexibilität beim Umgang mit separatistischen, sozialrevolutionären, kommunalistischen oder politisch gezielt angezettelten Konflikten entwickelt und mit einer Mischung aus staatlicher Gewalt, Verhandlungsangeboten und geduldiger Überzeugungsarbeit in den Griff bekommen. Im Großen und Ganzen ist es gelungen, die lebenswichtige Balance zwischen den vielen Interessengruppen zu erhalten und sich damit die grundsätzliche Loyalität von Minderheiten für das Staatswesen zu erhalten. Auf diese nicht nur politische, sondern gesamtgesellschaftliche Leistung kann Indien stolz sein.

Voraussetzung für diesen Erfolg ist die indische Demokratie, die es den vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen ermöglicht, sich zu repräsentieren, ihre Interessen zu artikulieren und im politischen Diskurs mit anderen Interessen auszuhandeln. Auch der in der Präambel der Verfassung festgeschriebene Säkularismus als Grundprinzip des Staatswesens ist dabei von Bedeutung, wobei dieser Begriff in Indien weniger im Sinne von Privatisierung der Religion und der Gottesferne westlicher Gesellschaften zu verstehen ist. Er wird vielmehr als Gegenbegriff zum so genannten Kommunalismus verstanden: Eine Haltung, bei der die Solidarität der eigenen religiösen Gemeinschaft und nicht dem größeren Ganzen der Nation gilt. Das heißt, der Säkularismus signalisiert die an sich unumstrittene Äquidistanz (Neutralität) des Staates gegenüber allen Religionen, wobei deren Umsetzung, etwa bei der Gestaltung von Schulbüchern, im staatlichen Zeremoniell und im öffentlichen Leben, zunehmend umstritten ist.

Ebenfalls kontrovers diskutiert wird die in der Verfassung festgeschriebene Förderung benachteiligter Bevölkerungsgruppen. "Kastenlose", die sich selbst Dalits (Unterdrückte) nennen, und Adivasi, die als Indiens Urbevölkerung gelten. Beide zusammen machen rund 22 Prozent der Bevölkerung aus und werden vom Staat mit gezielten Maßnahmen wie etwa der Quotierung von öffentlichen Positionen und Studienplätzen unterstützt. Damit sollen sie nach jahrtausendelanger Unterdrückung allmählich in die Mitte der Gesellschaft finden, zu Bildung und Wohlstand sowie einer eigenen Stimme und Selbstbewusstsein.

Wirtschaft und Politik

Die kontinuierlich boomende Wirtschaft stellt zweifellos ein wichtiges Element des nationalen Zusammenhalts dar, ist aber auch eine wichtige Stütze für das selbstbewusste Agieren Indiens auf der Weltbühne. Indiens erster Premierminister Jawaharlal Nehru, einer der Gründerväter der Blockfreien-Bewegung, distanzierte sich zwar vom Stalinismus, betrieb aber in Indien eine Industrialisierungspolitik mit sozialistischem Antlitz. Hohe Zölle für die Einfuhr von Industrieprodukten blieben bis in die 90er Jahre ein Eckpfeiler der indischen Wirtschaftspolitik, die die Entwicklung einer konkurrenzfähigen Industrie mittels Fünfjahresplänen und einem umfangreichen Staatssektor befördern sollte. Nehrus Tochter Indira Gandhi ließ sogar das Bankenwesen zu einem großen Teil verstaatlichen. In den 80er Jahren war allerdings nicht mehr zu übersehen, dass die staatlichen Betriebe immer mehr Verluste produzierten. Als 1991 der Staat in eine schwere Zahlungsbilanzkrise geriet, startete unter dem damaligen Finanzminister und heutigen Premierminister Manmohan Singh eine Politik der Wirtschaftsliberalisierung, die Indien ein anhaltendes Wirtschaftswachstum von inzwischen über 8 Prozent pro Jahr (8,2 Prozent im ersten Halbjahr des Fiskaljahres 2006/07) bescherten – ein Grund für die große Aufmerksamkeit, die Indien im 21. Jahrhundert zuteil wird.

Dass Indien in Asien zum großen Konkurrenten Chinas aufsteigt, ist ganz im Sinne der USA und der Europäischen Union. Präsident George W. Bush hat sogar die US-amerikanische Zurückhaltung bei der Zusammenarbeit im Nuklearbereich aufgegeben. Die Tatsache, dass Indien spätestens seit den Atomtests von 1998 zum Atomstaat geworden ist und sein Heer, Luftwaffe und Marine massiv mit Atomwaffen und den entsprechenden Trägersystemen ausrüstet, ist politisch international akzeptiert.

Gleichzeitig entwickeln sich Grundelemente einer nuklearen Sicherheitsstrategie, von der auch der Nachbarstaat Pakistan profitiert, das seine Armee ebenfalls mit Atomwaffen und den entsprechenden Trägersystemen ausrüstet. Doch obwohl es vor allem wegen der ungeklärten territorialen Ansprüche auf das ehemals unabhängige Fürstentum Jammu und Kaschmir auch in Zukunft Konflikte zwischen den beiden verfeindeten Brüdern geben wird, hat man sowohl in Pakistan als auch in Indien verstanden, dass ein stabiles, von bilateralen Spannungen ungetrübtes Wirtschaftswachstum wichtiger ist als die Durchsetzung territorialer und machtpolitischer Interessen.

Perspektiven

Doch im Rummel über die Entwicklungsfortschritte Indiens sollte nicht vergessen werden, dass ein großer Teil der indischen Bevölkerung von all dem Glanz nichts hat. So können viele Bauern nicht mehr rentabel wirtschaften. Die Selbstmordrate unter überschuldeten Baumwollbauern, die in den letzten Jahren in Hybridsaatgut und Pflanzenschutzmittel investiert haben, ist in manchen Regionen alarmierend hoch. Tatsache ist auch, dass immer noch ein erheblicher Teil der indischen Bevölkerung in den riesigen Slums der Städte und in den Dörfern an der absoluten Armutsgrenze lebt und keine Chance auf Bildung und Karriere hat.

Wie lange wird der internationale Indien-Enthusiasmus anhalten? Bedenklich für die Zukunft stimmt, dass von nachhaltigem Wachstum kaum die Rede sein kann. Ressourcen an Land, Wasser, Bodenschätzen und Luft werden mit historisch beispielloser Geschwindigkeit verbraucht. Städtische Agglomerationen ufern immer weiter aus. Transport und Verkehr haben beängstigende Ausmaße angenommen.

Kleine Erfolge sind wohl da – etwa die Verbesserung der Luftqualität in Delhi durch die Umstellung der Motor-Rikschas, Taxis und des öffentlichen Bustransports auf Erdgas als Treibstoff. Auch hat die indische Gesellschaft immer wieder erstaunliche Kräfte der Selbstorganisation und Selbstheilung mobilisiert. Wichtig für den Wachstumskurs Indiens ist auch, das außenpolitische Konfliktpotential vor allem mit China und Pakistan in den Griff zu bekommen. Innenpolitisch gilt es, die Religionen in einer für alle vorteilhaften Balance zu halten und den Unterschied zwischen arm und reich spürbar auszugleichen.

Indische Intellektuelle können sich an den Zuständen in ihrer Heimat aufreiben, doch das Grundvertrauen in Indiens "Einheit in Vielfalt" ist ihnen bis heute nicht abhanden gekommen. Sie haben keine Angst vor der Zukunft, befürchten keine großen sozialen Umwälzungen oder gar einen Atomkrieg. Unzählige Initiativen der Zivilgesellschaft setzen sich für Alphabetisierung der Armen, für Aids-Opfer und Adivasi, gegen Tierversuche und Mitgiftmorde, gegen die Einsamkeit im Alter und für Vegetarismus ein. Sicher sind darunter auch viele mehr oder weniger liebenswürdige Schrullen verborgen, manchmal auch eine knallharte politische Agenda, Geltungssucht oder Geschäftsinteressen. Doch alles in allem ist diese Gesellschaft jung, quicklebendig, ungestüm, bildungsinteressiert, engagiert, karrierebewusst und dabei auch noch stolz auf ihren Staat. Mit diesem Potenzial kann die aufstrebende Großmacht Indien rechnen.


30. Januar 2007

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Informativ und leidenschaftlich stellt Shashi Tharoor in seinem Buch Indien als Subkontinent der Gegensätze dar. Er analysiert und argumentiert, statt zu deuten und zu schwärmen.
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