Neue Chance

Letzte Weichenstellung für die Zukunft des digitalen Hörfunks


16.12.2010
Aufatmen bei der ARD und den Landesmedienanstalten: Buchstäblich in letzter Minute wurde am 15. Dezember eine Einigung zwischen fünf privaten Bewerbern und dem Sendenetzbetreiber Media Broadcast GmbH zur Nutzung eines bundesweiten Multiplexes für Digitalradio erzielt. Für die ARD heißt das, sie können nun über weitere 42 Millionen Gebührengelder zum Ausbau des Digitalradionetzes verfügen. Die Landesmedienanstalten glauben, dass jetzt noch mehr Privatradios "auf den nunmehr in Bewegung geratenen bundesweiten Digitalradio-Zug mit eigenen Angeboten aufspringen werden", so Dr. Gerd Bauer, Hörfunkbeauftragter der DLM. Aber auch UKW wird vorerst nicht abgeschaltet. Im Entwurf des neuen Telekommunikationsgesetzes bekommt die analoge Technik eine Gnadenfrist von weiteren zehn Jahren bis 2025.

17. Dezember 2010. - Es muss ein schweres Ringen gewesen sein: Buchstäblich in letzter Minute haben Mitte Dezember fünf private Bewerber mit dem Sendenetzbetreiber Media Broadcast GmbH die Verbreitungsverträge zur Nutzung eines bundesweiten Multiplexes für Digitalradio unterzeichnet. Davor lagen viele negative Pressemeldungen, zahlreiche Fristverlängerungen und festgefahrene Verhandlungen. Bereits im Juli 2010 hatte die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Landesmedienanstalten mit der Vorlage der Verträge gerechnet.

Neue Finanzspritze für Digitalradio



Die Einigung ist 42 Millionen wert. So hoch ist der Betrag an Projektmitteln, den die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) der ARD und dem Deutschlandradio für die Gebührenperiode 2009 bis 2012 für die terrestrische Digitalisierung in Aussicht gestellt hatte. Allerdings unter einer Bedingung: Bis spätestens 15. Dezember 2010 sollten sich öffentlich-rechtliche Sender, Privatradios und Sendenetzbetreiber einig werden. Zu diesem eher ungewöhnlichen Ultimatum sah sich die KEF durch die bis dato entmutigenden Erfahrungen mit der Digitalisierung des Hörfunks genötigt.
Digitalradio bekommt eine neue Chance. Foto: Ulrich Köring/radioszeneDigitalradio bekommt eine neue Chance. Foto: Ulrich Köring/radioszene


Seit Mitte der 90er Jahre sind rund 200 Millionen Gebühren in das DAB-Projekt geflossen, ohne bei den Hörern und der Geräteindustrie die entsprechende Akzeptanz zu finden. So verfügten beispielsweise in Bayern nach Zahlen der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) im Sommer 2009 nur circa drei Prozent der bayerischen Haushalte über ein digitales Radiogerät. Dabei lag die Verteilung bei 2,2 Prozent für DAB und 1,1 Prozent für W-LAN. In absolute Zahlen umgesetzt waren das 152.000 DAB-Geräte.

Verlängerte Gnadenfrist für UKW



DAB galt damit als gescheitert. Ein neues Digitalisierungsverfahren wurde gesucht. 2009 gab die Rundfunkkommission der Länder grünes Licht für die erstmalige Einführung eines bundesweiten Digitalradios nach dem neuen DAB+ Standard, einer weiterentwickelten DAB-Technologie mit effizienterem Audiokompressionsverfahren. Dadurch können deutlich mehr Programme und Zusatzdienste als bei DAB übertragen werden. Für den Empfang ist allerdings auch ein neues DAB+ taugliches Empfangsgerät erforderlich.

Hans-Dieter HillmothHans-Dieter Hillmoth (© FFH )
An der Ausschreibung beteiligte sich nur noch ein Bruchteil privater Anbieter. Die Mitglieder des größten privaten Rundfunkverbands VPRT unter Führung des damaligen Vizepräsidenten und Geschäftsführers der hessischen Radio/Tele FFH, Hans-Dieter Hillmoth, hatten längst dankend abgewunken. Zu teuer, zu unrentabel, zu ungewiss sei die Digitalisierung der terrestrischen Frequenzen. Sie wandten sich lieber der Vermehrung ihrer Programme im Internet zu. Mehr als zwanzig unterschiedliche Webradios verbreitet alleine Hillmoths Radio/Tele FFH aus dem hessischen Bad Vilbel. Mögliche Engpässe und Datenstaus im Internet schrecken ihn nicht. Er ist zuversichtlich, dass die Netzbetreiber die Kapazitäten rechtzeitig erweitern werden. Unverständnis äußerte er aber darüber, dass UKW als "Technik von gestern" behandelt werde. "Das sehen die Hörer so nicht", meint Hillmoth. Vielmehr sei UKW "der Ast, auf dem wir senden".

Dieses Radiogerät kannte nicht einmal UKW.Dieses Radiogerät kannte nicht einmal UKW.
Dieser Ast wird vorerst zur Beruhigung vieler Radiomacher auch nicht abgesägt. Im neuen Entwurf des Telekommunikations-
gesetzes wurde der anvisierte Termin 2015 für die Abschaltung von UKW aufgrund der bisher geringen Digitalradionachfrage bereits fallen gelassen. Jetzt heißt es 2025. Allein schon aus Gründen des Verbraucherschutzes dürften nicht Millionen funktionstüchtiger UKW-Empfänger unbrauchbar werden, heißt es im Entwurf.

Seit am 28. Februar 1949 der erste UKW-Sender Europas in Bayern in Betrieb genommen wurde, haben sich geschätzt rund 300 Millionen UKW-Radioempfangsgeräte in deutschen Haushalten angesammelt. "Kein Mensch wird sich noch eine Extrakiste fürs Radio ins Wohnzimmer stellen", glaubt Hillmoth.

Bundesweites Digitalradio schon 2011?



Gänzlich anders sehen das die Befürworter von Digitalradio, allen voran der Bayerische Rundfunk und die CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag. Deren medienpolitischer Sprecher Eberhard Sinner forderte in einem Dringlichkeitsantrag die bayerische Staatsregierung dazu auf, bei der Ministerpräsidentenkonferenz auf die Länder einzuwirken, die Zurückhaltung bei der Einführung dieser neuen Technologie aufzugeben. Ein Argument: Deutschlands Radiolandschaft solle im europäischen Vergleich nicht zurückstehen. Zu den Vorteilen zählt Sinner: "Besseren Empfang, kein Rauschen und Knistern, Text und Bild auf dem Display, ein Mehrwert für den Hörer unterwegs und zu Hause, den UKW und Internet nicht bieten. Digitalradio ist mehr Radio für weniger Geld."

Bundesweite Digitalisierung des Hörfunks

Sie machten den Weg frei

Fünf private Hörfunkveranstalter haben am 15. Dezember den für den Startschuss des bundesweiten Digitalradios zwingenden Vertrag mit dem Sendenetzbetreiber, der Media Broadcast GmbH unterschrieben:

  • die Entspannungsradio GmbH i.Gr. mit Sitz in Berlin für das Angebot "Lounge FM"

  • der ERF Medien e.V. mit Sitz in Weslar für das Angebot "ERF Radio"

  • die Neue Welle Rundfunk-Verwaltungsgesellschaft mbH & Co. KG mit Sitz in Nürnberg für das Angebot "Radio Rauschgold"

  • die Radio 97,1 MHz Hamburg GmbH für das Angebot "ENERGY" und

  • die REGIOCAST DIGITAL GmbH mit Sitz in Leipzig für die Angebote "90elf – Dein Fußballradio", "RemiX Radio" und "litera".

Ihr Angebot zurück gezogen hat offensichtlich die Walt Disney Company (Germany) GmbH, die ein bundesweites "Radio Disney" geplant hatte. Sie wollte ursprünglich ein Programm speziell für eine jüngere Zielgruppe und deren Eltern anbieten. 90 Prozent des Programms sollten aus Musik bestehen, der Rest aus redaktionellen und DJ-Beiträgen. Eine aufwändige und innovative Webseite sollte das Hörfunkprogramm begleiten.

Mit dem jetzt scheinbar gesicherten Start des bundesweiten Digitalradios in der zweiten Hälfte 2011 soll auch der landesweite Startschuss fallen. "Das Ganze macht nur Sinn, wenn zum Start alle verfügbaren Digital Radio-Programme in den gleichen Gebieten und mit der gleichen Qualität verbreitet werden", sagt Bernhard Hermann, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission.

Bayern Vorreiter in Digitalien



Indessen geht die Einführung von Digital Radio auf Länderebene noch unterschiedlich schnell voran. Während in Sachsen und Thüringen keine Bewerbungen von privaten Hörfunkveranstaltern eingegangen sind, sind in Bayern die Entscheidungen für die Belegung der Sendekanäle bereits gefallen und mit Hochdruck wird am Ausbau eines zweiten digitalen Sendenetzes für DAB+ gearbeitet. Bereits seit November bewerben Hörfunkspots auf vielen bayerischen Lokalradios und Antenne Bayern das Digital Radio. Die Marketingmaßnahme wurde initiiert durch eine Neufassung der Förderrichtlinie der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Demnach können lokale und landesweite Hörfunkprogramm-Anbieter, die sowohl DAB- als auch UKW-Angebote ausstrahlen, durch Werbung für Digital Radio über UKW ihre Förderquote für die digitalen Sendenetzkosten erhöhen. Die BLM will durch diese Maßnahmen die Akzeptanz von Digital Radio in der Bevölkerung erhöhen.

Digitale Radiozukunft: Mobil, kostenlos, anonym, unabhängig



Helwin Lesch, Bayerischer RundfunkHelwin Lesch, Bayerischer Rundfunk
Helwin Lesch, Hauptabteilungsleiter Programmdistribution beim Bayerischen Rundfunk, ist fest davon überzeugt, dass das Internet allein nicht die Lösung ist. "Radio braucht zwingend einen eigenen terrestrischen Verbreitungsweg", sagt Lesch. "Einen, den wir selbst in der Hand haben, den uns keiner abschalten kann - mobil, kostenlos, anonym und unverschlüsselt empfangbar".

Dass im Entwurf des neuen Telekommunikationsgesetzes UKW eine verlängerte Chance bekommt, erachtet Lesch nicht als kontraproduktiv. Ähnlich wie beim Fernsehen sieht das Gesetz eine Art auferlegte Digitalisierung vor: Spätestens ab 2015 müssen die Gerätehersteller dafür sorgen, dass alle neuen Radiogeräte ein digitales Empfangsteil beinhalten. Für Autoradios soll das ab 2016 gelten. Zudem sollen laut einer aktuellen Studie des Marktforschers ABI Research ab Mitte 2011 viele Handys und Smartphones neben UKW-Signalen auch das digitale Radio (DAB/DAB+) empfangen können. Die treibende Kraft sind die Mobilfunkbetreiber, die sich davon eine Reduzierung des hohen Datenverkehrs versprechen, der durch den Empfang von Internetradios entsteht. Die vorgesehene Verlängerung von UKW bis 2025 sei übrigens das absolute Maximum und auf einen einmaligen Verlängerungsakt beschränkt.

Öffentlich-rechtliche bauen Sendenetz aus



In Bayern wird ein zweites landesweites Sendenetz zur Versorgung mit Digitalradio aufgebaut.  6 Standorte sind seit dem 16. Dezember 2010 einsatzfähig. Grafik: BRIn Bayern wird ein zweites landesweites Sendenetz zur Versorgung mit Digitalradio aufgebaut. 6 Standorte sind seit dem 16. Dezember 2010 einsatzfähig. Grafik: BR
39 DAB-Sender im Kanal 12 D ermöglichen in Bayern bereits heute einen nahezu lückenlosen DAB-Radioempfang im Auto und im Freien. Sein Vertrauen in die DAB+ Technik zeigt der Bayerische Rundfunk durch den Aufbau eines zweiten Sendenetzes im Kanal 11 D, mit dem im März 2010 in München und Nürnberg begonnen wurde. Am 16. Dezember wurden vier neue Sendestandorte in Betrieb genommen, auf denen ab sofort alle BR-Programme digital empfangbar sind. Die Radioprogramme werden derzeit noch im herkömmlichen DAB-Standard ausgestrahlt, schrittweise sollen alle Programme in den neuen effizienteren Standard DAB+ wechseln.

Zum Ende der Ausbauphase des bundesweiten Digitalradionetzes, die Bundesautobahnen eingeschlossen, wird es 110 Sendestandorte geben. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sieht Lesch als Wegbereiter für die Privaten: "Als die Privaten zu senden anfingen, haben sie bereits enorm von den Vorleistungen des ausgebauten UKW-Netzes profitiert. Denn nur dadurch konnten sie solch hohe Reichweiten erlangen, die ausschlaggebend sind für den kommerziellen Erfolg des Privatradios."

Neue Anbieter für bundesweiten Multiplex gesucht



Der nächste Schritt für das bundesweite Digitalradio ist eine neue Anbieter-Ausschreibung, denn mit den fünf unterzeichnenden Privatsendern und den drei Programmen des Deutschlandradios sind noch längst nicht alle Kanäle im bundesweiten Multiplex vergeben. Dr. Gerd Bauer, Hörfunkbeauftragter der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) ist zuversichtlich, dass die verbliebenen Kapazitäten jetzt schnell ihre Abnehmer finden werden. "Es ist ein offenes Geheimnis, dass eine erhebliche Anzahl von Bewerbern auf die Chance wartet, auf den nunmehr in Bewegung geratenen bundesweiten Digitalradio-Zug mit eigenen Angeboten aufzuspringen", sagt Bauer.

Wie ernst es der ARD ist, dass Deutschlands Radio endlich digitalisiert wird, zeigt ein Kooperationsangebot der öffentlich-rechtlichen an die kommerziellen Radioveranstalter. "Damit das alles künftig reibungslos funktioniert, sollten wir, wie schon beim Gattungsmarketing oder beim Deutschen Radiopreis, innerhalb des dualen Systems auch in technischen Fragen noch enger zusammenarbeiten", meint Bernhard Hermann, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission.

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