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Krieg, Flucht und Vertreibung

"Plötzlich war überall eine Feuerwand"



Im Rahmen des Schülerwettbewerbs "Projektwerkstatt" der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb interviewten zahlreiche Schülerinnen und Schüler von der 5. bis zur 11. Klasse Zeitzeugen in ihrer Heimatstadt zum Bombenkrieg in Deutschland. Die Klasse 10c des Riemenschneider-Gymnasiums Würzburg sprach mit dem Zeitzeugen Herrn Koch. Er erlebte die Bombardierung der Stadt als Fünfjähriger im März 1945.

Gefüllter Wassereimer ist Pflicht

Wegweiser zum Luftschutzraum. (Bild: bpb - Projektwerkstatt 2004 / Bombenkrieg)
 
"Ich hatte einen drei Jahre älteren Bruder. Mit meiner Familie wohnte ich in der Sternstraße, also direkt in der Innenstadt, neben der Druckerei der Lokalzeitung (auch heute gibt es dort noch die Redaktion MAINPOST). In Würzburg selber war es während des gesamten Krieges Vorschrift, in seinen Kellern mit Wasser gefüllte Behälter für den Fall einer Bombardierung aufzubewahren, damit man bei einer Zerstörung, wo dann auch die Wasserleitungen zerstört wären, seine Kleider nass machen konnte und so einigermaßen "resistent" durch die Flammen laufen konnte.

Würzburger Bevölkerung richtet sich auf Bombenkrieg ein

Außerdem wurden vorher schon in den Kellern die Mauern zwischen den jeweiligen Häusern zerstört und durch eine dünne Mauer ersetzt, damit bei einer Bombardierung die Menschen, die sich in die Keller geflüchtet hatten, diese Mauer leicht zerstören und leichter fliehen könnten. Des Weiteren wurden alle Häuser mit Luftschutzräumen mit "LS" gekennzeichnet, damit jeder die Häuser mit Luftschutzräumen erkennen konnte und dort bei Fliegeralarm Unterschlupf finden konnte, da es in Würzburg ansonsten nur ein oder zwei Bunker gab. Wir lebten während des Krieges nicht dauernd in Angst und viele dachten sogar, dass Würzburg überhaupt nicht mehr zerstört wird, obwohl der Bahnhof selber schon zwei Monate vor der "Hauptbombardierung" zerstört worden war.

Bombenangriff auf Würzburg

Ein Kellergewölbe in Würzburg. (Bild: bpb - Projektwerkstatt 2004 / Bombenkrieg)
 
In der Nacht des 16. März gab es Fliegeralarm und wir verbrachten die ganze Nacht mit Angst im Keller, als dann plötzlich die ersten Bomben über Würzburg abgeworfen wurden. Ich bekam furchtbare Angst. Nach einiger Zeit als keine Flieger mehr zu hören waren, zerstörten wir die Mauer und nässten unsere Kleider. Durch den unterirdischen Kellergang gelangten wir in die Druckereihalle der Zeitung, die aus Beton gebaut war und deshalb nicht brannte. Diese Halle war riesengroß, mit starken Mauern gebaut und somit drang keine Hitze von außen durch.

Flucht durch die brennende Stadt

Zerstörtes Würzburg nach Angriff am 16. März 1945. (Bild: bpb - Projektwerkstatt 2004 / Bombenkrieg)
 
Da wir dort aber auch nicht ewig bleiben konnten, verließen wir die Halle über das Werkstor. Wir mussten durch die enge Sternstraße und Plattnerstraße hindurch, wo alle Häuser aus Holz gebaut waren und deshalb lichterloh brannten. Dort hatte sich eine richtige Feuerwand gebildet, durch die wir hindurch mussten. Zum Glück hatten wir unsere Kleider nass gemacht, sodass wir einigermaßen durch die Flammen rennen konnten. Wir rannten bis zur Domstraße, dort waren wir dann erst einmal etwas sicherer, da hier nur vereinzelt die Häuser brannten und die Straße breit war. In dem ganzen Tumult bemerkten wir erst gar nicht, dass wir meinen älteren Bruder auf der Flucht verloren hatten. Wir gingen weiter durch die Domstraße, am brennenden Rathausturm "Grafen Eckart", vorbei Richtung Main. Rettung außerhalb der Stadt

Jeder, der sich retten konnte, wollte zum Main oder in den Ringpark. Zwei Polizeibeamte ließen uns nicht über die Alte Mainbrücke, die erst später zerstört wurde, damit wir nicht auf die andere Mainseite fliehen konnten, da es dort auch brannte. Also liefen wir am Flussufer entlang aus der Stadt heraus (die Stadt hörte damals schon nach der Arndtstraße auf) zu den ganzen Schrebergärten, die sich dort befanden. Hier fanden wir - wie durch ein Wunder- dann auch meinen Bruder wieder. Die erste Nacht schliefen wir in einem dieser Gärten. Danach zogen wir einfach in ein leer stehendes Haus im Frauenland ein, wo wir dann die nächsten Jahre mit vielen anderen Familien, die ebenfalls keine eigene Wohnung mehr hatten, wohnten."

Das Interview führten Schüler der Klasse 10c des Riemenschneider-Gymnasiums Würzburg im Rahmen der Projektwerkstatt 2004


 
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