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Dossier Afrika

Trinkwasserversorgung und Armut in Sub-Sahara-Afrika

Die Trinkwasserversorgung Afrikas südlich der Sahara ist weiterhin geprägt durch Wassermangel, schlechte Wasserqualität, Saisonalität der Wasserverfügbarkeit und weitgehende Abwesenheit des Staates bei der Versorgung seiner Bevölkerung.

Trinkwasserversorgung und Armut in Sub-Sahara-Afrika


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Auszug aus:
Afrika, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 32-33/2006)
Bliss, Frank
Inhalt
Einleitung
Ursachen
Inkonsistente Geberpolitiken
"Funktionale" Bevölkerungsbeteiligung
Wassertarife
Lösungsmöglichkeiten
Ursachen
Im Wesentlichen lassen sich drei Gruppen von Ursachen für die schlechte Trinkwasserversorgung in vielen afrikanischen Ländern anführen, die gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken können.

Erstens: Die Ressourcensituation und geographische Faktoren. In den Sahelländern herrscht zum Beispiel regional objektiver Wassermangel, das heißt: Oberflächengewässer fehlen, und Grundwasser ist nur schwer erschließbar. Letzteres trifft häufig auch für Gebiete zu, in denen es im Jahresdurchschnitt hinreichend regnet, wo jedoch die geologischen Verhältnisse die Bildung von Grundwasser erschweren. In einigen Regionen Afrikas langfristig wahrscheinlich ist auch ein Rückgang der Niederschläge, verbunden mit absinkenden Grundwasserständen. Daraus folgt, dass die Bevölkerung mit traditionellen Mitteln Wasser während der Trockenzeit kaum noch erschließen kann, auch wenn es im Untergrund in hinreichender Menge vorhanden ist. Hinzu kommt ein geographischer Faktor, der die Wasserversorgung der Menschen im subsaharischen Afrika außerhalb der Städte erschwert: die relativ dünne Besiedlung vieler Zonen, häufig nur eine Streubesiedlung. Wo 200 Menschen und mehr zusammenleben, lässt sich mit vertretbarem Aufwand und mit Blick auf die für die Wartung der Anlage benötigten Geldmittel (siehe unten) zumindest noch eine Handpumpe errichten. Was aber kann getan werden, wenn einzelne Siedlungen nur aus 30 oder 50 Menschen bestehen oder die Bevölkerung ausschließlich in weit voneinander entfernt liegenden Einzelgehöften lebt?

Zweitens: Die geringen ökonomischen Ressourcen der Bevölkerung. Vor allem Geldeinkommen sind in vielen afrikanischen Ländern extrem niedrig. Sie betragen pro Kopf in einzelnen Provinzen des Tschad oder Niger im Jahr nicht einmal 30 Euro. Auch dort, wo Wasser als Ressource hinreichend vorhanden ist, können sich die Menschen deshalb weder eine Investition in geeignete Systeme zur Trinkwasserversorgung noch deren langfristigen Betrieb und Unterhalt leisten.

Selbst wenn befestigte Brunnen, mit Handpumpen ausgestattete Bohrlöcher oder kleine zentrale Versorgungssysteme auf der Grundlage von Pumpbrunnen, Hochbehältern und Zapfstellen vom Staat oder durch die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) finanziert würden, stellt sich die Frage, wer langfristig die Betriebskosten und die Mittel für die Wartung der Anlagen aufbringen soll. Ohne Wartung kommen selbst einfache Handpumpen nicht aus. Viele Entwicklungsvorhaben der letzten Dekaden sind an der geringen Aufmerksamkeit, die diesen Aspekten geschenkt wurde, gescheitert.

Die Armut der Bevölkerung wird auch zukünftig für die Trinkwasserpolitik ein Problem darstellen. Zwischen 1990 und 2001 hat sich die Zahl der Menschen, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen, in den meisten Ländern Afrikas nicht reduziert. In der Demokratischen Republik Kongo, in Togo oder in Simbabwe sind die relativen Einkommen sogar gesunken.[2] Angesichts der anhaltenden, teilweise sogar zunehmenden absoluten Armut gerade in den ländlichen Gebieten von der Bevölkerung erhebliche Eigenleistungen für die Trinkwasserversorgung zu erwarten, ist wenig realistisch.

Drittens: Die schlechte Regierungsführung (bad governance) in vielen Staaten. Sie ist mitverantwortlich dafür, dass die Mehrzahl der Menschen weiterhin unter einem schwierigem Zugang zu Trinkwasser leiden muss.

Der Staat stellt in vielen Ländern praktisch keine eigenen finanziellen Mittel für die Wasserversorgung in sein Budget ein. Die Regierungen selbst der ärmsten Sahelländer könnten zwar Zölle und Abgaben sowie von den wohlhabenderen Teilen der Bevölkerung, die es auch hier gibt, Steuern erheben und zumindest teilweise in die Infrastruktur investieren. Klientelistische und korrumptive Strukturen verhindern jedoch, dass die Regierung jenes Minimum an Einnahmen erzielt, mit denen sie den staatlichen Kernaufgaben gerecht werden könnte.

Die staatlichen Ressourcen werden nur selten gezielt zur Armutsbekämpfung verwendet. Fast immer sind es die urbanen Zentren, die dem ländlichen Raum bei der Trinkwasserversorgung vorgezogen werden.

Die städtischen Betreibergesellschaften von Trinkwasserversorgungssystemen sind ihrerseits vorrangig an einer Belieferung der wohlhabenderen Klientel interessiert, weil sich hier die besseren Einnahmen erzielen lassen. Eine armutsorientierte Regierungspolitik müsste daher darauf achten, dass Fördermaßnahmen gerade auch für ärmere Siedlungen eingeleitet werden. Selbst wenn eine neue Wasserversorgung theoretisch allen Haushalten einer Gemeinde dienen könnte, verhindert immer wieder eine grassierende Korruption bei den Wasserbetrieben (Klientelismus, Begünstigung von Wählern, Nepotismus, Schmiergeldprinzip bei Hausanschlüssen etc.), dass gerade die Unterprivilegierten von der Entwicklungshilfe profitieren.[3]

Die Wasserverschmutzung stellt vor allem im Einzugsbereich von urbanen Zentren ein weiteres und mancherorts dramatisch zunehmendes Problem für die örtliche Trinkwasserversorgung dar, wenn Grundwässer kontaminiert und Oberflächengewässer aufgrund von Direkteinleitung der städtischen Abwässer verschmutzt werden. Hinzu kommt die Konkurrenz zwischen dem Bedarf einer städtischen Trinkwasserversorgung und dem der Bewässerung in der Landwirtschaft, wenn beide Sektoren dieselben Quellen verwenden müssen. Dieses Problem ist bislang jedoch eher in Nordafrika und im Vorderen Orient akut und zeichnet sich im subsaharischen Afrika erst für die Zukunft ab. In den ländlichen Regionen sind die meisten der genannten Umweltprobleme für die Trinkwasserversorgung heute (noch) wenig relevant.[4]




Auszug aus:
Afrika, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 32-33/2006)


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