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Dossier - Lateinamerika

Soziale Bewegungen in Guatemala


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Eva Kalny
guatemala-bush.jpg
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Guatemaltekische Sicherkräfte gehen, während des Besuch von US-Präsident Georg Bush, gegen eine Anti-amerikanische Demonstration vor dem Präsidentenpalast vor, März 2007. (Bild: ap)
In Guatemala leben derzeit auf rund 108.000 Quadratkilometern an die zwölf Millionen Menschen, die neben der Staatssprache Spanisch auch Xinca, Garifuna und 20 unterschiedliche Mayasprachen sprechen. Das Land verfügt über eine der ungerechtesten Landverteilungen der Welt und ist von extremen sozialen Disparitäten gekennzeichnet. Sowohl das Bildungs-, als auch Gesundheitswesen befinden sich in einer massiven Krise und sind weitgehend privatisiert. Nach Angaben der Weltbank leben 44,4 Prozent der Bevölkerung in chronischer Armut, weitere 20 Prozent sind von Armut gefährdet .

Zur Person

Eva Kalny, geboren 1968 in Wien, ist Sozialanthropologin. Ihre Interessenschwerpunkte sind Menschenrechte und indigene Rechte in Guatemala. Sie hat an mehreren Forschungen und bei NGOs gearbeitet. Zur Zeit befasst sie sich mit einem Forschungsprojekt zu sozialen Bewegungen und unterrichtet an der Universität Wien.

Der guatemaltekische Bürgerkrieg wird nach mehr als drei Jahrzehnten Ende Dezember 1996 offiziell beendet. In ihrem Wahrheitsbericht Guatemala. La Memoria del Silencio berichtet die UNO von mehr als 200.000 kriegsbedingten Morden und 648 Massakern, 626 davon durch staatliche militärische Kräfte. 83 Prozent der Opfer staatlichen Terrors waren Maya. Die meisten Massaker fanden im indigenen Hochland in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren statt.


Revolutionäre Bewegungen:

Guerilladachverband URNG (Unidad Revolucionaria Nacional de Guatemala) bestehend aus:
  • FAR: Fuerzas Armadas Rebeldes
  • PGT: Partido Guatemalteco del Trabajo
  • ORPA: Organización del Pueblo en Armas
  • EGP: Ejército Guerrillero de los Pobres


Eine der wesentlichsten sozialen Folgen des Krieges ist neben der Traumatisierung weiter Teile der Bevölkerung die Zerstörung zwischenmenschlicher Beziehungen und die Zerschlagung gesellschaftlicher Strukturen. Die Zirkulation von geschätzten 1,5 Millionen großteils nicht registrierten Waffen, die jahrzehntelange Erfahrung von Straffreiheit für politische Gewalt und Massaker sowie ein marodes und korruptes Polizei- und Justizwesen schaffen ein allgemeines Klima der Unsicherheit, des Misstrauens und der Gewaltbereitschaft und machen kollektives Handeln schwierig.

Soziale Bewegungen

Soziale Bewegungen sind eine gemeinschaftliche Ausdrucksform von Unzufriedenheit und Protest und entstehen rund um spezifische soziale und politische Fragen. Sie sind in ihrer Organisation und in ihren Anliegen vom gesamtgesellschaftlichen Kontext geprägt und zielen darauf ab, diesen zu beeinflussen. Nichtregierungsorganisationen können, müssen aber nicht eine wesentliche Rolle in der Bildung und dem Fortbestehen sozialer Bewegungen spielen.

Die Zeit vor den Massakern

Die weltweite Industrialisierung der Landwirtschaft und insbesondere der Einsatz von Kunstdünger bewirkten auch im Hochland eine verstärkte Stratifizierung der Gesellschaft und die Bildung einer indigenen Bourgeoisie. Die internationale Erdölkrise 1973 wiederum führte zu steigender Inflation und fast zur Verzehnfachung des Preises der propagierten Düngemittel. Teile der indigenen Bevölkerung verarmten rapide und sahen sich gezwungen, ihr Land an Mitglieder der indianischen Bourgeoisie zu verkaufen; dies führte zu vermehrten Spannungen in den Gemeinden.


Organisationen:



Weite Kreise der katholischen Kirche und die Katholische Aktion änderten daraufhin ihren ursprünglich konservativen Standpunkt und traten für soziale Veränderungen zugunsten der verarmten ländlichen Bevölkerung ein. Sie ermöglichten erstmals zahlreichen indigenen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu formaler Bildung. Dies führte im Anschluss zu vermehrtem Erfahrungsaustausch zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Sprachgruppen und zur Entstehung einer Schicht junger, gebildeter und politisierter Mayas. Auch gewerkschaftliche Bewegungen formierten sich in Guatemala Stadt und in den Plantagengebieten im Süden des Landes in größerem Ausmaß. Parallel dazu, und dem Klima des Kalten Krieges entsprechend, verstärkten bewaffnete oppositionelle Gruppen ihre Aktivitäten.

In diese Zeit zunehmender gesellschaftlicher Organisierung und Politisierung fiel das verheerende Erdbeben im Februar 1976, das an die 27.000 Tote und 70.000 Verwundete verursachte, und von dessen Zerstörungen beinahe eine Million bereits verarmter Menschen des Hochlandes und der Hauptstadt betroffen waren. Die neu entstandene Schicht aus jungen, gebildeten Mayas beobachtete aus nächster Nähe, wie guatemaltekische Staatsorgane die aus dem Ausland eintreffenden Hilfsgüter unterschlugen, während Hunderttausende Betroffene keine oder nur unzureichende Unterstützung erhielten. Diese Erfahrung radikalisierte Teile der Bevölkerung, während gleichzeitig die staatliche Repression gegen Aktivisten religiöser und anderer Kooperativen und Organisationen anwuchst und Entführungen und Ermordungen durch paramilitärische Gruppen und durch das Militär im Hochland zunahmen.

Organisationen im Widerstand zur Massakerpolitik

Parallel zur zunehmenden Verfolgung und steigenden Gewalt bildeten sich mehrere Menschenrechtsorganisationen. Als erste und größte auch indigen geprägte Vereinigung trat die Bauernorganisation Komitee der bäuerlichen Einheit CUC im April 1978 an die Öffentlichkeit. Auf CUC folgte die Nationale Kommission der Menschenrechte CDHG, die nach der Ermordung ihrer Gründerin im Oktober 1980 ins mexikanische Exil ging. Noch während der Militärdiktatur entstand 1984 die Frauen- und Menschenrechtsorganisation Gruppe zur gegenseitigen Unterstützung GAM, eine Vereinigung von Witwen und Waisen, die die Rückkehr entführter Angehöriger forderte. In den nun kommenden Jahren der zivilen Regierungen folgte die Gründung mehrerer Organisationen, die sich jeweils bestimmter menschenrechtlicher Anliegen annahmen: die Koordination der Witwen Guatemalas CONAVIGUA, der Ethnische Rat "Wir sind alle gleich" CERJ, der Rat der Vertriebenen Guatemalas CONDEG oder das Komitee für Gerechtigkeit und Frieden in Guatemala JyP (Comité Pro Justicia y Paz de Guatemala). Insbesondere CUC, GAM und CONAVIGUA gelang es, tausende Mitglieder zu registrieren und mit umfangreichen Demonstrationen an die Öffentlichkeit zu treten.

Während diese im Menschenrechtsbereich arbeitenden Organisationen einerseits eine Bewegung der Betroffenen von Massakern und Regierungsgewalt repräsentierten und zu Beginn starken Zulauf verzeichnen konnten, wurden sie andererseits auch als Vorfeldorganisationen der Guerilla - und hier insbesondere des EGP - betrachtet. Das Verhältnis der Organisationen zueinander war häufig durch Spannungen und Konkurrenz gekennzeichnet, Organisationen, die unterschiedlichen Guerillabewegungen nahe standen, kooperierten in der Regel nicht.


09. Januar 2008

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